Peter Klar
Peter Klar: „Kein Arzt kann sich heutzutage hinsetzen und bei Problemen in der Familie, bei der Organisation von Pflegeangehörigen oder bei anderen sozialen Themen umfassend helfen – dafür gibt es ein Team, das zum Patienten kommen kann, Hausbesuche machen kann, sich die Situation vor Ort anschauen kann.“

„Digitalisierung in der Medizin ist mehr als Videotelefonie“

Peter Klar, Bürgermeister von Laab im Walde, ist Anästhesist, tätig auf der Intensivstation im Universitätsklinikum St. Pölten, Mitgründer eines Primärversorgungszentrums in Breitenfurt und engagiert sich über die ABCA – die Genossenschaft für Primärversorgung und Digitalisierung Österreich – für die digitale Transformation im niedergelassenen Bereich. Im Gespräch erläutert er die Vorteile von Primärversorgungseinheiten, die Chancen der Telemedizin für ländliche Gemeinden und die strukturellen Hürden bei der Finanzierung von Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Herr Bürgermeister, wo sind Sie als Arzt tätig?

Peter Klar: Ich bin Anästhesist und in St. Pölten auf einer Intensivstation tätig – dort bin ich in den letzten Monaten meiner Facharztausbildung und arbeite noch etwa zehn Stunden pro Woche. Daneben bin ich im Primärversorgungszentrum in Breitenfurt tätig, wo ich gemeinsam mit vier Kollegen eine Primärversorgungseinheit betreibe.

Parallel dazu engagiere ich mich über die ABCA – das ist die Genossenschaft für Primärversorgung und Digitalisierung Österreich. Das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Erstversorgern in einer Genossenschaft, die Digitalisierung voranbringen wollen. Wir haben gemerkt, dass man Digitalisierung alleine weder finanzieren noch umsetzen kann. In dieser Genossenschaft sind etwa 40 bis 50 Primärversorgungseinheiten und niedergelassene Ärzte zusammengeschlossen, die gemeinsam die Digitalisierung vorantreiben.

Welche Vorteile hat eine Primärversorgungseinheit für Patienten und für die Gemeinde?

Grundsätzlich geht es um Versorgungszeiten, Präsenz und Verfügbarkeit. In vielen Regionen braucht es eine hohe Abdeckung bei den Öffnungszeiten – das ist das zentrale Thema. Eine Primärversorgungseinheit bietet viel höhere Öffnungszeiten als eine herkömmliche Ordination: Wir haben jeden Tag von Montag bis Freitag von 8 Uhr früh bis 20 Uhr abends durchgehend geöffnet, und auch am Wochenende – Samstag und Sonntag. Das schafft ein einzelner Hausarzt einfach nicht, selbst eine Gruppenpraxis schafft diese Präsenzzeiten nicht.

Der zweite große Vorteil ist, dass Primärversorgungszentren auf die Breite eines ganzen Teams zugreifen können. Wir haben Unterstützung von der Sozialarbeit über Logopädie bis hin zu verschiedenen Berufsgruppen und Pflegekräften, die sowohl die Ärzte als auch die Patienten unterstützen. Damit hat man eine viel breitere Versorgungsmöglichkeit. 

Kein Arzt kann sich heutzutage hinsetzen und bei Problemen in der Familie, bei der Organisation von Pflegeangehörigen oder bei anderen sozialen Themen umfassend helfen – dafür gibt es ein Team, das zum Patienten kommen kann, Hausbesuche machen kann, sich die Situation vor Ort anschauen kann. Wenn man überlegt, dass man für so einen Einsatz schnell ein bis zwei Stunden beschäftigt ist – in der Zeit hätte man schon viele Patienten in der Ordination versorgen können. Es ist also eine sinnvolle Verteilung von früher rein ärztlichen Leistungen auf andere Berufsgruppen.

Das bringt natürlich auch Herausforderungen mit sich: Die Patienten müssen sich daran gewöhnen, dass ein ganzes Team sich um sie kümmert und nicht mehr ein einzelner Arzt. Es ist nicht mehr so arztzentriert, sondern es geht darum, dass die bestmögliche Qualität von der Berufsgruppe kommt, die es am besten kann. Der Nachteil ist, dass es den „persönlichen Arzt“ in dem Sinn nicht mehr garantiert gibt. Aber wenn man sich nach den Zeiten richtet, in denen die Ärzte da sind, hat man auch in der Primärversorgungseinheit seinen persönlichen Hausarzt. Und selbst wenn dieser einmal nicht da ist, gibt es einen Ersatzarzt, der auf alle Daten zugreifen und nahtlos weiterbehandeln kann.

Der Vorteil ist außerdem, dass man mehr Perspektive und Expertise im Team hat: Der eine kennt sich besser mit Diabetes aus, der andere mit kardiologischen Erkrankungen, der dritte mit Rheumatologie. Die Hausärzte bauen sich jeweils ein eigenes Fachgebiet aus, und oft wird ein Patient von zwei oder drei verschiedenen Ärzten behandelt – jeweils von dem, der im jeweiligen Bereich mehr Erfahrung hat. Das kommt den meisten Patienten sehr zugute.

Grundsätzlich entwickelt sich Primärversorgung weiter. Bei uns werden zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen angeboten – sogenannter Point-of-Care-Ultraschall. Das heißt, wenn jemand etwa mit Verdacht auf Thrombose kommt, kann direkt vor Ort untersucht werden. Ziel ist es, jeden Patienten einschätzen zu können: Gehört er ins Spital, kann man ihn selbst behandeln, oder gibt es andere Möglichkeiten? Dafür braucht es eben mehr Untersuchungsmöglichkeiten – jeden Tag Blutabnahmen, jeden Tag Ultraschall. Das macht auch bei Akutpatienten Sinn, um einzuschätzen, in welches Krankenhaus sie gehören – ins nächstgelegene oder doch in eine spezialisierte Abteilung.

