Der wichtigste, weil am häufigsten unterschätzte Aspekt der Post-Transformation ist ihre soziale Dimension. Für ältere Menschen, die nicht digital affin sind, ist das Postamt oft weit mehr als ein Ort zur Briefaufgabe: Es ist sozialer Treffpunkt, Anlaufstelle für Behördengänge, Ort zum Geldabheben, manchmal auch für ein Gespräch mit dem Postbeamten, der die Pension bringt.
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Infrastruktur
Drei Rollen der Gemeinde in der Post-Transformation
Die Post ist Daseinsvorsorge – davon sind Österreichs Bürgermeisterinnen und Bürgermeister überzeugt. Doch was bedeutet das konkret, wenn Postfilialen schließen, das Briefvolumen sinkt und Amazon-Verteilzentren auf Ablehnung stoßen? Ein Blick auf Handlungsoptionen, Rollenverständnisse und politische Forderungen.
Hannes Pressl, Präsident des Österreichischen Gemeindebundes, fasste bei der Tagung das Selbstverständnis der Gemeinden prägnant zusammen: Sie agieren in der Post-Transformation in drei Rollen – als Dienstleister (wenn sie selbst Postpartner sind), als Standortentwickler (wenn Logistikzentren oder Paketboxen Flächen benötigen), und als Begleiter im Change-Prozess (wenn Bürgerinnen und Bürger mit Veränderungen konfrontiert werden, die sie verunsichern).
Alle drei Rollen sind bedeutsam – und alle drei sind aktuell unterfinanziert oder rechtlich unklar definiert. Das zu ändern, ist die zentrale Herausforderung für die kommunale Ebene in den kommenden Jahren.
Als Postpartner: Leistung braucht faire Gegenleistung
Derzeit gibt es in Österreich rund 300 Postpartner, die in Gemeindeämtern betrieben werden. Sie leisten damit einen erheblichen Beitrag zur flächendeckenden Versorgung – oft weit über das wirtschaftlich Vertretbare hinaus. Gemeindevertreter wie Andreas Gruber (Gemeinde Kematen an der Krems) haben das in Zahlen gefasst: Jährliche Abgänge von 20.000 bis 30.000 Euro seien keine Seltenheit, wenn Synergieeffekte fehlen und das Transaktionsvolumen zu gering ist.
Post-Generaldirektor Walter Oblin relativierte: Es gebe Postpartner mit sieben Transaktionen pro Tag – das sei schlicht nicht kostendeckend zu betreiben, für niemanden. Gleichzeitig stellte er klar, dass die Post das Modell weiterentwickeln will: hin zu höherfrequentierten Standorten, mit breiteren Dienstleistungsportfolios (Bankangebote über bank99, Telekommunikation, Identitätsdienstleistungen) und mit technischer Entlastung durch Selbstbedienungseinheiten.
Was Gemeinden jetzt tun können: Erstens, das eigene Postpartnermodell ehrlich evaluieren – wo ist es sinnvoll, wo nicht mehr tragbar? Zweitens, in den Dialog mit der Post treten, denn: „Ich biete gerne an, dass wir heikle Situationen gerne anschauen“, so Oblin. Der Dialog ist offen. Drittens, die Öffnungszeiten und den Dienstleistungsumfang prüfen: Können durch Selbstbedienungsmodule oder verlängerte Öffnungszeiten Synergien entstehen, die das Modell tragen?
Als Standortentwickler: Spielregeln für Logistik brauchen Klarheit
Ob Paketbox oder Verteilzentrum – die Gemeinden sind als Standortentwickler zunehmend gefordert. Und sie stoßen dabei auf ein systemisches Problem: Es gibt keine einheitlichen Genehmigungsstandards. Amazon-Vertreter Thorsten Freers berichtete von einer „sehr, sehr großen Unterschiedlichkeit“ nicht nur zwischen Bundesländern, sondern zwischen benachbarten Gemeinden. Das schafft Unsicherheit für Investoren und Rechtsungleichheit für Bürgerinnen und Bürger.
Der Gemeindebund hat zugesagt, hier Leitfäden zu entwickeln – ähnlich wie bei der Glasfaserinfrastruktur. Das ist ein sinnvoller erster Schritt. Darüber hinaus braucht es aber auch eine raumplanerische Gesamtstrategie: Wo sollen große Logistikflächen entstehen? Welche Gemeinden sind geografisch und infrastrukturell geeignet? Und wie schützt man die Gemeinden, die sich für solche Ansiedlungen öffnen, vor einseitigen Nachteilen (Verkehr, Lärmbelastung, Flächenverbrauch)?
