Robert Mayer, Präsident des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes: „Selbst die großen Hersteller haben gesagt: Es darf auch kein Wettbewerb wegbrechen. gehen. Monopole müssen verhindert werden.“
© Hermann Kollinger
Feuerwehren
„Wenn wir nicht gegensteuern, gerät das System aus dem Gleichgewicht“
Robert Mayer, Präsident des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes, über die Kostenexplosion bei Feuerwehrfahrzeugen und den langen Weg zur Standardisierung – und warum der Bund endlich handeln müsste.
Es gibt Gespräche, die man entspannt beginnt – und die einem dann die Dimension eines Problems erst richtig klarmachen. Das Interview mit Robert Mayer, seit 2022 Präsident des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes (ÖBFV), ist so eines.
Mayer ist kein Alarmist. Er wählt seine Worte sorgfältig, er sieht die Dinge von mehreren Seiten. Und genau deshalb wiegt es umso mehr, wenn er sagt: Die Lage ist ernst. Nicht abstrakt-ernst, sondern konkret-ernst, messbar in Finanzierungsplänen, die Gemeinden nicht mehr aufstellen können, in Fördertöpfen, die der Teuerung nicht mehr folgen, und in einer Kostenkurve, die in den letzten drei Jahren einen drastischen Knick nach oben gemacht hat.
Die Lage: Eine Eskalation, die messbar wird
Die Dramatik zeigt sich, laut Mayer, nicht in Einzelfällen, sondern in der Statistik der Beschaffungsprogramme. Als Landesfeuerwehrkommandant von Oberösterreich hat er einen direkten Einblick in das, was sich hinter den Zahlen verbirgt. „Wir sehen ganz klar, dass immer mehr Gemeinden die Finanzierungspläne in dieser Form nicht aufstellen können. Die Gesamtsituation – Teuerung, Preisentwicklung, knappe Finanzen – macht es immer schwieriger, solche Großprojekte zu stemmen. Und wir wissen, wie viele Feuerwehren eigentlich im Beschaffungszyklus drin wären – und wie viele dann tatsächlich realisieren können. SteigenDiese Zahlen gehen immer weiter auseinander.“
Großprojekte: Das ist das Wort, das Mayer für ein Fahrzeug verwendet. Und es ist nicht übertrieben. Je nach Fahrzeugtyp – ob Tanklöschfahrzeug, Rüstlöschfahrzeug oder HLF – bewegen sich die Kosten bei 550.000 Euro aufwärts. Eine Preissteigerung von bis zu 30 Prozent in nur zwei bis drei Jahren bei einzelnen Fahrzeugtypen ist nicht mehr zu absorbieren.
Der Moment, an dem Mayer klar wurde: Es braucht Maßnahmen? Wenn die Kurve der Teuerung so massiv von der Linie der verfügbaren Mittel abweicht, dass das System aus dem Gleichgewicht gerät – und das, sagt er, ist in den letzten drei Jahren passiert. „Man kann sich das fast linear vorstellen: leicht steigende Einnahmen – auch aus den Katastrophenfondsmitteln – und auf der anderen Seite eine Teuerung, die exorbitant dagegen steigt. Diese Entwicklung hat einfach einen drastischen Knick nach oben gemacht. Und damit war klar: Wir brauchen Maßnahmen, steuernum gegensteuern zu können.“
Die Ursachen: Normen, Preise – und ein wenig Markenfetischismus
Beim Fahrzeuggipfel im Februar 2026 in Linz, bei dem Fahrzeughersteller, Aufbaufirmen, Feuerwehrverbände sowie Gemeinde- und Städtebund an einem Tisch saßen, war man sich einig: Die Hauptkostentreiber sind externe Faktoren – gestiegene Fahrgestellpreise, Materialkosten, neue europäische Normanforderungen. Trotzdem blieb auch die Frage auf dem Tisch, welchen Beitrag die österreichische Beschaffungskultur selbst leistet.
