Markus Reisner: „Die NATO ist ohne die USA gar nichts. Ohne die USA können nur 6 Prozent des NATO-Luftraums überwachen.“
© Jürg Christandl
Eine Welt in Unordnung — und was das für Österreich bedeutet
Die Welt ist unruhiger geworden. Kriege, Sabotageakte und geopolitische Verschiebungen prägen das internationale Geschehen. Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer ordnete beim letzten Vortag des Kommunalwirtschaftsforum die wichtigsten Entwicklungen ein — von der Ukraine bis zum Iran, vom Verhältnis der USA zu Europa bis zur Rolle Chinas. Dabei richtete er den Blick auch auf Österreich.
Ein zentrales Thema des Vortrags war die veränderte Haltung vieler Länder gegenüber dem Westen. Reisner stellte fest: „Der globale Süden ist nicht mehr bereit, sich bevormunden zu lassen." Viele Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika folgen nicht mehr automatisch westlichen Positionen. Sie pflegen eigene Beziehungen — auch zu Russland und China. Das erschwert internationale Koalitionen und schwächt den Druck auf Konfliktparteien.
Russland, Ukraine und ihre Unterstützer
Zum Krieg in der Ukraine erklärte Reisner, warum dieser trotz enormer Verluste auf beiden Seiten weitergeht: „Russland und die Ukraine stehen jeweils nicht alleine, sondern haben jeweils Unterstützer. Das ist der Grund, warum der Krieg noch nicht beendet ist." Russland erhält Rückendeckung aus dem Osten, die Ukraine aus dem Westen. Solange diese Unterstützung anhält, fehlen beiden Seiten die Anreize für einen Kompromiss.
Chinas Kalkül
Eine besondere Rolle spielt dabei China. Peking verfolgt laut Reisner eine klar interessengeleitete Politik: „China hat kein Interesse daran, dass Russland den Krieg verliert, weil sich die USA dann China zuwenden würde. Auch, dass die USA nicht gegen den Iran gewinnt, ist letztlich im Interesse Chinas." China stärkt indirekt jene Akteure, die die Vereinigten Staaten beschäftigt halten — ohne selbst offen in Konflikte einzugreifen.
Die NATO ohne die USA
Reisner sprach auch über die strukturelle Schwäche der NATO ohne amerikanische Beteiligung. Seine Einschätzung war deutlich: „Die NATO ist ohne die USA gar nichts. Ohne die USA können nur 6 Prozent des NATO-Luftraums überwacht werden." Diese Abhängigkeit ist keine neue Erkenntnis, gewinnt aber angesichts der aktuellen amerikanischen Außenpolitik an Brisanz.
Der Iran-Einsatz und seine Grenzen
Am Beispiel des Iran zeigte Reisner, wo militärische Stärke an ihre Grenzen stößt: „Im Iran haben die USA zwar die Streitkräfte des Irans weitgehend zerstört, aber das strategische Ziel, einen Regimewechsel, nicht erreicht." Militärische Überlegenheit allein führt nicht zwingend zu politischen Ergebnissen. Das Regime blieb trotz massiver militärischer Schläge an der Macht.
Bittere Lage für die Ukraine
Für die Ukraine verschlechtern sich die Rahmenbedingungen. Reisner beschrieb die Situation so: „Für die Ukraine ist das doppelt bitter: Einerseits werden US-Waffen, die eigentlich für die Ukraine gedacht waren, in den Nahen Osten geliefert, anderseits sagt Präsident Trump, dass er die NATO nicht mehr braucht, weil sie ihn nicht unterstützt." Die Ukraine verliert damit auf zwei Ebenen gleichzeitig: bei der Waffenversorgung und bei der politischen Rückendeckung.
Österreich im Fokus
Den Abschluss des Vortrags bildete ein Blick auf Österreich. Das Land ist nach Einschätzung von Reisner kein unbeschriebenes Blatt in der europäischen Sicherheitsarchitektur — und damit auch kein uninteressantes Ziel. „Österreich ist Knotenpunkt für die Strom- und Gasversorgung Europas sowie für zahlreichen Warentransporte. Daher ist es als Angriffsziel interessant. Es gibt auch immer wieder Sabotageakte, etwa zuletzt auf Strommasten. Das heißt nicht, dass der Krieg bei uns anklopft, aber es ist offensichtlich, dass die Situation immer schwieriger wird. Darauf müssen wir uns vorbereiten."
Für Gemeinden bedeutet das konkret: Infrastruktur, Versorgungssicherheit und Krisenvorsorge rücken stärker in den Vordergrund. Themen, die lange als abstrakt galten, sind heute Teil der praktischen kommunalen Planung.