Im Gespräch bei der Bürgermeisterinnen-Konferenz: (v.l.n.r.  Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und Bürgermeisterin Elke Kahr aus Graz, Bürgermeisterin Angela Baumgartner und Amtsleiterin Melinda Oesterreicher aus Sulz im Weinviertel.
Im Gespräch bei der Bürgermeisterinnen-Konferenz: (v.l.n.r. Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und Bürgermeisterin Elke Kahr aus Graz, Bürgermeisterin Angela Baumgartner und Amtsleiterin Melinda Oesterreicher aus Sulz im Weinviertel.
© Franz Gleiß

Weibliche Führung in der Gemeinde

10. Mai 2026
Manchmal beginnt politisches Engagement mit einem Gefühl. Melinda Oesterreicher, Amtsleiterin der Marktgemeinde Sulz im Weinviertel, erinnert sich genau, warum sie damals den Schritt in die Kommunalpolitik gewagt hat: „Ich hab bei unserer Bürgermeisterin immer das Gefühl gehabt, dass sie auch gerne junge Leute und junge Damen dabei hätte.“ Kein Parteiauftrag, keine Karrierestrategie – sondern das Signal einer Frau an eine andere, dass ihre Stimme gefragt ist. Es ist ein kleiner Satz, der viel über das Klima sagt, das nötig ist, damit Frauen sich politisch engagieren.

Oesterreicher war seit 2015 Mitglied des Ortsparlamentes und zuletzt als geschäftsführende ÖVP-Gemeinderätin tätig. Als sie die Amtsleitung übernahm, legte sie ihre politischen Mandate bewusst zurück. „Ich wollte das Politische und die Tätigkeit hier im Gemeindeamt einfach trennen“, erklärt sie – eine Entscheidung, die sie nicht bereut, auch wenn ihre Bürgermeisterin damals enttäuscht war. Was blieb, ist ein tiefes Engagement für die Modernisierung der Verwaltung: Online-Formulare, die elektronische Amtstafel, der Bauakt. Für Oesterreicher sind das keine abstrakten IT-Projekte, sondern konkrete Verbesserungen für Menschen, die mit dem Gemeindeamt zu tun haben.

Geteilte Erfahrung

Was Oesterreicher und Bürgermeisterin Angela Baumgartner verbindet, ist mehr als die gemeinsame Wirkungsstätte. Es ist eine geteilte Erfahrung: jene, als Frau in Positionen zu wirken, die lange als männlich galten – und sich dabei immer wieder neu beweisen zu müssen. Nicht durch Lautstärke oder Konfrontation, sondern durch Beharrlichkeit und fachliche Kompetenz. 

Oesterreicher beschreibt, wie sie in Bauverhandlungen gegenüber männlichen Parteien manchmal extra klar Position beziehen muss: „Ich stehe jetzt auf der Behördenseite. So ist es. Und du musst das jetzt so bauen, weil ich das sag!“ Baumgartner kennt das aus ihrer eigenen Praxis: Es gibt noch immer Menschen, die ihr gegenüber einen Ton anschlagen, den sie sich gegenüber einem Mann nie erlauben würden.

 Angela Baumgartner und Melinda Oesterreicher
Die Sulzer Bürgermeisterin und ihre Amtsleiterin vor ihrem Gemeindeamt..

Beiden ist bewusst, dass hinter diesen Alltagserfahrungen ein tieferes strukturelles Problem steckt. Baumgartner beschreibt es anhand eines Bildes, das sie immer wieder heranzieht: Wenn eine Ärztin und ein Krankenpfleger gemeinsam einen Raum betreten, spricht die Patientin automatisch den Mann an. Nicht böswillig, sondern aus eingeschliffenen Mustern. „Das werden wir nicht aus den Köpfen rausbekommen“, sagt sie – nicht resigniert, sondern nüchtern. Und: Das Bild, das beide von ihrer Arbeit zeichnen, hat dennoch einen gemeinsamen Zug. Sie denken langfristig, holen alle ins Boot, scheuen den Dialog nicht.