Mayers Antwort ist differenziert. Ja, Individualität kostet. Jedes Fahrzeug, das als Unikat gefertigt wird, wird in der Herstellung auch als Unikat behandelt. Aber er will das Problem nicht monokausal auf die Sonderwünsche der Feuerwehren reduzieren. „Ich glaube, man muss da viele positive Aspekte berücksichtigen. Individualitäten entstehen oft durch besondere Anforderungen. Man kann das nicht nur über einen Kamm scheren. Aber klar ist: Wenn ich natürlich das Fahrzeug von jeder Lade, jedem Fach im Detail beschreibe und alles anders gestalte als die Vorgaben, dann komme ich zu Mehrkosten. Und ich kann das an einem konkreten Beispiel festmachen.“
Das Beispiel: Eine Bürgermeisterin, die ihn bei der Bürgermeisterakademie auf dem Podium anspricht. Ihre Gemeinde hatte ein Rüstlöschfahrzeug nach den Wünschen des Kommandos individuell konzipiert und separat ausgeschrieben. Bei der Angebotseröffnung: ein einziges Kuvert. Und darin ein Preis, der die verbandsseitigen Normkosten um 120.000 Euro überstieg. Mayer macht es an diesem Fall nicht nur an der Individualität fest – aber er sagt auch: Selbst, wenn nur ein Drittel dieser Mehrkosten damit zusammenhängt, ist das zu viel.
Beim Thema Markenfetischismus – Gemeindebundpräsident Johannes Pressl hatte diesen Begriff öffentlich geprägt – pflichtet Mayer grundsätzlich bei, relativiert aber. „Den Markenfetischismus gibt es bis zu einem gewissen Grad. Er begründet sich aber auch damit, dass man schauen muss, wo die nächste Werkstätte ist. Wenn die Werkstatt des XY-Typs in der Nachbargemeinde ist und die ZZ-Niederlassung erst in Salzburg – das ist ein realer Faktor. Trotzdem: Es fokussiert sich sehr stark auf einige große Hersteller, und andere, die preislich günstiger liegen, werden dann mit dem Argument abgelehnt: Das kann nichts Gescheites sein. Das stimmt so aber nicht.“
Noch ein Kostentreiber, der beim Gipfel für Überraschung sorgte: die Fahrassistenzsysteme der neuen Generation. GSR-II-Regelungen schreiben Systeme vor, die für den normalen Straßenverkehr sinnvoll sind – im Feuerwehreinsatz aber kontraproduktiv werden können. „Einfahren in eine Rettungsgasse, in enge Gassen – das Fahrzeug sagt: Ich fahre nicht. Das Assistenzsystem sagt Stopp, und wir stehen. Das können wir uns nicht leisten. Und dann brauchen wir Lösungen, wie wir diese Systeme im Einsatz wegbringen. Die müssen entwickelt und eingebaut werden – und das kostet.“
Beim Gipfel zeigte sich außerdem: Die rechtliche Interpretation dieser ‚Blaulichtschaltung‘ ist keineswegs einheitlich. Eine Firma sagte, mit einem Knopfdruck seien alle Assistenzsysteme ausgeschaltet. Der nächste bestritt, dass das überhaupt rechtlich zulässig sei. Ein Thema für spezialisierte Arbeitsgruppen – die jetzt gebildet werden.
Die Lösungsansätze: Standardisierung – aber bitte mit Fingerspitzengefühl
Standardisierung ist das Zauberwort. Aber in einem föderalen System mit neun Landesfeuerwehrverbänden, neun unterschiedlichen Fördermodellen und neun verschiedenen Fahrzeugnomenklaturen ist das leichter gesagt als getan. Mayer weiß das. Er ist trotzdem optimistisch – und er hat auch schon erste Ergebnisse vorzuweisen. „Wir haben die grundsätzliche Fahrzeugrichtlinie – die FA00 – komplett erneuert und im Präsidium einstimmig beschlossen. Die regelt, was ein Feuerwehrfahrzeug ist, und legt die Grundstandards fest. Jetzt arbeitet das Referat Technik, um die wesentlichen Fahrzeugtypologien auf den modernsten Stand zu bringen. Und dabei gibt es auch eine Übersetzungsliste: Was Steiermark oder Niederösterreich als HLF1 bezeichnen, heißt anderswo Kleinlöschfahrzeug. Wenn man das einmal klar geregelt hat, kommt man schon weg von den individuellen Konkretisierungslisten.“
Das Niederösterreich-Modell – 50 HLF2-Fahrzeuge als Sammelbestellung, mit Einsparungen von bis zu 150.000 Euro pro Fahrzeug – sieht Mayer als richtungsweisend. Und er geht noch weiter: Eine bundeslandübergreifende Sammelbestellung, wie sie im Interview als Möglichkeit angesprochen wird, hält er für grundsätzlich denkbar. In Oberösterreich existiert mit dem ‚Modell Oberösterreich‘ bereits ein ähnlicher Ansatz.
