Skanderbeg-Platz
Der Skanderbeg-Platz bildet das Zentrum Tiranas.
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Albanien: Vom „Nordkorea Europas“ nach Brüssel

Albanien galt einst als einer der abgeschottetsten Staaten Europas. Bis 2030 will das Land Mitglied der Europäischen Union werden. Die Fach- und Bildungsreise des Österreichischen Gemeindebundes zeigte ein Land im Aufbruch – und eine zentrale Erkenntnis: Ob Europas Versprechen hält, entscheidet sich am Ende in den Gemeinden.

In Tirana wächst die Zukunft in den Himmel. Kräne drehen sich über der Stadt, Glasfassaden schieben sich zwischen alte Wohnblocks, Cafés und Hotels füllen die Straßen. Albanien wirkt hier wie ein Land, das verlorene Jahrzehnte in wenigen Jahren aufholen will. Alles drängt nach vorne: schneller, höher, europäischer.

Statue von Mutter Teresa, die aus Albanien stammt.

Doch hinter der neuen Skyline liegt das alte Albanien nicht weit entfernt. In der Hauptstadt werden für Eigentumswohnungen teilweise Preise verlangt, die längst westeuropäisches Niveau erreicht haben. Gleichzeitig leben viele Menschen von Einkommen und Pensionen, die mit dieser neuen Preiswelt noch lange nicht Schritt halten können. Wer etwas besitzt, hofft auf Investoren. Wer nichts besitzt, fürchtet, dass der Aufbruch an ihm vorbeizieht.

Genau in dieses Spannungsfeld führte die Fach- und Bildungsreise des Österreichischen Gemeindebundes im Mai 2026. Mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten nach Tirana, Shkodra und Durrës. 

Auf dem Programm standen Gespräche mit Regierung, Gemeinden, dem albanischen Gemeindeverband und der Österreichischen Botschaft sowie Besuche bei Bildungs-, Umwelt-, Energie- und Infrastrukturprojekten. Es war keine Reise in ein Urlaubsland. Es war ein Blick hinter die Kulissen eines Staates, der EU-beitrittsfähig werden will – und an vielen Stellen erst die Grundlagen dafür schaffen muss. 

Vom Bunkerstaat zur Boomtown

Die Fallhöhe könnte kaum größer sein. Albanien galt über Jahrzehnte als „Nordkorea Europas“: abgeschottet, arm, misstrauisch, ideologisch verhärtet. Unter Diktator Enver Hoxha wurde jahrzehntelang Religion bekämpft, Privateigentum beseitigt, politische Abweichung verfolgt. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Schätzungen zufolge 170.000 bis 200.000 Bunker gebaut. Viele dieser Betonkuppeln sind bis heute im ganzen Land verteilt sichtbar. 

Wer Albanien verstehen will, muss deshalb nicht nur auf die Hochhäuser schauen, sondern auch unter die Erde. Im „Bunk’Art2“, dem Museum in einem ehemaligen Atombunker mitten in Tirana, wird spürbar, wie tief Angst und Kontrolle in diesem Land saßen. Die alten Bunker erzählen von einem Staat, der sich gegen die Welt verschanzte und die ganze Bevölkerung ausspionierte. Die neuen Baustellen erzählen von einem Land, das zurück in die Welt will.

Heute ist Albanien NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidat. Der Weg nach Europa ist das große politische Ziel – und zwar weit über Parteigrenzen hinweg. In einem politisch stark polarisierten Land ist der EU-Kurs einer der wenigen Punkte, auf den sich fast alle einigen können. 

Europa bedeutet hier nicht nur Binnenmarkt oder Fördermittel. Europa bedeutet Rechtsstaat, Eigentumssicherheit, offene Grenzen, Investitionen, Standards und Verlässlichkeit.

Reformen zwischen Anspruch und Realität

Albanien hat seine kommunale Struktur radikal umgebaut. Aus 373 Gemeinden wurden 61 Großgemeinden. Die früheren Gemeinden sind heute Ortsteile und Verwaltungseinheiten. Auf dem Papier sind die neuen Gemeinden stark: Sie sind zuständig für soziale Dienste, Kindergarten­personal, Feuerwehr, Wasser und Abwasser, Abfall, lokale Wirtschaftsentwicklung, Umwelt sowie Forst- und Weidemanagement.

In der Praxis zeigt sich der Widerspruch: Aufgaben lassen sich schneller übertragen als Geld, Personal und Verwaltungskultur. In den Gesprächen fiel dafür ein drastisches Bild: ein „Tsunami neuer Aufgaben“. Die Gemeinden sollen europäische Standards umsetzen, bleiben aber oft abhängig vom Zentralstaat. Städte mit Betrieben, Tourismus und Steuerkraft haben andere Möglichkeiten als ländliche Räume mit Abwanderung, wenigen Unternehmen und alter Infrastruktur.

Das wurde im Gespräch mit dem albanischen Gemeindeverband ebenso deutlich wie beim Austausch mit Staatsminister Ervin Demo. Demo war bis 2025 Bürgermeister der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Berat und ist heute Minister für Staatsverwaltung. Albanien will schnell sein. Die Reformen sollen vor den nächsten Wahlen 2027 entscheidend vorankommen. Junge Menschen sollen stärker in Politik und Verwaltung eingebunden werden, digitale Lösungen sollen den Staat moderner machen, künstliche Intelligenz wird bereits als nächster großer Veränderungsfaktor diskutiert.

