Die Praxis hinkt der Theorie hinterher

Der Präventionsgedanke nimmt im Gesundheitswesen einen wichtigen und breiten Raum ein. Ist er in der Theorie unbestritten, so hinkt die Praxis ein wenig hinterher. Jeder kann dies wohl an sich selbst beobachten. Um dem Ziel zu entsprechen ist es daher notwendig, das Gesundheitsbewusstsein schon in jungen Jahren zu implementieren, wie dies zuletzt Bundesministerin Hartinger-Klein hervorgehoben hat.

Nach dem Motto „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr“ ist es notwendig, diesen Gedanken der Prävention schon sehr früh bei den Eltern und bei den Jugendlichen in der Schule bewusst zu machen. Dass dies auch funktionieren kann, zeigen die Beispiele im Bereich der Abfalltrennung, wo Kindern im Unterricht ein sorgsamer Umgang mit unseren Abfällen vermittelt wird und diese das auch gegenüber ihren Eltern zu Hause vorleben.

Die Bedeutung und die Eigenverantwortung, die wir für unsere Gesundheit tragen, sind zwar in der Politik angekommen, aber offensichtlich noch nicht bei den Betroffenen selbst.

Im österreichischen Kinder- und Jugendgesundheitsbericht 2015 wird nach Maßgabe der verfügbaren Daten die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Österreich dargestellt. Basis der Darstellung sind vielfach Daten der Statistik Austria und Daten, die in der HBSC-Studie der WHO (Health Behaviour in School – aged Children Study) veröffentlicht sind. Diese Daten basieren auf Selbstausfüllerfragebögen. Die Datenquelle der schulärztlichen Untersuchungen fehlt jedoch in dem Bericht. Die Vermutung sei deswegen gestattet, dass es sie schlichtweg nicht gibt.

Handlungsbedarf bei Jugendlichen

Besonders bei den Jugendlichen dürften die Bemühungen um die Verbesserung der Gesundheitssituation allerdings noch nicht angekommen sein. Bewegungsarmut, ungesunde Ernährung und bestimmte Lebensgewohnheiten führen zu Übergewicht und den daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen. Ein Bericht im Spiegel Nr. 6/2018 über die Situation in Deutschland zeigt dies deutlich auf.

Welche Möglichkeiten und Anreize gäbe es, die Situation zu verbessern, und was hat das alles mit der Schulgesundheit zu tun?

Bis Kinder ihren Eltern die Bedeutung der Gesundheitsprävention näherbringen können, müssen sie natürlich ein bestimmtes Alter erreichen. Bis dahin sind die Eltern gefordert die Angebote, die unser Gesundheitssystem für Kinder bietet, zu nutzen.

Vorbild Mutter-Kind-Pass

Ein sehr gutes System besteht dabei mit dem Mutter-Kind-Pass. Dieser sieht fünf „verpflichtende“ Untersuchungen der werdenden Mutter und fünf verpflichtende Untersuchungen des Kindes vor. Die durchgeführten Untersuchungen werden vom Arzt in den Mutter-Kind-Pass eingetragen und dokumentiert.

Das Besondere daran ist, dass es zwar keine verpflichtende Untersuchungen sind, jedoch für Eltern, die die Untersuchungen nicht wahrnehmen, das Kinderbetreuungsgeld reduziert wird mit dem Ergebnis, dass alle diese Untersuchungen durchgeführt werden. Für alle weiteren im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Untersuchungen gibt es dieses Anreizsystem nicht, was zur Folge hat, dass die Folgeuntersuchungen im Mutter-Kind-Pass rapide abnehmen.

Erweiterung bis zum 18. Lebensjahr statt Schulgesundheitssystem

Voll zu unterstützen ist daher die langjährige Ärzteforderung, die auch von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein zuletzt erhoben wurde, den Mutter-Kind-Pass bis zum 18. Lebensjahr zu erweitern. Damit die Untersuchungen wahrgenommen werden, bedarf es auch hier entsprechender Anreize bzw. eine Koppelung mit Sozialleistungen.

Es liegt nun auf der Hand, dass bei einer Ausweitung des Mutter-Kind-Passes bis zum 18. Lebensjahr das System der Schulgesundheit ersetzt werden könnte. Dieses System verpflichtet derzeit die Schulerhalter – in der Regel die Gemeinden – Räumlichkeiten für Untersuchungen bereitzustellen.

Die durchgeführten Untersuchungen von Ärzten an der Schule finden ohne die Erziehungsberechtigten statt. Für Empfehlungen, die der Arzt erteilt, müssen aber erst wieder die Erziehungsberechtigten verständigt werden. Die Praxis hat auch gezeigt, dass die Ergebnisse dieser schulärztlichen Untersuchungen weder dokumentiert noch zusammengeführt werden und so keine Aussagekraft für die Gesundheitspolitik haben.

Aus gutem Grund wird das Thema der Schulgesundheit auch in einem sogenannten Spending Review evaluiert. Obwohl es natürlich Beharrungskräfte gibt, die das bestehende System unbedingt aufrechterhalten wollen, wäre jetzt die Gelegenheit, mit einer Änderung des Mutter-Kind-Pass-Systems, diese Änderungen vorzunehmen. Eltern wären angehalten, mit ihren Kindern ihren Hausarzt zu besuchen. Dieser könnte individuell alle notwendigen Untersuchungen vornehmen und diese auch dokumentieren. Direkte Empfehlungen an die Eltern könnten erteilt werden.

Ein positiver Effekt wäre gleichzeitig die Stärkung des Hausarztsystems. Und ganz nebenbei würde sich auch das Problem der Eichpflicht von Schulwaagen von selbst lösen.

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