Warum haben sich manche Feuerwehren dennoch nicht an der NÖ-Bestellung beteiligt? Mayer kennt die Antwort aus eigener Erfahrung. „Der Feuerwehrkommandant, der vielleicht in 25 oder 30 Jahren erstmals die Chance hat, ein Fahrzeug zu tauschen, möchte das natürlich so, wie es für seine Wehr passt. Das ist menschlich. Aber jetzt steht das standardisierte Fahrzeug da, man kann es sich anschauen – und man überzeugt sich, dass das ein absolutes Top-Fahrzeug ist, gut ausgerüstet, keine Abstriche bei der Qualität. Dieses Überzeugen ist entscheidend. Standardisierung wird oft als böses Wort verwendet. Das ist es nicht.“
Mayer betont dabei einen praktischen Aspekt, den er für unterschätzt hält: die Ausbildung. Wenn Mitglieder – deren zeitliche Verfügbarkeit nicht steigt, wohl aber die Anforderungen – bei überörtlichen Einsätzen auf ein weitgehend vertrautes Fahrzeug treffen, spart das nicht nur Zeit, sondern erhöht auch die Sicherheit. „Wenn ich weitgehend gleiche Fahrzeuge habe, tue ich mir in der Ausbildung vielfach leichter. Und das darf man gar nicht unterschätzen: Wenn die Zeitbudgets gleich bleiben, aber die Anforderungen größer werden, muss ich zumindest in der Ausbildung Erleichterungen schaffen.“
Wettbewerb muss erhalten bleiben
Auf die Frage nach kleinen und mittelständischen Aufbauherstellern, die bei Großbestellungen um ihre Existenz fürchten, gibt Mayer eine klare Antwort: Der Wettbewerb muss erhalten bleiben – und die Großen haben das beim Gipfel selbst so gesehen. „Selbst die großen Hersteller haben gesagt: Es darf auch kein Wettbewerb wegbrechen. gehen. Monopole müssen verhindert werden. Und es gibt ja Fahrzeugtypen – Sonderfahrzeuge, schwere Rüstfahrzeuge, Logistikfahrzeuge – wo ein kleinerer Hersteller viel flexibler ist. Das Bekenntnis zur Vielfalt war klar.“
Beim Thema Refurbishing – also dem Aufarbeiten und Verlängern der Nutzungsdauer bestehender Fahrzeuge – sieht Mayer eine reale Ergänzungsoption, kein Allheilmittel. Oberösterreich fördert bewusst die Verlängerung der Nutzungsdauer über 25 Jahre hinaus, sofern der Zustand des Fahrzeugs es erlaubt – eine Möglichkeit, die besonders für Gemeinden in finanzieller Enge Erleichterung bringen kann.
Die Rolle der Gemeinden: Pflicht zahlen, Normen kriegen
Der Brandschutz ist eine kommunale Pflichtaufgabe. Die Gemeinde muss zahlen – hat aber auf Normen, EU-Verordnungen und Fahrzeugtechnik praktisch keinen Einfluss. Ist das ein strukturelles Ungleichgewicht? Mayer antwortet nicht mit einem einfachen Ja, aber er beschönigt es auch nicht.
Was er Bürgermeistern rät, die ein Fahrzeug ersetzen müssen, aber die Mittel dafür nicht haben: vorausschauen, kommunizieren, und – wenn nötig – den Zeitplan verschieben. „Man muss das gemeinsam angehen und erklären: Wir müssen uns alle nach der Decke strecken. Das Fahrzeug steht im Jahr XY am Programm. Wir werden das nicht schaffen, wir müssen es nach hinten strecken. Ich darf das nicht in eine Konkurrenzsituation bringen – Feuerwehrauto gegen Kindergartenerweiterung, Feuerwehrauto gegen Schulsanierung. Da gibt es in Wahrheit nur Verlierer.“
Deutlicher wird Mayer bei der Frage nach der Rolle des Bundes. Das Feuerwehrwesen ist Ländersache, und der Bund zahlt derzeit kaum.