Für die Paketbox-Infrastruktur gilt: Gemeinden, die Flächen für trägeroffene Boxen wie myflexbox zur Verfügung stellen, können damit eine konkrete, niedrigschwellige Verbesserung der Paketversorgung bewirken – ohne eigenes Investitionsrisiko. myflexbox trägt Investition und Betrieb, die Gemeinde erhält Standortmiete und verbesserte Serviceinfrastruktur. Das ist ein Modell, das gerade für kleinere Ortschaften attraktiv sein kann.
Als Begleiter im Wandel: Die soziale Dimension nicht vergessen. Der wichtigste, weil am häufigsten unterschätzte Aspekt der Post-Transformation ist ihre soziale Dimension. Für ältere Menschen, die nicht digital affin sind, ist das Postamt oft weit mehr als ein Ort zur Briefaufgabe: Es ist sozialer Treffpunkt, Anlaufstelle für Behördengänge, Ort zum Geldabheben, manchmal auch für ein Gespräch mit dem Postbeamten, der die Pension bringt. Wenn dieser Ort verschwindet, verschwindet auch ein Stück Sozialstruktur.
Klaus Steinmaurer, Geschäftsführer der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH, brachte es auf den Punkt: „Eine Postbox kann ich mir sicherstellen, dass ich mein Paket abgeben und abholen kann. Sie kann mir sicherstellen, dass ich Briefe aufgebe. Aber sie kann den sozialen Kontakt nicht ersetzen.“ Die Herausforderung für Gemeinden besteht darin, diesen sozialen Kontakt anders zu organisieren – sei es durch Kombination mit anderen Nahversorgern, durch mobile Dienste, oder durch ehrenamtliche Strukturen.
Nationalrat Klaus Mair, selbst Postpartner als Geschäftsführer einer Tiroler Sozialeinrichtung, schilderte die Realität: Ältere Menschen im ländlichen Raum holen nach wie vor ihre Pension persönlich ab. Sie brauchen das Gespräch, das dabei entsteht. „Diese soziale Komponente ist da sehr, sehr wichtig.“ Sein Appell: Der demografische Wandel verschärft diese Herausforderung – die Baby-Boomer-Generation geht in Pension, die Gesellschaft altert. Wer heute die Postversorgung umbaut, muss diesen Trend im Blick haben.
Politische Forderungen: Was jetzt gebraucht wird. Die Tagung hat eine Reihe konkreter politischer Forderungen herausgearbeitet, die für KOMMUNAL-Leserinnen und -leser direkt relevant sind:
- Modernes Postmarktgesetz: Das österreichische PMG stammt aus dem Jahr 2009. Es muss grundlegend überarbeitet werden – mit klaren, objektiven Kriterien für die Versorgungspflicht (Flächenformel), mit einer Anerkennung neuer Versorgungsformen wie SB-Stationen und Paketboxen, und mit einem fairen Finanzierungsrahmen.
- Faire Abgeltung für kommunale Postpartner: Wer als Gemeinde die Grundversorgung mitfinanziert, muss dafür kostendeckend entlohnt werden. Die aktuelle Situation, in der Gemeinden Defizite von 20.000–30.000 Euro pro Jahr tragen, ist nicht dauerhaft tragbar.
- Einheitliche Genehmigungsstandards für Paketboxen: Der Gemeindebund sollte bundesweite Musterverfahren entwickeln, damit Gemeinden klare Orientierung haben – und Investoren Planungssicherheit.
- Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen: Der Umbau der Post darf keine Zweiklassenversorgung erzeugen. Für ältere, eingeschränkte oder digital nicht affine Menschen braucht es weiterhin physische Zugangspunkte – und zwar in akzeptabler Erreichbarkeit.
- Raumplanerische Weichenstellungen für Logistikinfrastruktur: Gemeinden brauchen regionale Strategien, die festlegen, wo Logistikstandorte sinnvoll sind – und entsprechende planungsrechtliche Instrumente.
Ergo: Die Gemeinden sind keine passiven Zuschauer
Die Transformation des Postwesens ist keine Naturgewalt, der man hilflos ausgeliefert ist. Sie ist das Ergebnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technologischer Entscheidungen – und sie lässt sich mitgestalten. Österreichs Gemeinden haben dabei eine zentrale Rolle: als Nahversorger, als Standortentscheider, als soziale Infrastrukturträger.
Was die Tagung des Gemeindebundes gezeigt hat: Die Gesprächsbereitschaft ist da. Zwischen Post und Gemeinden, zwischen Regulatoren und Politik, zwischen privaten Anbietern und öffentlichen Trägern. Was fehlt, sind klare Rahmenbedingungen, faire Finanzierungsmodelle und der Mut, neue Wege zu gehen – auch wenn der alte Briefträger manchmal die bessere Geschichte erzählt.