Standardisierung und gebündelte Beschaffung sind der wichtigste Hebel zur Dämpfung der Kosten von Feuerwehrfahrzeugen.
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Feuerwehrfahrzeuge: Wenn Vielfalt teuer wird
Die Anschaffung eines neuen Feuerwehrfahrzeuges ist in der Ära eines Kommandos ein seltenes Ereignis – vielleicht kommt es zwei-, dreimal vor. Und wenn es so weit ist, soll das Fahrzeug passen: für die Topografie, den Einsatzschwerpunkt, die Mannschaft. In Österreich gibt es dafür 4.767 Feuerwehren – und fast ebenso viele individuelle Vorstellungen. Doch genau diese Maßanfertigung treibt die Kosten in Höhen, die für Gemeinden schlicht nicht mehr finanzierbar sind. Ein Fahrzeuggipfel des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes hat das Dilemma schonungslos beziffert: bis zu 30 Prozent Preissteigerung in nur zwei bis drei Jahren ...
Der Titel dieser Reportage ist mehr ein Befund, der auf den ersten Blick wie eine handwerkliche Übertreibung klingt, aber das Kernproblem auf den Punkt bringt: Kaum ein Feuerwehrfahrzeug in Österreich ist aktuell „schraubengleich.“
Gemeindebundpräsident Johannes Pressl, der das Thema in seinem Blog ausführlich analysiert hat, meint damit, dass diese Fahrzeuge in den meisten Fällen ohnehin schon Sonderkonstruktionen sind – und durch individuelle Wünsche der Feuerwehren noch weiter differenziert werden. Jede Extrabeschlag, jede abweichende Bohrung, jede anders verlegte LED-Leiste: alles kostet. Und das summiert sich inzwischen auf eine Belastung, die viele Gemeinden an ihre Grenzen bringt.
Eine Preissteigerung, die alarmiert
Der Österreichische Bundesfeuerwehrverband (ÖBFV) hat das Thema im Februar 2026 mit einem eigens einberufenen „Fahrzeuggipfel“ auf die Agenda gebracht. Das Signal war deutlich: Bei einem klassischen Löschfahrzeug im 18-Tonnen-Bereich sind Mehrkosten in der Größenordnung von 100.000 bis 150.000 Euro entstanden – das entspricht einer Preissteigerung von bis zu 30 Prozent innerhalb von zwei bis drei Jahren.
Anwesend bei diesem Fahrzeuggipfel waren rund 40 Vertreter von 17 Unternehmen aus dem Bereich der Fahrgestellproduzenten und Feuerwehr-Aufbauer sowie alle neun Landesfeuerwehrverbände. Auch Gemeindebundpräsident Johannes Pressl und Gilbert Sandner vom Städtebund (für die Stadt Graz) nahmen teil – ein deutliches Signal, dass der kommunale Finanzierungsdruck längst auf politischer Ebene angekommen ist.
Für Pressl ist die Lage eindeutig: „Gesteigerte Anforderungen, allgemeine Preiserhöhungen sowie eigene Wünsche haben die Preise für Feuerwehrfahrzeuge in den letzten Jahren immer weiter nach oben getrieben. Die Grenze der Finanzierbarkeit ist bereits erreicht.“
Klein, aber teuer: Der österreichische Sondermarkt
Um die Situation zu verstehen, braucht es einen Blick auf die strukturellen Eigenheiten des österreichischen Feuerwehrwesens. In Österreich gibt es rund 4.767 Feuerwehren in allen 2.092 Gemeinden. Jede dieser Wehren ist – je nach Größe, Topografie und Einsatzschwerpunkt – mit einem oder mehreren Fahrzeugen ausgestattet.
Feuerwehrfahrzeuge in Österreich zeichnen sich dadurch aus, dass sie an die vielfältigen Landschaftsformen mit Gebirgen, Wäldern und Großstädten angepasst sind. Eine Bergfeuerwehr im Tiroler Hochgebirge braucht andere Gerätschaften als eine Stadtfeuerwehr in der Wiener Innenstadt oder eine Stützpunktwehr im oberösterreichischen Flachland.
