© Jürg Christandl
Warum Gemeinden zum Mitgestalter der ärztlichen Versorgung werden müssen
Der Workshop der Österreichischen Ärztekammer traf beim Kommunalwirtschaftsforum einen Nerv: Kaum ein Thema beschäftigt Gemeinden derzeit so nachhaltig wie die Sicherstellung der medizinischen Versorgung – insbesondere im ländlichen Raum. Dr. Dagmar Fedra-Machacek und Dr. Edgar Wutscher spannten dabei den Bogen von nüchternen Zahlen bis zu sehr konkreten Erwartungen an die Kommunen.
Der Befund ist bekannt, bleibt aber dramatisch: Die Bevölkerung wird älter, der Versorgungsbedarf steigt – und gleichzeitig rollt eine Pensionierungswelle auf die niedergelassene Ärzteschaft zu. Rund 40 Prozent der Kassenärztinnen und -ärzte in der Allgemeinmedizin sind 55 Jahre oder älter. Das Problem ist also kein Zukunftsszenario mehr, sondern bereits Realität.
Zentraler Punkt der Diskussion: Attraktivität der Kassenmedizin. Junge Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich zunehmend gegen Kassenstellen – nicht aus Mangel an Idealismus, sondern wegen Rahmenbedingungen, die mit moderner Medizin und heutigen Lebensrealitäten kaum mehr vereinbar sind. Genannt wurden vor allem hohe Bürokratie, eingeschränkte Arbeitszeitmodelle, starre Vorgaben und Honorarsysteme, die Zeit für Gespräche und komplexe Behandlungen kaum abbilden.
Einigkeit herrschte darüber, dass Primärversorgungseinheiten (PVE) zwar sinnvoll sind, aber nicht überall die richtige Antwort. Gerade in Flächenbundesländern stoßen zentralistische Modelle an Grenzen. Stattdessen wurde immer wieder auf Netzwerke, Gruppen- und Gemeinschaftspraxen verwiesen – flexibel, regional angepasst und näher bei den Menschen. Dass solche Modelle oft an gesetzlichen Hürden oder wirtschaftlichen Unsicherheiten scheitern, wurde in Wortmeldungen aus dem Publikum offen angesprochen.
Ein starkes Signal ging auch an die Gemeinden: Sie sind keine bloßen Zaungäste, sondern entscheidende Akteure. Ob bei der Bereitstellung geeigneter Räumlichkeiten, als Mediator zwischen Ärzten, bei der Organisation von Diensten oder beim Aufbau regionaler Netzwerke – kommunales Engagement kann den Ausschlag geben, ob sich eine Ärztin oder ein Arzt für einen Standort entscheidet oder nicht. Wertschätzung, so der wiederkehrende Tenor, beginnt oft auf Gemeindeebene.
Diskussionsbeiträge machten zudem deutlich: Es fehlt nicht zwingend an Nachwuchs, sondern an realistischen, sicheren und flexiblen Modellen der Niederlassung. Viele junge Mediziner wollen im Team arbeiten, Teilzeitmodelle nutzen, Familie und Beruf vereinbaren und dennoch medizinisch auf hohem Niveau tätig sein. Wenn das Kassensystem hier nicht mitzieht, weichen sie in den Wahlarztbereich oder ins Angestelltenverhältnis aus.
Das Fazit des Workshops fiel klar aus: Ärztliche Versorgung ist Infrastruktur. Wer Gemeinden lebendig halten will, muss medizinische Betreuung vor Ort aktiv mitdenken und mitgestalten. Die Ärzteschaft signalisiert Bereitschaft zur Zusammenarbeit – jetzt sind Politik, Sozialversicherung und insbesondere die Gemeinden gefordert, passende Rahmenbedingungen zu schaffen.