Angela Baumgartner: „Ich weiß, wenn ich aufhöre als Bürgermeisterin, werd ich weinen.“ Angela Baumgatner über die Dankbarkeit und Verbundenheit mit ihrer Funktion.
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Die Vorausdenkerin
Sulz liegt mitten im Weinviertel, zwischen Weingärten und sanften Hügeln, nah der tschechischen Grenze. Rund 1.250 Menschen leben in den Katastralgemeinden Sulz, Niedersulz, Nexing und Erdpreß. Weinbau, Landwirtschaft und ein lebendiges Vereinsleben (25 an der Zahl) prägen den Alltag, in Niedersulz zieht das Weinviertler Museumsdorf Besucher von weit her an. Die Gemeinde ist überschaubar, und doch passiert hier einiges. Wer hier ins Gemeindeamt kommt, stellt schnell fest, dass kein einziger Mann hinter einem Schreibtisch sitzt.
Bürgermeisterin, Vizebürgermeisterin und Amtsleiterin sind in Sulz ebenso weiblich wie die Kolleginnen am Schalter, in der Buchhaltung und im Bürgerservice. Angela Baumgartner steht seit einigen Jahren an der Spitze dieses Teams und betrachtet die Konstellation weder als Zufall noch als Programm, sondern schlicht als das, was sich ergeben hat, erklärt Sie, als sie KOMMUNAL im Gemeindeamt empfängt, um ihre Marktgemeinde vorzustellen, die sie bis ins letzte Eck kennt.
„Ich bin Ur-Sulzerin“, sagt Baumgartner. Ihr Urgroßvater war Bürgermeister, ihr Großvater auch, ebenso der Großonkel. Der Vater saß Jahre im Gemeinderat. Politik im eigenen Ort ist ihr also schon von Haus aus eingeschrieben. Das prägt bis heute die Haltung, mit der sie das Amt versteht: „Ich schaue immer voraus und überlege: ‚Wie möchte ich Sulz meinen Söhnen hinterlassen?‘“ Zwei davon hat sie selbst, die Frage ist also keine rhetorische Figur, sondern ein persönlicher Maßstab für das, was sie in der Gemeinde tut und lässt.
Eine ihrer ersten Handlungen als Bürgermeisterin war die notwendige Rodung der Kastanienallee, und nunmehrigen Lindenallee. Das Projekt war keine Kleinigkeit, sondern ein frühes, sichtbares Signal, dass mit Baumgartner jemand im Amt ist, der anpackt. Die Arbeit ist im Ort gut angekommen und hat ihr in den ersten Monaten jene Bestätigung verschafft, auf der sich weitere Vorhaben aufbauen ließen. Was anfangs ein Mutmacher war, ist inzwischen eine lange Liste umgesetzter Projekte geworden.
Herzlich und einbindend
Ihr Stil im Amt ist herzlich und einbindend. Baumgartner spricht viel mit den Menschen in der Gemeinde, hört zu und trägt Themen früh an die anderen Fraktionen heran.
Was in den Gemeinderat kommt, ist im Vorfeld in Ruhe besprochen, jede Fraktion hat die Gelegenheit, sich einzubringen, bevor ein Tagesordnungspunkt aufgerufen wird. Überraschungen gibt es in den Sitzungen keine. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die Beschlüsse des Gemeinderats fallen allesamt einstimmig. In einer Kommunalpolitik, in der ums Mitspracherecht üblicherweise gerungen wird, ist das ein besonderer Wert – und einer, auf den Baumgartner sichtlich stolz ist. Für sie ist Sulz dann am stärksten, wenn es parteiübergreifend zusammenarbeitet. Gemeinsam getragene Entscheidungen, so ihre Erfahrung, halten länger und tragen auch dann, wenn es einmal unbequem wird. Zu ihren eigenen Stärken rechnet Baumgartner Ausdauer, ein gutes Gespür für Stimmungen im Ort und die Bereitschaft, Gesprächen Zeit zu geben, bevor entschieden wird.
Wie eng Baumgartner mit ihrem Amt verbunden ist, merkt man, wenn sie darüber spricht: „Auch wenn es mir wirklich manchmal bis oben steht, ist es, ich will fast sagen, mein Traumjob. Und ich weiß, wenn ich aufhöre als Bürgermeisterin, werde ich weinen.“ Fast im selben Atemzug folgt der nüchterne Zusatz: „Irgendwann gehört man aber auch weg.“ Zwei Sätze, zwischen denen sich viel von dem findet, was Baumgartner im Amt antreibt: Hingabe und Augenmaß zugleich.
Viele Projekte umgesetzt
Sulz wächst. Der Zuzug aus dem Wiener Raum ist spürbar, junge Familien kommen, die Ortschaften verändern sich. Dass das Miteinander trotzdem trägt, ist nicht selbstverständlich. Baumgartner ist auch abseits des Amtes im Ortsleben fest verankert. Der Glauben ist ihr wichtig, so ist sie etwa auch Mesnerin und Lektorin. Nähe zu den Menschen ist für sie keine Wahlkampfformel, sondern gelebter Alltag.
In Baumgartners Amtszeit ist vieles entstanden. Ein neues Gemeindezentrum steht, in Niedersulz gibt es einen neuen Spielplatz, dazu einen neuen Kindergarten, in dem zugleich Wohnungen und eine Arztordination untergebracht sind. Die Volksschule ist generalsaniert, die neue Turnhalle gehört inzwischen zum Alltag.