Diese Vielfalt schlägt sich strukturell nieder: Um eine gewisse Einheitlichkeit zu bekommen, wurden Baurichtlinien von den einzelnen Landesfeuerwehrverbänden geschaffen, die eine minimale Ausrüstung für ein Fahrzeug darstellen, welche jeweils nach Notwendigkeit von der einzelnen Feuerwehr oder dem Feuerwehrverband ergänzt werden kann.
In der Praxis führt das zu einem reichen Typenkatalog: Kleinlöschfahrzeuge (KLF), Tanklöschfahrzeuge (TLF), Rüstlöschfahrzeuge (RLF), Sonderlöschfahrzeuge (SLF) – und das jeweils in Varianten mit Allradantrieb, Bergeausrüstung oder Tunnelausstattung. Da sich in den zwanzig Jahren der Lebensdauer eines Fahrzeuges die Baurichtlinien und Gegebenheiten laufend ändern, ergibt sich trotzdem auch bei den genormten Feuerwehrfahrzeugen ein recht buntes Bild von Ausführungen.
All das macht Österreich zu einem kleinen, aber hochspezialisierten Markt. Der im Verhältnis kleine Feuerwehrmarkt hat einen Marktanteil von lediglich 4 Prozent am heimischen LKW-Sektor – zu wenig, um bei den großen Fahrgestellherstellern als gewichtiger Abnehmer aufzutreten, aber zu komplex, um sich mit Standard-Serienfahrzeugen zu behelfen.
Die Kostentreiber im Detail
Pressl hat auf seinem Blog die wesentlichen Kostenhebel systematisch aufgelistet. Einer davon liegt in der Beschaffungskultur selbst: Die Anbieter haben nicht nur enge Partnerschaften mit den Wehren bei der Entwicklung individueller Fahrzeuge aufgebaut, sondern gemeinsam mit ihnen auch nahezu einen „Markenfetischismus“ entwickelt. Das Ergebnis: In manchen Feuerwehrgaragen stehen zwar nie baugleiche, dafür aber oft ausschließlich markengleiche Fahrzeuge.
Dazu kommen technische Faktoren, die aus dem regulatorischen Umfeld erwachsen. Fahrassistenzsysteme, die den Betrieb von Fahrzeugen sicherer machen, können bei einer Einsatzfahrt zu massiven Nachteilen führen – etwa wenn das Fahrzeug in der Rettungsgasse automatisch abbremst oder die Tiefe der Seilwinde beim Abstandshalter nicht einberechnet wird. Die Systeme sind für den normalen Straßenverkehr sinnvoll – für Blaulichtfahrten jedoch oft hinderlich. Es brauche wiederum Automatismen, die diese Systeme bei Einsatzfahrten ausschalten – und diese kosten.
Künftig steht noch mehr regulatorischer Gegenwind ins Haus: die schrittweise Einführung der Euro-7-Norm, die General Safety Regulation II (GSR II) mit verpflichtenden Notbremsassistenten und Cybersicherheitsvorgaben sowie aerodynamische Designanforderungen zur Reduktion des Kraftstoffverbrauchs. Alles sinnvoll im PKW-Bereich – für Sonderfahrzeuge oft mit erheblichem Zusatzaufwand verbunden, wenn Ausnahmen erkämpft oder teure Sonderlösungen gebaut werden müssen.
Ein gutes Beispiel aus Niederösterreich
Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein Pilotprojekt, das bereits Maßstäbe setzt. In Niederösterreich wurde 2024 ein einheitlicher Beschaffungsprozess für HLF2-Fahrzeuge gestartet: Über 50 Stück wurden gemeinsam ausgeschrieben. Gegenüber individuell assemblierten Fahrzeugen konnten dadurch bis zu 150.000 Euro pro Fahrzeug eingespart werden. Eine Möglichkeit zur individuellen Anpassung bei der Beladung wurde dabei in zwei Segmenten pro Fahrzeug trotzdem offengehalten – ein Kompromiss zwischen Standardisierung und lokalen Bedürfnissen.
