Ärztin mit Stethoskop spricht mit Patienten
Im Kassenbereich gibt es einen Ärztemangel.
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Die drängendsten Probleme des Gesundheitssystems

Österreichs Gesundheitssystem gilt international als hochwertig, ist aber unter Druck. Fachleute und politische Akteure sind sich in der Diagnose weitgehend einig: Das System ist gut, aber teuer, ineffizient und strukturell gefährdet.

Zwei Klassenmedizin

Die Zahl der Wahlarzt-Besuche steigt kontinuierlich. Die ÖGK-Ausgaben für wahlärztliche Kostenerstattungen sind deutlich gestiegen – nach verfügbaren Schätzungen von rund 351 Mio. Euro (2020) auf zuletzt rund 686 Mio. Euro. (Anm.: Exakte Endwerte noch nicht primärquellenfest abgesichert; Trend jedoch durch ÖGK-Berichte klar belegt.) Das System droht sich faktisch in ein Zwei-Klassen-System aufzuteilen – wobei dieser Begriff analytisch zu verstehen ist, nicht als rechtlich definierter Fakt.

Pensionierungswelle & Nachwuchsproblem

33,3 Prozent der österreichischen Ärzteschaft (Stand 31.12.2024: 52.005 Personen) sind bereits über 55 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren gehen rund 18.189 Ärztinnen und Ärzte in Pension. Gleichzeitig gibt es zu wenig Ausbildungsplätze: An der Med-Uni Wien absolvierten zuletzt 617 Studierende, aber nur 184 Basisausbildungsplätze standen zur Verfügung. Wartezeit auf einen Ausbildungsplatz: durchschnittlich 18 Monate. Ein Drittel der Absolventinnen wandert ins Ausland ab.

Medikamentenversorgung

Laut BASG waren im Herbst 2024 mehrere hundert Medikamente nur beschränkt oder gar nicht verfügbar – (ursprüngliche Zahl: 551; laut Faktencheck stichtagsabhängig und nicht stabil primärquellenfest belegt). Lieferkettenprobleme und wirtschaftliche Anreizstrukturen gefährden die Arzneimittelsicherheit.

Ärztemangel im Kassenbereich 

Österreich hat mit 5,4 Ärztinnen und Ärzten pro 1.000 Einwohnern eine hohe Ärztedichte – aber nur 14 Prozent davon sind Allgemeinmediziner (OECD-Schnitt: 23 %). Die Kassenarztdichte sinkt: Von 2017 bis 2025 schrumpfte etwa die Zahl der Kassenhautärztinnen um 70 Stellen. Eine Hausärztin betreut heute bis zu 4.900 Patientinnen und Patienten pro Quartal. Jährlich müssten 1.818 neue Ärzte eingestellt werden, nur um den Status quo zu halten.

Unterversorgung im ländlichen Raum

Der Ärztemangel trifft ländliche und strukturschwache Regionen besonders hart. Während Ballungsräume vergleichsweise gut mit Kassenärztinnen und -ärzten versorgt sind, kämpfen viele Gemeinden abseits der Zentren mit unbesetzten Kassenstellen oder drohenden Schließungen von Hausarztpraxen. Wirtschaftlich attraktivere Bedingungen und bessere Infrastruktur in Städten veranlassen einen Großteil der Absolvierenden, sich dort niederzulassen. Die Primärversorgungseinheiten (PVE) wurden politisch explizit als Antwort auf diese räumliche Versorgungslücke konzipiert.

Nachhaltigkeit der Finanzierung

Die Gesundheitsausgaben steigen schneller als das BIP. 2021 betrugen allein die öffentlichen Ausgaben für Fondskrankenanstalten 14 Mrd. Euro. Demografischer Wandel, steigende Pflegebedarfe und teurere Therapien erhöhen den Druck. Das KDZ weist darauf hin, dass die Lohnabhängigkeit der Finanzierung strukturell problematisch ist, weil der Anteil der Löhne am BIP sinkt.

Lange Wartezeiten

Patientinnen und Patienten warten teils Monate auf Facharzttermine auf Kasse. In Niederösterreich wurde für eine Kinderpolypen-OP eine Wartezeit von eineinhalb Jahren in Aussicht gestellt. Die Folge: Wer es sich leisten kann, wechselt zum Wahlarzt; wer es sich nicht leisten kann, weicht in überlastete Spitalsambulanzen aus.

Fachärztliche Wartezeiten (überregional)

Auf überregionaler Ebene betrifft der Mangel vor allem Fachärztinnen und Fachärzte im Kassenbereich. Lange Wartezeiten auf Termine (teils Monate) drängen Patientinnen  Patienten entweder in überlastete Spitalsambulanzen oder – sofern finanziell möglich – zu Wahlärztinnen und Wahlärzten.

Fragmentierung & Ineffizienz

Das Nebeneinander von neun Ländersystemen, Sozialversicherung und Bundesebene führt zu Parallelstrukturen, Über- und Unterversorgung sowie hohen Koordinationskosten – ein Befund, der von OECD, IHS und Rechnungshof gestützt wird, wenngleich eine exakte Quantifizierung der Ineffizienzen methodisch schwierig bleibt. IHS-Forscher Thomas Czypionka benennt als zentrale Ursache die „fragmentierten Finanzierung und Zuständigkeiten“. Die Akteure agieren in ihren Kompetenz-Silos, Sektorengrenzen behindern eine integrierte Versorgung.


 

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