Statt Donut-Bildung den „Krapfen Haus“ mit Marmelade füllen. Baureduktionsplanung stellt deshalb die herkömmliche Planungslogik auf den Kopf: Der Entwurf steht nicht am Anfang, sondern am Ende eines intensiven Klärungsprozesses, der sogenannten „Phase Null“. Durch präzise Analyse der Bedarfe sowie vorhandener Raumstrukturen, durch kluges Umorganisieren und bessere Nutzung entstehen zukunftstaugliche Projekte mit reduzierter Baunotwendigkeit, mehr Raumqualität, hoher Nutzungsvielfalt, flächensparend, zu geringeren Kosten und mit besserer CO2-Bilanz.
© L. Hilzensauer

Der beste Quadratmeter ist der, der nicht gebaut wird

Knappe Budgets, explodierende Baukosten, Klimaziele: Österreichs Gemeinden stecken in einer Investitionsparadoxie. Nicht investieren geht nicht – aber bauen wie bisher auch nicht. Roland Gruber und sein Büro nonconform liefert mit der Baureduktionsplanung eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Antwort: erst klären, was wirklich gebraucht wird – und dann so wenig wie möglich bauen

Besucher des heurigen Kommunalwirtschaftsforums haben die Botschaft bereits vernommen: „Der beste Quadratmeter ist der, der gar nicht erst gebaut werden muss“, sagt Roland Gruber, einer der Gründer von nonconform. Der Satz klingt simpel. Was dahintersteckt, ist ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Planungskultur.

Baureduktionsplanung beginnt nicht mit dem Entwurf, sondern mit einer Frage: Was wird wirklich gebraucht – und wie lässt sich dieser Bedarf mit möglichst wenig baulichem Eingriff erfüllen? Dazu entwickelte nonconform das Modell der „Phase Null“: ein intensiver Klärungsprozess vor der eigentlichen Planung, der Auftraggeber, Nutzerinnen und alle Stakeholder einbindet. Katharina Forster, Partnerin bei nonconform: „Wenn wir zuerst klären, was wirklich gebraucht wird, können wir oft deutlich weniger bauen – und gleichzeitig bessere Lösungen entwickeln. Baureduktion ist kein Verzicht. Es geht darum, Investitionen klüger einzusetzen.“

Refuse, Reframe, Repair

Das methodische Instrumentarium geht über das klassische „Reduce, Reuse, Recycle“ hinaus. nonconform arbeitet mit drei Strategien:

  • Refuse: Ablehnung einer Bauaufgabe, wenn der Bestand bei besserer Nutzung bereits ausreicht.
  • Reframe: Transformation durch veränderte Organisation und andere Nutzungsrhythmen – ohne einen einzigen Stein zu bewegen.
  • Repair: Schonende Anpassung des Bestands, wo Eingriffe unumgänglich sind – mit Fokus auf Kreislaufmäßigkeit.

Volksschule Kottingbrunn: Mehr Schule, weniger Neubau

Die Volksschule Kottingbrunn (NÖ) aus den 1960er-Jahren entsprach längst nicht mehr den Anforderungen: zu kleine Klassen, lange öde Flure, kein Platz für Ganztag, Investitionsstau. nonconform machte stattdessen eine dreitägige Ideenwerkstatt mit Schulkindern, Lehrpersonal, Eltern und Gemeindevertreterinnen. 

Das Ergebnis: ein Konzept mit drei Raum-Strategien. Im Mittelpunkt steht die Aula als „gemeinsames Herz“ der Schule. Wolfgang Haas, Gemeindevorstand und Projektinitiator: „Die nebeneinander existierenden Raum-Systeme für den Vormittag und den Nachmittag wurden intelligent verknüpft und dadurch viel mehr Nutzungsoptionen für die Kinder, die Pädagogik und uns als Gemeinde geschaffen.“

Kärntner Sparkasse: Neuversiegelungs-Saldo null

Die Kärntner Sparkasse wollte ein neues Headquarter. nonconform begleitete einen einjährigen Entwicklungsprozess, an dessen Ende eine überraschende Entscheidung stand: Die neue Arbeitswelt zieht ins denkmalgeschützte Gründerzeithaus am Neuen Platz in Klagenfurt ein. Neuversiegelungs-Saldo: null.

220 Mitarbeitende teilen sich 150 voll ausgestattete Arbeitsplätze mit einem Sharing-Faktor von 0,6. Markus Ogris-Linder, Leitung Human Resources: „Das Haus brummt jetzt wie ein Bienenstock.“ Anfängliche Skepsis der Belegschaft wich nach einer Pilotphase breiter Begeisterung: Das vernetzte Arbeiten wurde zum Treiber für Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg.

Hochschwarzwald: Weniger Wege, mehr Wert

Die Tourismusregion Hochschwarzwald mit 21 Gemeinden reduzierte ihr Wanderwegenetz von 1.800 auf 1.000 Kilometer und die Touristinformationen von 21 auf 8 Standorte. Die freigesetzten Ressourcen wurden in aktive Teams vor Ort investiert. Patrick Schreib, Geschäftsführer Hochschwarzwald Tourismus: „In unserer Entwicklungsstrategie spielt ‚Weglassen‘ eine ganz wichtige Rolle. Wir richten den Fokus bewusst auf kleine Impulsprojekte, von denen Einheimische und Gäste gleichermaßen profitieren.“

Warum jetzt? 

Die kommunalen Investitionen sind laut aktuellen Zahlen in Summe um etwa um 25 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig sind die Anforderungen gestiegen: Ganztagsbetreuung, Klimaschutzauflagen, und nicht zuletzt der demografische Wandel und das sogenannte „New Work“. 

Roland Gruber: „Wenn es jetzt weniger Geld gibt, muss ich intensiver nachdenken, was ich investiere. Nicht investieren wird nicht die Lösung sein, aber falsch investieren auch nicht.“ Jeder falsch gebaute Quadratmeter kostet nicht nur Investitionskapital, sondern jahrzehntelange Betriebskosten. Und 70 Prozent des CO₂-Verbrauchs eines Gebäudes stecken bereits im Bau selbst. Johanna Treberspurg, Partnerin bei nonconform: „Baureduktionsplanung präzisiert das Spielfeld für die Entwurfsplanung und sorgt dafür, dass am Ende des gesamten Planungs- und Bauprozesses zufriedene Nutzerinnen und Nutzer stehen, die sich mit dem neuen Raumangebot stärker identifizieren.“

nonconform 

nonconform ist ein Büro für Zukunftsraum-Entwicklung mit Standorten in Österreich und Deutschland. Das Team begleitet Kommunen, Organisationen und Unternehmen bei der Entwicklung von Ortszentren, Bildungsarealen, Quartieren und Transformationsflächen – von kleinen Gemeinden bis zu großen Stadtentwicklungsprojekten. Im Mittelpunkt steht die Baureduktionsplanung: ein strategischer Planungsansatz, der darauf abzielt, mit möglichst wenig baulichem Eingriff möglichst viel Wirkung zu erzielen. 
 

Schlagwörter