Edgar Wutscher: „Wenn kein Arzt in der Gemeinde ist, ist das für junge Familien ein Grund zu gehen.“
„Niemand soll krank durch die Weltgeschichte fahren müssen“
311 offene Kassenstellen, 175 davon in der Allgemeinmedizin - die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Für die Gemeinden ist der fehlende Landarzt längst keine abstrakte Statistik mehr, sondern gelebte Realität: Junge Familien wandern ab, ältere Menschen haben weite Wege zu Arzt und Apotheke. KOMMUNAL hat Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, gefragt, was sich ändern muss – und was Bürgermeisterinnen und Bürgermeister selbst in die Hand nehmen können.
Herr Dr. Wutscher, wenn Sie mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern auf der Kommunalmesse sprechen - was hören Sie als dringlichste Sorge?
Die Bürgermeister wenden sich erfreulicherweise an uns – das ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir auf die Kommunalmesse fahren. Sie artikulieren ihre Sorgen über die Versorgung mit Ärzten und Ärztinnen in den Gemeinden und fragen uns um Rat, was man gemeinsam tun könnte, um wieder Landärzte in die Gemeinden zu bekommen. Das hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Es bleibt eigentlich immer das Gleiche - aber die Dringlichkeit wächst.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem fehlenden Kassenarzt und der Abwanderung der Bevölkerung?
Ich glaube schon. Wenn kein Arzt in der Gemeinde ist, ist das für junge Menschen, insbesondere für junge Ehepaare und Familien, mit ein Grund, warum sie sagen: Wir gehen woanders hin, weil wir einfach keine ärztliche Versorgung haben. Das ist sicher ein Faktor.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Bürgermeisterinnen und Bürgermeister - was können sie aktiv tun?
Meine Botschaft ist, dass wir als Ärztekammer gemeinsam mit den Gemeinden besprechen, wo das Problem liegt und wie eine Gemeinde unterstützen kann. Das ist ganz vielfältig: Unterstützung bei der Suche nach Räumlichkeiten, Hilfe bei der Frage, wie Dienste gemeinsam organisiert werden können – da kann die Gemeinde beratend zur Seite stehen und jungen Interessentinnen und Interessenten Lösungsmöglichkeiten aus der spezifischen Ortssituation aufzeigen. Das funktioniert. Und dann wird manchem Jungen auch die Angst genommen, was ihn auf dem Land erwartet.
Der Bürgermeister kann dabei als Mediator einsteigen und sagen: Wir gehen weg davon, dass ihr das nur allein ausmachen müsst. Setzen wir uns zusammen, besprechen wir die Situation, und räumen wir gemeinsam die Ängste weg. Das klingt simpel, aber es wirkt.
Was die formale Mitsprache bei der Planung von Kassenstellen betrifft: Leider wurden wir als Ärztekammer bei der letzten Gesundheitsreform aus der Zielsteuerungskommission ausgeschlossen. Weder Gemeinden noch Ärzte haben derzeit direkten Einfluss darauf, wo eine Stelle gebraucht wird. Das macht allein die Politik gemeinsam mit der Sozialversicherung. Ich bin überzeugt, dass das ein Fehler ist. Die Experten vor Ort – Ärzte und Gemeinden – können das viel besser beurteilen als eine Kommission in der Landeshauptstadt, die über statistische Zahlen drüberfährt.
Primärversorgungszentren gelten politisch als die Lösung schlechthin. Teilen Sie diese Einschätzung?
Primärversorgungszentren können sinnvoll sein. Aber der Hinweis, dass damit alle Probleme gelöst werden, ist ein politischer Gag. In Ballungsräumen ist es durchaus sinnvoll, sie aufzustellen.
Nur: Wenn ich die Struktur Österreichs anschaue, wo wir ländliche Gebiete mit Tälern haben, die 50 Kilometer lang sind - da wird sich das nie mit einer Primärversorgungseinheit spielen. Ich kann nicht an den Talanfang ein Zentrum hinsetzen. Und was tut der Arzt vorne, wenn hinten jemand mit hohem Fieber im Bett liegt und 50 Kilometer entfernt ist? Es braucht den Mix: Primärversorgungseinheiten fördern und gleichzeitig Gemeinschaftspraxen und Einzelordinationen erhalten. Nur so können wir wirklich flächendeckend versorgen.