Primärversorgungszentren sind sicher nicht für jede Region das Richtige – nicht jede kleine Gemeinde kann eines haben. Aber ähnlich wie Gemeinden in Verbänden umdenken mussten, muss man auch medizinisch umdenken. Das sind die Arbeitsplätze der Zukunft, an denen Medizinerinnen und Mediziner wieder als Hausärzte arbeiten wollen und können – weil die Fallzahlen hoch genug sind und die Bandbreite groß genug ist. Ich glaube, das ist auch ein Konzept, um Ärzte im niedergelassenen und öffentlichen Bereich zu halten.

Welche Chancen bietet Telemedizin speziell für kleinere und ländliche Gemeinden?

Telemedizin kann ein erster Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten sein, wenn sie keine Orientierung haben, wo sie im Gesundheitssystem hin müssen: Soll ich ins Spital fahren oder in die Primärversorgungseinheit? Das ist der eine Teil.

Der zweite Teil ist, dass man gewisse Dinge wie Krankmeldungen oder ähnliche Angelegenheiten, für die man sonst den Weg in die Hausarztordination antreten muss – vielleicht mit Durchfall oder anderen Erkrankungen, die relativ einfach einzuschätzen sind – telefonisch mit einer ärztlichen Anamnese sehr gut abklären kann. Das erspart den Patienten den Weg in die Ordination.

Vor allem für Patientinnen und Patienten, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, bringt das massiven Mehrwert: Sie behalten den Kontakt zum Hausarzt, können Befundbesprechungen oder andere Anliegen, die keinen physischen Besuch erfordern, einfach online erledigen. Das bringt aber auch Patienten im Berufsleben viel, die sich aufgrund chronischer Erkrankungen ohnehin schon viele Termine wahrnehmen müssen und sich nicht auch noch für einfache Befundbesprechungen ins Wartezimmer setzen wollen. Das kann man für beide Seiten sehr effektiv abkürzen.

Hat sich Ihr Zugang zur Digitalisierung im Gesundheitsbereich verändert, seitdem Sie auch politisch tätig sind?

Digitalisierung war mir immer schon wichtig, weil ich mir gedacht habe, das ist sinnvoll, um Arbeitskräfte zu entlasten und Doppelarbeit zu vermeiden. Ich habe vielleicht insofern einen anderen Blick bekommen, als man sieht, dass viele wollen, dass sich im System etwas bewegt – sich aber kaum etwas bewegen kann, weil die Finanzierung dieser Digitalisierungsthemen falsch aufgestellt ist.

Wir haben zwar mittlerweile die richtige Tendenz, dass es einen gemeinsamen Topf gibt, aus dem finanziert werden kann. Aber real kommt da wenig an, weil man nicht die bestehenden Strukturen fördert, sondern parallele Strukturen aufbaut. Anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man den niedergelassenen Bereich besser unterstützen kann – der in vielen Belangen bei der Digitalisierung zu wenig Geld hat –, sagt man: „Die können das nicht, also brauchen wir ein neues Callcenter, eine zusätzliche Struktur.“ Diese kostet dann meistens ein Vielfaches mehr als im niedergelassenen Bereich, aber das hat man einfach nicht im Blick.

Ein gutes Beispiel: Wenn Politiker davon reden, dass 1450 alle Probleme lösen wird, ist das eine völlig falsche Einschätzung. Zwei Ordinationen von uns haben am Tag so viel Frequenz wie 1450 in ganz Niederösterreich. 1450 hat mit zehn Millionen Euro Budget etwa 500 bis 600 Anrufe am Tag. Zwei Ordinationen managen 800 Anrufe am Tag – mit völlig anderen Budgets. Die Zahlen, die im niedergelassenen Bereich insgesamt anfallen, darf man nicht unterschätzen.

Wenn man nur Eins-zu-eins-Telefongespräche macht, wird das technisch nicht funktionieren. Man muss bei Terminbuchung und anderen Prozessen viel massiver digital unterstützen. Wir versuchen gerade über die ABCA, für ein Telemedizinprojekt 30.000 Euro aufzutreiben, das die 1450 in den niedergelassenen Bereich einbinden und Termine vergeben kann. Das findet jeder gut, aber niemand kann es bezahlen: Die Ärztekammer kann es nicht finanzieren, das Land verweist auf andere Zuständigkeiten – vielleicht der NÖGUS, vielleicht eine andere Stelle. Bei solchen freiwilligen, aber wichtigen Dingen wird es richtig kompliziert.

Eines muss man aber betonen: Digitalisierung in der Medizin ist nicht nur Videotelefonie. Vor allem muss es darum gehen, Patienten über Portale Möglichkeiten zu bieten – Termine zu buchen, Befunde hochzuladen, Rezepte zu bestellen, mit dem Gesundheitssystem zu interagieren. Und auch wenn 1450 ein wichtiger Anlaufpunkt ist, besonders für Patienten, die keinen Hausarzt haben: Mit einem Callcenter allein löst man die Probleme der breiten Masse nicht.

Schlussendlich will jeder Digitalisierung und jeder will die Bewegung dorthin – das ist auch nicht selbstverständlich. Aber der wichtigste Punkt wird sein: eine Finanzierung aus einer Hand, aus dem Gesundheitssystem. Das wird viel bewegen.

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