Für ein Verteilzentrum braucht man mindestens 100.000 Quadratmeter ebenes, erschlossenes Bauland. Solche Flächen gibt es in Österreich kaum.
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Handel
Was steckt hinter dem Paketboom?
Das Paketvolumen hat sich in Österreich seit 2017 mehr als verdoppelt. E-Commerce ist längst kein Phänomen der Städte mehr – und er verändert die kommunale Infrastruktur, die Raumplanung und das gesellschaftliche Miteinander. Die Gemeinde Reichersberg hat das hautnah erlebt. „Das Ende des Briefs - die Zukunft der Post?“ war das Thema einer Tagung des Gemeindebundes.
Die Zahlen sind eindeutig: Während das Briefvolumen zwischen 2017 und 2025 um 36 Prozent gefallen ist, hat sich das Paketvolumen im gleichen Zeitraum um 121 Prozent erhöht. Das ist keine Trendwende, das ist eine tektonische Verschiebung im Postmarkt. Und sie betrifft nicht nur die Österreichische Post AG, sondern das gesamte Ökosystem der kommunalen Versorgung.
„E-Commerce ist ein massiver Teil von Wohlstand und Versorgung der Bevölkerung, auch gerade außerhalb der Ballungsräume“, erklärte Österreichische-Post-Chef Walter Oblin bei der Gemeindebund-Tagung. „Der Bergbauer im Mölltal kann heute Abend bestellen und bekommt morgen sein Paket.“ Was früher einen langen Weg in die nächste Stadt bedeutete, ist heute ein Klick. Für ländliche Regionen ist E-Commerce damit auch eine Frage der Lebensqualität und der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse.
Doch dieser Wohlstand hat einen Preis – und dieser Preis wird zunehmend auf lokaler Ebene verhandelt.
Reichersberg oder: Wenn das Dorf Nein sagt
Im oberösterreichischen Reichersberg, an der Grenze zu Bayern, sollte ein großer Logistikpark entstehen – mit Amazon als einem der Hauptmieter. 100.000 Quadratmeter Grundstücksfläche, über 1.000 direkte Arbeitsplätze, modernste Logistiktechnologie inklusive Robotik. Das klingt nach einem Konjunkturprogramm für eine Region, die durch den Niedergang des Motorradherstellers KTM bereits unter Druck steht.
Doch der Gemeinderat stimmte mit 11 zu 8 Stimmen dagegen. Thorsten Freers, Senior Public Policy Manager von Amazon, der den Entscheid an der Tagung kommentierte, ließ seine Enttäuschung durchblicken: „Wir bedauern das wirklich außerordentlich.“ Amazon hatte, so Freers, in den Wochen zuvor positive Signale erhalten. Man hatte bereits mit freigesetztem KTM-Personal gesprochen, das als Mitarbeiter hätte gewonnen werden können. Und die Lage – mit Autobahnanbindung Richtung Süddeutschland – sei für Logistik ideal.
Der Entscheid von Reichersberg ist symptomatisch für ein Spannungsfeld, das viele Gemeinden kennen: Man möchte Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Man möchte keine Brachflächen und keinen Leerstand. Aber man möchte auch keinen Schwerlastverkehr durch das Dorf, keine riesigen Hallen auf der grünen Wiese, und keine Abhängigkeit von einem globalen Konzern.
Johannes Pressl, Präsident des Österreichischen Gemeindebundes, brachte es auf den Punkt: „Jeder möchte eine performante Paketzustellung, jeder möchte Arbeitsplätze in der Gemeinde – aber niemand möchte den Verkehr.“
Infrastruktur für den Paketboom: Wer trägt die Last?
Paketboxen – also automatisierte Selbstbedienungsstationen – gelten als einer der wichtigsten Bausteine, um das steigende Paketvolumen stadtverträglich zu handhaben. Florian Hanglberger, Head of Logistics & Services bei myflexbox Austria, schilderte bei der Tagung, wie sein Unternehmen bis 2030 auf 10.000 Standorte in Österreich und Deutschland wachsen will. Derzeit betreibt myflexbox rund 2.200 Standorte und kooperiert mit allen in Österreich aktiven Paketdienstleistern – außer Amazon. Das macht die Boxen zu trägeroffener Infrastruktur: Ein Kunde kann an einer myflexbox-Station Pakete von der Post, DPD, GLS, UPS, DHL Express oder FedEx empfangen und retournieren.
Doch auch Paketboxen sind nicht ohne kommunale Relevanz. Amazon selbst betreibt über 300 eigene Boxen in Österreich. Thorsten Freers appellierte an die Gemeinden: Genehmigungsverfahren für Paketboxen seien derzeit von Bundesland zu Bundesland, ja von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich ausgelegt. Manchmal schier unvorhersehbar. „Man braucht klare, einheitliche Kriterien“, so Freers. Der Gemeindebundpräsident nahm das als Handlungsauftrag mit: Ähnlich wie bei der Glasfaserinfrastruktur sollten bundesweit einheitliche Leitfäden für die Genehmigung von Paketboxen entwickelt werden.
Handel, Fläche, Zukunft: Die Raumplanungsfrage
Ein anderer Aspekt des Paketbooms wird in der öffentlichen Diskussion noch zu wenig thematisiert: die Flächenfrage. Für ein modernes Logistikzentrum der Größenordnung, wie es Amazon für Reichersberg geplant hatte, braucht man mindestens 100.000 Quadratmeter ebenes, erschlossenes Bauland. Solche Flächen gibt es in Österreich kaum – und wo es sie gibt, sind sie oft nicht an der richtigen Stelle.
Nationalratsabgeordneter Joachim Schnabel, Bürgermeister von Lang in der Steiermark und selbst Postpartner, wies auf eine weitere Dimension hin: Für jeden Paketdienstleister, der in eine Region investiert, verliert der stationäre Handel Marktanteile. 720.000 Menschen arbeiten in Österreich im Handel – jeder fünfte Arbeitsplatz. „Wir müssen uns fragen, was wir wollen“, sagte Schnabel. „Kommunalsteuer aus einem Logistikzentrum auf der einen Seite, leerstehende Gewerbeflächen auf der anderen.“
Das ist kein Argument gegen Logistik – aber ein Argument für eine strategische, vorausschauende kommunale Wirtschaftsentwicklung. Die Gemeinden sind aufgefordert, diese Abwägung nicht dem Zufall zu überlassen.