Sie haben jahrelang für den neuen Facharzt für Allgemeinmedizin und Familienmedizin gekämpft. Was ändert sich konkret?
Das war uns wirklich wichtig, weil Studien gezeigt haben: Junge Ärztinnen und Ärzte haben ein Missverhältnis zwischen der Sonderfach-Ausbildung und der Allgemeinmedizin wahrgenommen - nach dem Motto, das ist so der Kleine, der eh nichts kann. Das haben wir jetzt geändert. Und was mich besonders freut: In diesen Studien stand oben an Facharztanerkennung und Wertschätzung – das Geld kam erst hinten. Das muss man den Jungen heute noch hoch anrechnen.
Mit dem neuen Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin werden sechs Jahre Ausbildung schrittweise eingeführt - bis 2030 läuft das voll an. Entscheidend ist: In diesen sechs Jahren sind zwei Jahre Lehrpraxis in einer niedergelassenen Ordination vorgesehen. Das ist der Schlüssel. Wenn ein junger Kollege heute in meiner Praxis mitarbeitet, sagt fast jeder: Ich habe mir nicht vorgestellt, dass Allgemeinmedizin so interessant ist, dass man so viel tun kann.
Das optimale Modell wäre: Das erste Jahr nach dem Studium in einer Lehrpraxis – damit man sieht, wie das niedergelassene Leben funktioniert. Dann die Fächer im Krankenhaus. Und das letzte Jahr wieder draußen in der Praxis. Dann hat man so viel Erfahrung, dass man wirklich voll einsteigen kann.
Gibt es bei der Finanzierung der Lehrpraxis noch Probleme?
Da muss ich wirklich ärgerlich werden. Ohne uns zu fragen hat man geregelt, dass der Lehrpraxisleiter heuer 30 Prozent des Gehalts des Lehrpraktikanten selbst zahlen muss – ab nächstem Jahr sind es 35 Prozent. Im Ministerium sagt man, der Lehrpraktikant kann ja voll in der Ordination arbeiten. Dann frage ich: Warum zahlt das Krankenhaus die Leute, die dort voll arbeiten? Weil sie noch in Ausbildung sind! Da wird es daran scheitern, dass viele Lehrpraxisleiter sagen: Das kann ich mir nicht leisten.
Erschwerend kommt hinzu: In sieben Bundesländern bleibt der Lehrpraktikant im Krankenhaus angestellt und kann dort weiterhin Nachtdienste machen – eine finanzielle Absicherung für beide Seiten. In zwei Bundesländern, darunter leider Tirol, haben die Landeskliniken das abgelehnt. Das Ergebnis: Es kracht in den Krankenhäusern bei den Nachtdiensten, und die jungen Ärzte haben obendrein finanzielle Einbußen. Das ist ein gordischer Knoten, den nur eine große politische Lösung auflösen kann.
Kann Telemedizin bei der Versorgung am Land helfen?
Grundsätzlich läuft Telemedizin ja schon - sie fängt an, wenn ich zum Telefon greife und einen Patienten berate. Sie wird die Versorgung sicher verbessern. Aber wir hängen dabei wieder an bürokratischen Problemen. Wir haben seit Langem vorgeschlagen, Teilkassen-Erträge zu schaffen: Eine Ärztin, die gleichzeitig eine Familie mit Kindern hat, könnte zehn Stunden pro Woche telemedizinische Leistungen erbringen - Videogespräche, einfache Beratungen - und dafür einen Teilkassenvertrag bekommen. Das System kennt das aber nicht: Entweder man macht alles oder gar nichts.
Ein positives Beispiel ist das Projekt Herzmobil: Chronisch Herzkranke erhalten telemedizinische Ausrüstung, die dem behandelnden Arzt automatisch Daten übermittelt. Das ließe sich auf viele andere Bereiche ausweiten. Dass Gemeinden dabei helfen, bestimmte Patientengruppen so zu erreichen – das ist ein echtes Zukunftsprojekt. Aber: Das ist nichts, was man von heute auf morgen umsetzt.
Das Thema Hausapotheken verfolgt die Diskussion seit Jahrzehnten. Warum kommt keine Lösung?
