Soziales

Familienfreundlichkeit als Prozess: Wie Gemeinden strukturiert vorgehen

„Demokratie passiert jedenfalls. Ob man es weiß oder nicht.“ Mit diesem Satz beschrieb Elisabeth Wenzl, Geschäftsführerin der Familie & Beruf Management GmbH, den Ausgangspunkt ihres Workshops. Entscheidend sei, diese Prozesse bewusst zu gestalten und zu strukturieren.

Im Mittelpunkt steht die aktive Einbindung der Bevölkerung. Gemeinden legen selbst fest, welche Themen sie bearbeiten wollen. Das kann die Kinderbetreuung sein, Angebote für Jugendliche oder Maßnahmen für ältere Menschen. Der Zugang ist offen angelegt und richtet sich nach den Bedürfnissen vor Ort.

Die Zertifizierung setzt genau hier an. Sie ist ein strukturierter Prozess, der vorhandene Angebote sichtbar macht und darauf aufbauend Verbesserungen entwickelt. Dabei werden alle Generationen einbezogen und gemeinsam Lösungen erarbeitet.

Viele Gemeinden sind bereits beteiligt

Der Ansatz ist in Österreich bereits weit verbreitet. Rund 700 Gemeinden nehmen teil. Das entspricht etwa einem Drittel aller Gemeinden. Mehr als 3,3 Millionen Bürgerinnen und Bürger profitieren von entsprechenden Maßnahmen.

Auch regionale Kooperationen spielen eine Rolle. Gemeinden schließen sich zusammen und entwickeln gemeinsame Strategien. Zusätzlich gibt es ein UNICEF-Zusatzzertifikat für kinderfreundliche Gemeinden, an dem bereits mehrere hundert Kommunen teilnehmen.

Struktur statt Einzelmaßnahmen

Ein zentrales Ziel des Prozesses ist es, bestehende Aktivitäten zu ordnen. Viele Gemeinden verfügen bereits über zahlreiche Angebote. Diese sind jedoch oft nicht systematisch erfasst oder aufeinander abgestimmt.

Der Zertifizierungsprozess schafft hier Übersicht. Er hilft, Prioritäten zu setzen und Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln. Für Politik und Verwaltung bedeutet das klare Strukturen und eine bessere interne Zusammenarbeit.

Für die Bevölkerung soll der Nutzen ebenfalls sichtbar sein. Genannt werden eine höhere Lebensqualität, mehr Beteiligung und eine bessere Orientierung bei bestehenden Angeboten.

Ablauf in mehreren Schritten

Der Prozess folgt einem klar definierten Ablauf. Zunächst steht ein Gemeinderatsbeschluss. Danach wird der Ist-Stand erhoben. Es folgen Workshops und eine breite Bürgerbeteiligung. Anschließend wird ein Soll-Zustand formuliert.

Nach einer ersten Begutachtung erhält die Gemeinde ein Grundzertifikat. In einer drei Jahre dauernden Umsetzungsphase werden die geplanten Maßnahmen realisiert. Danach erfolgt eine zweite Begutachtung und die Vergabe des Gütezeichens.

Der gesamte Entwicklungsprozess bis zum Grundzertifikat dauert etwa neun Monate. Die Umsetzung ist auf drei Jahre ausgelegt. Das Zertifikat gilt insgesamt sechs Jahre.

Unterstützung durch externe Begleitung

Ein wesentliches Element ist die fachliche Begleitung. Gemeinden werden von geschulten Prozessbegleiterinnen und Prozessbegleitern unterstützt. Diese moderieren Workshops und helfen bei der Strukturierung.

Auch der Verwaltungsaufwand soll überschaubar bleiben. Eine zentrale Datenbank dient dazu, alle Maßnahmen zu dokumentieren und jederzeit zugänglich zu machen.

Im Vortrag wird zudem betont, dass keine vollständige Neuausrichtung notwendig ist. „Sie fangen nicht bei null an“, sagt Wenzl. Bestehende Projekte werden einbezogen und weiterentwickelt.

Kosten und Ressourcen

Die Teilnahme am Prozess ist für Gemeinden grundsätzlich kostenlos. Kosten entstehen vor allem bei den externen Begutachtungen. Diese liegen je nach Einwohnerzahl bei rund 1.500 bis 1.750 Euro. Ein Teil der Kosten wird übernommen.

Der größere Aufwand liegt in der Organisation innerhalb der Gemeinde. Eine verantwortliche Person koordiniert den Prozess. Der zeitliche Einsatz kann mehrere Stunden pro Woche betragen.

Herausforderungen im Alltag

In der Diskussion nach dem Vortrag wird deutlich, dass viele Gemeinden bereits zahlreiche Maßnahmen umsetzen. Diese werden jedoch nicht immer als Teil eines Gesamtkonzepts wahrgenommen.

Ein Workshop-Teilnehmer meinte, dass viele Angebote „selbstverständlich“ geworden seien. Dazu zählen etwa Mittagstische für ältere Menschen oder Betreuungsangebote für Kinder. Der Prozess könne helfen, diese Leistungen sichtbar zu machen und gezielt weiterzuentwickeln.

Ein weiterer Punkt ist die Priorisierung. Nicht alle Ideen können gleichzeitig umgesetzt werden. Wichtig ist daher eine klare Kommunikation. Gemeinden müssen entscheiden, welche Zielgruppen im jeweiligen Zeitraum im Mittelpunkt stehen.

Blick auf alle Generationen

Der Ansatz geht über klassische Familienpolitik hinaus. Im Vortrag wird betont, dass alle Menschen Teil von Familienstrukturen sind. Dazu zählen auch ältere Personen, pflegende Angehörige oder alleinlebende Menschen.

Themen wie Einsamkeit oder Pflege gewinnen dabei an Bedeutung. Ziel ist es, auch jene Gruppen einzubeziehen, die bisher weniger im Fokus standen.

Die Maßnahmen werden entlang verschiedener Lebensphasen und Handlungsfelder entwickelt. Dadurch entsteht ein Überblick darüber, wo bereits Angebote bestehen und wo noch Lücken sind.

Langfristige Verankerung

Ein wichtiges Thema ist die Nachhaltigkeit. Politische Veränderungen oder Personalwechsel können Prozesse in Gemeinden beeinflussen. Laut Vortrag zeigt sich jedoch, dass die strukturierte Dokumentation Vorteile bringt.

Alle Maßnahmen werden erfasst und bleiben nachvollziehbar. Neue Verantwortliche können darauf aufbauen. In einzelnen Gemeinden wird der Prozess bereits seit vielen Jahren weitergeführt.

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