Beide Frauen brachten diese Erfahrungen auch auf eine größere Bühne: Bei der Bürgermeisterinnenkonferenz der deutschsprachigen Länder, die unter dem Motto „Frau macht Demokratie“ in Wien stattfand, nahmen Baumgartner und Oesterreicher am Talk „Doppelte Frauenpower Stadt – Land“ teil – gemeinsam mit der Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr, und deren Vizebürgermeisterin Judith Schwentner. Die Konferenz brachte Bürgermeisterinnen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Südtirol zusammen. 

Studie & Befunde

Laut einer eigens vorgestellten Studie der Politologin Kathrin Steiner-Hämmerle beträgt der Anteil der Bürgermeisterinnen in Österreich gerade einmal 11,6 Prozent – obwohl rund 27,6 Prozent der kommunalpolitisch aktiven Frauen angaben, ursprünglich zur Kandidatur überredet worden zu sein. Kein Ausnahmefall, sondern ein Muster, das sich österreichweit immer wieder zeigt und das auch Baumgartner aus ihrer eigenen Geschichte kennt.

Die Studie förderte weitere aufschlussreiche Befunde zutage. Frauen in kommunalen Führungspositionen vertreten ein stärker konsensorientiertes Politikverständnis und befürworten häufiger eine Einbindung der Bevölkerung in Beratungsprozesse. Männer hingegen sehen ihre Rolle klarer in der Entscheidungsfindung für die Bevölkerung. Besonders auffallend ist der Unterschied bei Aufstiegsambitionen: Von den Vizebürgermeistern strebt rund ein Drittel der Männer das Bürgermeisteramt an – unter den Vizebürgermeisterinnen sind es lediglich 8,8 Prozent. Und während nur 12 Prozent der männlichen Bürgermeister unterschiedliche Erwartungen an Männer und Frauen wahrnehmen, bestätigen das rund 52 Prozent der Bürgermeisterinnen.

Feindseligkeit im Alltag

Offen angesprochen wurde auf der Konferenz auch die zunehmende Feindseligkeit gegenüber Politikerinnen: Grabkerzen vor dem Rathaus, Beschädigungen am Auto, anonyme Beschimpfungen. Was für manche nach vereinzelten Extremfällen klingt, ist für viele kommunale Entscheidungsträgerinnen gelebter Alltag. Die Vizepräsidentinnen des Österreichischen Gemeindebundes riefen dazu auf, solche Vorfälle konsequent anzuzeigen und nicht stillschweigend hinzunehmen. Eine internationale Referentin berichtete von einer Kollegin, die nach massiver Einschüchterung zurückgetreten war und schwer erkrankte. Das Schweigen zu brechen, lautete die gemeinsame Botschaft der Konferenz.

Mentorinnen helfen

Baumgartner kennt diese Dynamiken aus eigener Erfahrung – und sie hat gelernt, damit umzugehen. Auf die Frage, was sie jungen Frauen rät, die sich politisch engagieren möchten, antwortet sie klar: „Mentorinnen suchen! Das ist das Um und Auf! Ich denke man muss selber als Frau ein gutes Vorbild sein, man soll sich was trauen und natürlich, man muss hinterfragen.“ Dabei betont sie die Frage der Selbstpositionierung: Es reiche nicht, gut zu sein – man müsse auch sichtbar sein und die richtigen Signale aussenden. Wer sich zu sehr vordrängele, habe oft weniger Chancen als jene, die durch ihre Haltung überzeugten. Kurz gesagt: Man „muss sich als Frau positionieren und die Signale aussenden, dass man sich das zutraut.“

Es ist die Mischung aus persönlicher Erdung und strukturellem Bewusstsein, die Baumgartner und Oesterreicher zu glaubwürdigen Stimmen in einer Debatte macht, die weit über eine einzelne Gemeinde hinausweist. Die Bürgermeisterinnenkonferenz hat gezeigt: Die Frage ist nicht mehr, ob Frauen kommunale Politik können. Die Frage ist, welche Rahmenbedingungen – Netzwerke, Mentoring, gesellschaftliche Akzeptanz – sie brauchen, damit immer mehr von ihnen den Schritt in ein öffentliches Amt wagen. Und dafür, so ist man sich in Wien einig geworden, ist Sichtbarkeit der erste und wichtigste Schritt. 


 

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