Hans Braun
KOMMUNAL-Chefredakteur Hans Braun: „Die entscheidende Frage lautet nicht: Standardisierung ja oder nein? Sie lautet: Was muss unbedingt gleich sein – und was darf verschieden bleiben?“

Was die Feuerwehr vom Militär lernen könnte

Es war der Zweite Weltkrieg, der die Militärstrategen der deutschen Wehrmacht (und zuvor schon jene der britischen und anderer Armeen) eine bittere Lektion lehrte. Die deutschen Streitkräfte operierten mit über 100 verschiedenen Kraftfahrzeugtypen – Ergebnis jahrelanger Einzelbestellungen und militärischer Sonderwünsche. Das Resultat war logistisches Chaos: Ersatzteile passten nicht, Mechaniker mussten für Dutzende Systeme ausgebildet werden, Nachschubketten brachen zusammen. Die Alliierten machten es besser. Der amerikanische Jeep Willys MB war so konsequent standardisiert, dass er überall, von denselben Mechanikern, mit denselben Teilen repariert werden konnte. Nicht das technisch Raffinierteste – aber das logistisch Klügste. Und es gewann.

Die strukturelle Analogie zum österreichischen Feuerwehrwesen ist verblüffend. In 4.767 Freiwilligen Feuerwehren stehen heute Fahrzeuge, von denen kaum zwei wirklich gleich sind – andere Fahrgestelle, andere Aufbauten, andere Bedienelemente, andere Ersatzteillager. Bei einem überörtlichen Großeinsatz offenbart sich das als echtes Problem: Wer bedient was, wo sitzt welcher Schalter? 

Die Logistiker des Militärs würden das mit einem Wort beschreiben: ineffizient. Und teuer. Denn jede Sonderanfertigung bindet Ressourcen beim Hersteller, jede Abweichung vom Standard kostet Planungszeit, jedes Unikat braucht seinen eigenen Ersatzteilvorrat. Das summiert sich – still und unbemerkt, bis die Rechnung so groß ist, dass ein Fahrzeuggipfel einberufen werden muss.

Woran Standardisierung scheitert

Standardisierung scheitert aber selten an Technik oder Geld. Sie scheitert an Identität. Das Feuerwehrauto ist in vielen Gemeinden mehr als ein Einsatzmittel – es ist ein Stück kollektiver Selbstdarstellung. Dieses Gefühl ist legitim und wertvoll, denn es trägt jene freiwillige Bindung, die das österreichische Feuerwehrwesen so einzigartig macht. Aber man muss es von der Fahrzeugbeschaffung entkoppeln.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Standardisierung ja oder nein? Sie lautet: Was muss unbedingt gleich sein – und was darf verschieden bleiben? Das Militär nennt das „modular“: ein einheitliches Basisfahrzeug, das je nach Auftrag variabel bestückt wird. Genau diesen Weg beginnt das österreichische Feuerwehrwesen zaghaft zu gehen – die niederösterreichische Sammelbestellung von 50 baugleichen Fahrzeugen mit zwei individuell befüllbaren Beladungssegmenten und der oberösterreichische Ansatz sind zwei ermutigende erste Schritte.

Was fehlt, ist der bundesweite Mut, solche Ansätze zur Regel zu machen. Die Generäle haben das Prinzip irgendwann verstanden – auf die harte Tour. Die Feuerwehren haben den Vorteil, dass sie es nicht müssen. Die Frage ist nur, wie teuer der Lernprozess noch werden soll.


 

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