In Nexing und Erdpreß wurden Hochwasserschutzmaßnahmen umgesetzt. In Erdpreß steht außerdem ein neuer Veranstaltungssaal, der dem Ortsteil eine neue Bühne gibt. Hinzu kommen der Motorikpark, auf dem sich heute Kinder wie Erwachsene bewegen, und der revitalisierte Brunnen, der im Ort eine emotional aufgeladene Bedeutung hat.
Davon abgesehen, war die Straßenbenennung vergangenes Jahr ein bemerkenswertes Projekt, das anfangs in deren Wehmut um die alten Adressen auch manche Gemüter erregte. Straßen, die bis dato unbenannt waren, sollten eigene Namen erhalten. Obersulzer, Niedersulzer Erdpresser, und Nexinger haben sich parteiübergreifend zusammengesetzt und Namen kreiert, sofern es nicht ohnehin schon inoffizielle Bezeichnungen der Straßen und Gassen gab. Und das hat ziemlich gut funktioniert.
Ein großes Thema der kommenden Jahre ist das Wasser. Die Wasserleitungen müssen saniert werden, und das hat in Sulz eine eigene Tiefenschicht. Sulz ist wasserreich, hat aber sein Wasser schon vor langer Zeit verkauft. Mehrere umliegende Gemeinden nutzen es heute. Diese Geschichte steckt im kollektiven Gedächtnis und ist emotional aufgeladen. Wasser ist in Sulz nicht nur eine Leitung, sondern ein Stück Ortsgeschichte.
Die Leitungen aus der Hand zu geben, kommt für Baumgartner nicht in Frage. Sie spricht es selbst offen an: „Vom wirtschaftlichen her müsste ich sagen, wir verkaufen die Wasserleitungen an die EVN. Aber mein Herz sagt, das geht gar nicht.“ Sie geht die Sanierung lieber langfristig und eigenständig an. Auch andere Infrastrukturfragen sind entschieden. Eine Volksbefragung am 15. Oktober 2023, auf die Baumgartner bestanden hatte, brachte bei großer Wahlbeteiligung 61,26 Prozent Zustimmung für die Errichtung von Windkraftanlagen. Wirtschaftlich ist die Entscheidung vernünftig, und zum andernorts viel beschworenen Landschaftsbild gehören in der Region Windräder heute schon zum festen Bestandteil.
Baumgartners politischer Kernpunkt liegt bei der Lebensqualität im Ort. Menschen sollen in Sulz bleiben können, auch dann, wenn sie älter werden oder Betreuung brauchen. Betreutes Wohnen im Ort ist ihr viel lieber als das Ausweichen in andere Gemeinden oder Heime. „Man muss rechtzeitig darauf schauen, dass man es hat, wenn man es braucht“, zitiert sie Joki Kirschner. Der Gedanke dahinter ist einfach und zugleich persönlich: Wer jahrzehntelang in Sulz gelebt hat, soll hier auch alt werden dürfen, unter vertrauten Menschen, in vertrauter Umgebung. Für die jungen Leute zählen Kindergarten und Schule. Ohne sie, davon ist Baumgartner überzeugt, verliert ein Dorf seine Substanz – erst die Geräusche, dann die Kinder, dann die Familien.
Eine Besonderheit im Ort verbindet Baumgartners Familie mit der Ortsgeschichte: die Wachbergkapelle. Sie wurde von ihrem Urgroßvater errichtet, 2024 hat die Gemeinde ihr 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Für die Bürgermeisterin war das mehr als ein Termin im Kalender. Es war ein Tag, der sie sichtlich berührt hat. Hier kommt zusammen, was Sulz für sie ausmacht: Familiengeschichte, Dorfgemeinschaft und gemeinsame Erinnerungen. Dass sie die Festrede halten durfte, war für Baumgartner ein Höhepunkt. Dass ausgerechnet ein Bauwerk ihres Urgroßvaters unter einer Bürgermeisterin aus derselben Familie den runden Geburtstag feierte, gibt der Sache eine Note, die im Ort niemandem entgangen ist.
Ganz oben auf der Agenda der nächsten Jahre stehen die Wasserleitungen und das betreute Wohnen, dazu der laufende Erhalt von Kindergarten, Schule und Vereinen. Baumgartner hat noch viel vor. „Doch bei der nächsten Wahl 2030, möchte ich wissen, wer mein Nachfolger wird“, sagt sie, ,“ich bin Jahrgang 1969. Und im Jahr 2034 werde ich 65 sein. Dann ist es genug. Es gehören neue Ideen und neue Leute her.“ Baumgartner wünscht sich, dass ihr Nachfolger, einige Jahre mit ihr mitmarschiert, „sodass ich ihm mein Wissen weitergeben kann.“ Ob Mann oder Frau ist der Bürgermeisterin egal: „Ich werde die Person unterstützen, die sich das zutraut und die es gerne machen möchte.“
Wer noch mehr über die Sulzer Bürgermeisterin wissen möchte: Hier erzählen Angela Baumgartner und ihre Amtsleiterin Melina Oesterreicher über ihre Erfahrungen als Frauen in der Politik.
Angela Baumgartner
Alter: 56
Gemeinde: Sulz im Weinviertel
Einwohnerzahl: 1.257 (1. Jänner 2025)
Bürgermeisterin: 1. September 2014
Partei: ÖVP