Allein bei der Einsatzkleidung habe sich das Prinzip des gemeinsamen Einkaufs schon bewährt und zu Einsparungen von bis zu einem Drittel geführt, berichtete Feuerwehrpräsident Robert Mayer beim Gipfel. In Oberösterreich einigte man sich zudem bereits auf ein landesweites Standardmodell bei Tanklöschfahrzeugen – das sogenannte „Modell Oberösterreich.“
Standardisierung als Königsweg – aber mit Tücken
Der Schluss aus diesen Erfahrungen liegt nahe: Standardisierung und gebündelte Beschaffung sind der wichtigste Hebel zur Kostendämpfung. Die Anwesenden beim Fahrzeuggipfel waren sich einig, dass ein Schlüssel zu kostengünstigeren Lösungen bestmöglich standardisierte Fahrzeuge und österreichweit gemeinsame Beschaffungsaktionen sein können.
Doch der Weg dorthin ist komplex. Pressl skizziert in seinem Blog einen mehrstufigen Prozess: Die Landesfeuerwehrverbände müssten sich auf wenige einheitliche Fahrzeugtypen einigen, die Ausschreibungszeiträume müssten deutlich verkürzt werden (derzeit läuft über die Bundesbeschaffungsgesellschaft BBG ein Fünfjahresrahmen mit unzähligen Individualisierungsoptionen), und die Förderpolitik von Bund, Ländern und Gemeinden müsste als Anreiz für die Einhaltung von Standards ausgestaltet werden.
Dabei gibt es aber auch eine soziale Dimension, die nicht übersehen werden darf: Besonderes Augenmerk soll auf kleine Unternehmen gelegt werden, da diese durch größere Sammelbestellungen ihre Geschäftsgrundlage verlieren könnten. Pressl sieht hier eine mögliche Nische im sogenannten „Refurbishing“: das Aufarbeiten und Wiederinstandsetzen von Fahrzeugen, deren Fahrgestell und Aufbaukomponenten noch lange nicht am Ende ihrer technischen Lebensdauer sind.
Feuerwehr-Vizepräsident Mario Rauch brachte die Komplexität des Themas auf den Punkt: „Wir haben einen gesetzlichen Auftrag und sehen uns als Partner für Lösungen. Es braucht aber mehr als Feuerwehr-Lösungen, es sind technische, rechtliche und wirtschaftliche Lösungen erforderlich.“
Die Schraube muss sich etwas drehen!
Die Botschaft des Fahrzeuggipfels ist klar: Was bisher als unabänderliche österreichische Eigenart galt – jede Feuerwehr baut sich ihr maßgeschneidertes Fahrzeug – kann sich die öffentliche Hand künftig schlicht nicht mehr leisten. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie standardisiert werden soll, ohne die operativen Notwendigkeiten und die Motivation der Freiwilligen zu untergraben.
Feuerwehrpräsident Robert Mayer fasst das Ziel des eingeleiteten Dialoges so zusammen: Tragfähige Lösungen müssen sowohl wirtschaftlich für die Unternehmen darstellbar sein als auch den sicherheitstechnischen und finanziellen Anforderungen von Städten, Gemeinden und Feuerwehren entsprechen, insbesondere vor dem Hintergrund stark beanspruchter öffentlicher Budgets.
Wie viele Runden dieser Dialog noch brauchen wird? Pressl ist realistisch: Standardisierung und Skalierung benötigten noch viele weitere Gesprächsrunden, um das verstreute und ausdifferenzierte Verhältnis zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern neu zu ordnen. Die Schraube hat sich in Bewegung gesetzt – baugleich wird das Ergebnis freilich trotzdem nicht sein.