Meine Botschaft seit ewigen Zeiten: Bringt Politik, Sozialversicherung, Apothekerkammer und Ärztekammer an einen Tisch. Damit sie sich, wenn sie sich sehen, sagen können, was los ist - anstatt durch die Medien Botschaften auszurichten, wer jetzt der größere Knaller ist. Es braucht eine Koexistenz zwischen Hausapotheken und öffentlichen Apotheken. Es kann nicht sein, dass in ländlichen Bereichen die öffentliche Apotheke die Versorgung übernimmt, weil es wirtschaftlich schlicht nicht geht. Man muss sich zusammensetzen und fragen: Wo braucht es was? Und zwar mit dem Blick auf die Bevölkerung – nicht auf den Apotheker und nicht auf den Doktor.
Das Beispiel Sölden macht das deutlich: Die Gemeinde ist geografisch riesig - für ein Rezept müssen Menschen 14 Kilometer ins Tal fahren. Hin und zurück also 28 Kilometer für eine Kopfschmerztablette. Das ist in meinen Augen keine zeitgemäße Versorgung.
Die Ärztekammer ist beim Thema Impfen in Apotheken gesprächsbereit - aber es ist kein Tauschgeschäft?
Ich möchte klarstellen: Das ist kein Tauschgeschäft! Impfen in Apotheken und Dispensierrecht haben nichts miteinander zu tun. Beim Impfen in Apotheken bin ich durchaus gesprächsbereit – aber unter klaren Bedingungen: dieselben Hygienestandards, dieselbe Aufklärungspflicht, Eintragung in den Impfpass, und vor allem klare Haftungsregeln.
Auf der anderen Seite: Warum soll ein Arzt oder eine Ärztin nicht freiwillig eine definierte Gruppe von Medikamenten - Blutdruck, Fieber, Antibiotika, acht bis zehn Gruppen – direkt in der Ordination mitgeben können? Wenn ich jemanden mit Bronchitis behandle, gibt es keine rationale Begründung, warum ich ein Penicillin aufschreibe und der Patient dann noch in die Apotheke torkeln soll, hustend unter andere Leute. Das ist keine Konkurrenz zur Apotheke – das ist Patientenversorgung.
Welche Rolle können Gemeinden bei Prävention und Pflege spielen?
Auf Gemeindeebene ließe sich schon einmal ein Gesundheitstag oder ein Gesundheitsabendvortrag organisieren: Was bringt Vorsorge? Was ist der Sinn von Prävention? Die Ärzte müssen es auch tun - und die Gemeinden können informativ sehr viel beitragen.
Dass Anreize funktionieren, beweist die SVS - die Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft. Die haben eingeführt: Wer zur Vorsorgeuntersuchung geht, bekommt 100 Euro. Die Rechnung dahinter: Wenn wir dem heute 100 Euro geben, damit er zum Arzt geht, sparen wir in zehnw Jahren ein Vielfaches. Das Ergebnis: SVS-Versicherte kommen jetzt zu 40 Prozent zur Vorsorge – gegenüber dem österreichischen Schnitt von 16 Prozent. Das sind Zahlen, die für sich sprechen.
Bei der Pflege sind Gemeinden ohnehin schon Mitfinanzierer – das vergisst man leicht. Wichtig ist, chronisch Kranke früh und intensiv zu betreuen, damit man in 15 Jahren keine schweren Pflegefälle hat. Und der Bürokratismus, den Angehörige bei der Pflegeorganisation durchlaufen müssen, gehört dringend entstaubt.
Wenn Sie der Bundesregierung eine einzige gesundheitspolitische Forderung stellen könnten - welche wäre das?
Dass man wieder kapiert, dass Ärztinnen und Ärzte etwas wert sind – und dass man mit ihnen spricht, bevor man in den Medien ankündigt, man werde Honorare deckeln oder Vertragsärzte unter Druck setzen. Das ist kein Zeichen von Wertschätzung. Diese Botschaft muss ankommen.
Zur Person
Edgar Wutscher ist Allgemeinmediziner in Tirol, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte. Er hat die Einführung des neuen Facharztes für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Beschluss März 2024) maßgeblich vorangetrieben und vertritt die niedergelassenen Ärzte in den laufenden Gesamtvertragsverhandlungen mit der ÖGK.