Österreichische Spuren im Norden Albaniens

Wie konkret Europa wird, zeigte sich in Shkodra. Die alte Stadt im Norden Albaniens ist regionales Zentrum, aber auch Beispiel für die Mühen der Fläche. In den Reiseeindrücken wurde sichtbar, wie groß der Aufholbedarf bei Abwasserreinigung, Müllentsorgung, Trinkwasserversorgung und ländlichem Wegenetz noch ist. Manche Bilder erinnerten an Österreich vor Jahrzehnten. 

In Shkodra fließen Abwässer noch großteils ungeklärt in Seen und Flüsse. Daneben stehen Orte, die Hoffnung machen. Die österreichische HTL in Shkodra arbeitet nach österreichischem Lehrplan, verbindet Deutsch und Albanisch und bietet einen in Albanien und Österreich beziehungsweise der EU anerkannten Abschluss. 489 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule. In einem Land, das junge Menschen verliert, ist so eine Schule mehr als ein Bildungsprojekt. Sie ist ein Gegenargument gegen Abwanderung. 

Auch das ADA-Aufforstungsprojekt im Drin-Flussbecken zeigt, wie Entwicklung konkret wird: Wald, Boden, Wasser, Ausbildung, lokale Bevölkerung, Gemeinden. Das Wasserkraftwerk Ashta wiederum verweist auf eine andere österreichische Spur. Verbund und EVN investierten am Drin in Wasserkraft – das Kraftwerk erzeugt Strom für rund 100.000 Haushalte. Österreich ist in Albanien nicht nur Bildungspartner, sondern auch Investor und Entwicklungsakteur. 

Bei der Besichtigung des ADA-Aufforstungsprojekts im Drin-Flussbecken zeigte sich, wie Entwicklung konkret wird: Wald, Boden, Wasser, Ausbildung, lokale Bevölkerung, Gemeinden – sie alle profitieren von dem Projekt.

Am Abend in Fishta bekommt der Aufbruch ein anderes Gesicht. Im Agrotourismusbetrieb „Mrizi i Zanave“ liefern Kleinbauern aus der Region verschiedenste Waren, die dort gemeinsam weiterverarbeitet und vermarktet werden. So entstehen Arbeitsplätze in Gastronomie und Tourismus. Für ein Land mit kleinteiliger Landwirtschaft und ausgedünnten ländlichen Regionen können Beispiele wie dieses neue Wertschöpfung bringen.

Aufbruch mit offenen Fragen

Die Stadt Durrës am Meer zeigt die große Gegenfigur: Hafen, Immobilien, antike Stätten und internationale Investoren. Aus Industrieflächen soll touristische Infrastruktur werden, das Projektvolumen wird auf rund 600 Millionen Euro geschätzt. Es ist ein Symbol für Albanien im Aufbruch – aber auch für seine offenen Fragen: Wem gehört Entwicklung? Wer profitiert? Was bleibt öffentlich? Und was passiert mit jenen, die sich die neue Stadt nicht leisten können?

Am Ende bleibt ein Land voller Widersprüche. Wer nur die Bunker sieht, übersieht den Aufbruch. Wer nur die Hochhäuser sieht, übersieht die Armut. Albanien kann von Österreich lernen, wie wertvoll kommunale Selbstverwaltung, Nähe, Kooperation und gewachsene lokale Verantwortung sind. Österreich kann von Albanien lernen, welche Kraft ein gemeinsames Zukunftsziel entwickeln kann. Der EU-Beitritt gibt Albanien Richtung, Tempo und Energie. Gemeinden, Schulen, Betriebe und Menschen arbeiten daran, dass aus Aufbruch mehr wird als Wachstum. Ausgerechnet jenes Land, das einst als „Nordkorea Europas“ galt, will nun zu den nächsten Mitgliedern der Europäischen Union gehören. 

5 Dinge, die man über Albanien wissen könnte

  1. Albanien hat seine kommunale Struktur 2014/15 grundlegend reformiert: Die Zahl der Gemeinden wurde von 373 auf 61 „Bashkia“ (Großgemeinden) reduziert. Ziel war eine effizientere Verwaltung und eine stärkere kommunale Selbstverwaltung. Gleichzeitig blieben die 12 Regionen („Qarqe“) als übergeordnete Ebene bestehen.
     
  2. Die kommunale Landschaft ist stark von regionalen Gegensätzen geprägt: Während Tirana und Durrës dicht besiedelte urbane Zentren mit starkem Wachstum sind, kämpfen viele ländliche Gemeinden – besonders im Norden und Osten – mit Abwanderung, schwacher Infrastruktur und Überalterung.
     
  3. Viele heutige Gemeinden umfassen große, geografisch heterogene Gebiete. Dadurch entstanden Herausforderungen bei Erreichbarkeit, Serviceversorgung und lokaler Identität.
     
  4. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gemeinden unterscheidet sich massiv.  Küsten- und Tourismusgemeinden profitieren, abgelegene Regionen bleiben schwach.
     
  5. Internationale Organisationen wie der Europarat und die Austrian Development Agency (ADA) unterstützen Albanien seit Jahren beim Ausbau kommunaler Demokratie, bei Bürgerbeteiligung und Verwaltungsmodernisierung. 

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