Die sogenannte Sonderinvestitionsprämie – ein Topf von 20 Millionen Euro, der auf Initiative des Landes Niederösterreich im Katastrophenfonds eingerichtet wurde – wurde seit seiner Einführung vor drei Jahren nicht valorisiert. Mayer hat das beim Finanzminister angesprochen. Ergebnis: keine Anpassung. „Wenn die Republik Österreich sich zu fast 99 Prozent auf ein Ehrenamtssystem stützt – auf eines der billigsten Systeme der Welt – dann würde ich mir einen offenen Zugang wünschen. Nicht nur am Sonntag vom Rednerpult herunter sagen, wie super und klasse das alles ist, sondern bitte da auch Handlungen zu setzen. Sicherheit hat nicht nur einen militärischen Hintergrund. Und die Mittel aus dem Katastrophenfonds sind kein Teil des Stabilitätspakts – da wäre zumindest ein kleiner Schritt möglich.“
Mayer nennt auch ein Erfolgsbeispiel, das zeigt, was gemeinsames Handeln bringen kann: Eine bundesweit einheitlich ausgeschriebene Einsatzbekleidung (Typbezeichnung KS 03), koordiniert über die Bundesbeschaffungsgesellschaft BBG, brachte Preissenkungen von rund einem Drittel. Und dennoch: Manche Gemeinden kaufen weiterhin beim Händler des Vertrauens – um 50 Euro mehr pro Garnitur. „Wenn man immer wieder sagt, ich gehe doch nachher zum Vertrauenshändler, dann werden diese Dinge nicht funktionieren. Da brauchen wir den gemeinsamen und geeinten Weg. Wenn da einer ausschert, ist es vorbei. Das sollte uns gelingen. Es klingt nach harten Brettern – natürlich. Aber ich bin guten Mutes.“
Der Ausblick: Nächste Wellen schon in Sicht
Wer glaubt, die aktuelle Kostenwelle sei das Maximum, wird von Mayer eines Besseren belehrt. Die regulatorischen Herausforderungen, die bereits auf dem Radar sind, könnten die bisherigen Preissteigerungen noch übertreffen. „GSR III heißt, dass die Fahrzeugkabine komplett erneuert wird – wegen neuer Sichtanforderungen zur Seite hin. Dazu gibt es noch gar keinen Plan, auch nicht von den Aufbaufirmen. Und dann kommt Euro 7. Die Teuerung geht weiter voran, das ist klar.“
Auch Cybersicherheit taucht als neue Kostendimension auf. Mayer ist überzeugt, dass Feuerwehrfahrzeuge als Teil der kritischen Infrastruktur behandelt werden müssen – was bedeutet, dass neue Datensicherheitsstandards durchgesetzt werden müssen, bevor externe Akteure Zugriff auf Fahrzeugsysteme erhalten. „Es kann nicht sein, dass wir plötzlich alles offenlegen müssen – welche Schritte der Maschinist gemacht hat, welchen Druck er auf der Pumpe hatte – und das dann öffentlich in einem Datenraum steht. Wir sehen uns als Teil des Sicherheitsgefüges dieser Republik. Das muss auch im Bereich Datensicherheit gelten.“
Auf europäischer Ebene hat Österreich mit der Gründung des Europäischen Feuerwehrverbandes im Mai 2025 erstmals einen institutionellen Fuß in der Tür der EU. Ein konkretes Thema: die neue Führerscheinrichtlinie, die die bisher österreichisch geregelte Sonderkompetenz für Fahrzeuge bis 5,5 Tonnen nicht auf EU-Ebene übernommen hat – mit möglichen haftungsrechtlichen Konsequenzen für Feuerwehrmitglieder bei Auslandseinsätzen.
Für den nächsten Fahrzeuggipfel – der in zwei Jahren wiederholt werden soll – sind spezialisierte Arbeitsgruppen zu Rechtsfragen (Blaulichtschaltung), Servicestandards, Reklamationsmanagement und Technologieentwicklung (Elektromobilität, Digitalisierung) geplant. Mayer will dann Rechenschaft ablegen können.
Und die provokante Abschlussfrage – ob Gemeinden sich eine einsatzbereite Feuerwehr eines Tages schlicht nicht mehr leisten können? Mayer sagt Nein. Aber er sagt es nicht leichtfertig.
„Ich glaube nicht, dass das nicht mehr möglich sein wird – wenn wir gemeinsam an Lösungen arbeiten. Aber wir stehen vor ganz großen Herausforderungen. Die Einsatzaufwände werden steigen, das belegt die Statistik eindeutig. Der Klimawandel wird uns mehr und mehr fordern. Und aus der geopolitischen Entwicklung wird uns noch einiges ins Haus stehen. Sicherheit ist das, was die Bevölkerung einfordert. Und der Dialog wird das Wesentliche sein, wie wir das gemeinsam gestalten.“