© KOMMUNAL/Andreas Hussak
Österreichische Pflegegespräche Teil 2
Prävention statt Pflegefalle: Wie Österreichs Gemeinden gegensteuern können
Bis 2050 werden die Pflegekosten auf 13,5 Milliarden Euro steigen – gleichzeitig fehlen 76.000 Pflegekräfte. Kürzlich fand zu den aktuellen und kommenden Herausforderungen im Pflegebereich die zweite Veranstaltung der Pflegegespräche des Österreichischen Gemeindebundes "Vorsorge und Pflege – Die Gemeinden sind gefordert" statt.
Bis 2050 werden die Pflegekosten auf 13,5 Milliarden Euro steigen – gleichzeitig fehlen 76.000 Pflegekräfte. Kürzlich fand zu den aktuellen und kommenden Herausforderungen im Pflegebereich die zweite Veranstaltung der Pflegegespräche des Österreichischen Gemeindebundes "Vorsorge und Pflege – Die Gemeinden sind gefordert" statt. Die Tagung fokussierte sich auf präventive Ansätze in der Alterspflege und die zentrale Rolle der Gemeinden bei der Gesundheitsförderung.
Im ersten von drei Panels mit dem Titel "Mehr Prävention, weniger Pflege" zeigten internationale Expert:innen konkrete Lösungswege auf, die auch für österreichische Gemeinden umsetzbar sind.
Die demografische Zeitbombe tickt
Die Zahlen sind alarmierend: Bereits heute sind über 500.000 Österreicherinnen und Österreicher pflegebedürftig, 20 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt. Bis 2050 wird dieser Anteil auf 28 Prozent steigen. Das eigentliche Problem liegt jedoch woanders: Die Lebenserwartung beträgt zwar rund 81 Jahre, die gesunden Lebensjahre enden aber bereits mit 57.
"71 Prozent der Pflegebedürftigen werden zuhause von Angehörigen betreut – meist von Frauen, die dem Arbeitsmarkt fehlen", erklärt Alexander Biach. Der Co-Autor des Buches "Raus aus der Pflegefalle" und Generaldirektor der SVS (Sozialversicherung der Selbstständigen) präsentierte konkrete Präventionsprogramme, die das Ruder noch herumreißen können.
Skandinavien zeigt, was möglich ist
Ein Blick über die Grenzen macht Mut: Schweden und Dänemark geben pro Kopf ähnlich viel für Gesundheit aus wie Österreich. Der Unterschied liegt im Ergebnis: Während in Österreich über 20 Prozent der über 65-Jährigen pflegebedürftig sind, sind es in Skandinavien nur rund 10 Prozent. "Der Unterschied liegt in der Prävention", betont Biach. In Österreich fließen nur 2,5 Prozent der Gesundheitsausgaben in Vorsorge, nur 17,5 Prozent der Bevölkerung nutzen die kostenlose Vorsorgeuntersuchung.
Der Best Agers Pass: Gesundheit wird belohnt
Als konkreten Lösungsansatz stellte Biach den "Best Agers Pass" vor – ein zweijähriges Gesundheitsförderungsprogramm für Menschen ab 50. Das Pilotprojekt in Wien basiert auf drei Säulen: Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit.
Das Programm startet mit einer ausführlichen Vorsorgeuntersuchung inklusive Krebsvorsorge. Danach erhalten Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen individuellen "Lebensstern" mit persönlichen Gesundheitszielen. Für jede absolvierte gesundheitsfördernde Maßnahme – von der Mundhygiene über Mammographie bis zur Koloskopie – sammeln sie Punkte. Diese werden in finanzielle Anreize umgewandelt: Menschen über 60 können bis zu 400 Euro jährlich erhalten.
"Wir wollen keinen Gesundheitszwang, sondern Gesundheitsfreude schaffen", so Biach. Nach einem Jahr erfolgt eine erneute Vorsorgeuntersuchung zur Evaluierung der Fortschritte. Das Programm kann optional im zweiten Jahr fortgesetzt werden.
Wie altersfreundlich ist meine Gemeinde? Der AFCCQ-Check
Einen anderen Ansatz präsentierte Niklas Rathsmann von der Körber-Stiftung Hamburg per Live-Zuschaltung. Mit dem AFCCQ (Age-Friendly Cities and Communities Questionnaire) steht Gemeinden ein wissenschaftlich fundiertes Messinstrument zur Verfügung. Der standardisierte Fragebogen mit 23 Fragen erfasst die Lebenszufriedenheit von Menschen ab 65 und basiert auf den WHO-Handlungsfeldern für altersfreundliche Städte.
"Wir sollten kontrollieren, ob unsere Maßnahmen richtig waren. Dafür brauchen wir ein Messinstrument", erklärt Rathsmann die Grundidee. Ursprünglich 2020 in Den Haag entwickelt, wird der Fragebogen inzwischen in 14 Sprachen und 18 Ländern eingesetzt. Die deutsche Version ist seit 2024 verfügbar.
Die Vorteile für Gemeinden liegen auf der Hand: Der Fragebogen liefert die Datengrundlage, um Maßnahmen zielgerichtet einzusetzen – gerade in Zeiten knapper Kassen ein entscheidendes Argument. "Die Menschen müssen spüren, dass sie mit ihrem Anliegen ernst genommen werden", betont Rathsmann. Die Befragung fördert Demokratiebewusstsein, Teilhabe und Vertrauen in die öffentliche Verwaltung.
In Oldenburg lag die Rücklaufquote bei über 900 auswertbaren Bögen (bei 2.000 Aussendungen), in der Mittelstadt Pullheim in Nordrhein-Westfalen sogar bei 52 Prozent.
Schweizer Vorbild: Lokal vernetzt älter werden
Den dritten Impuls lieferte Manuela Kobelt vom Kanton Zürich, ebenfalls per Live-Zuschaltung. Sie leitet das kantonale Programm "Prävention und Gesundheitsförderung im Alter", das an der Universität Zürich angesiedelt und von der nationalen Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz kofinanziert wird.
Die wissenschaftlichen Fakten sprechen eine klare Sprache: Gesundheitsförderung im Alter reduziert Einschränkungen und Hilfsbedürftigkeit um 50 Prozent, senkt das Sturzrisiko um 30 bis 50 Prozent und verzögert Demenzerkrankungen. "Im Alter lässt sich viel beeinflussen", betont Kobelt.
Besonders erfolgreich ist das Projekt "Lokal vernetzt älter werden". Dabei werden Lücken in der Angebotslandschaft – vor allem bei sozialer Vernetzung – erkannt und geschlossen. Das Besondere: Seniorinnen und Senioren werden aktiv in die Entwicklung und Umsetzung eingebunden. In Mitwirkungsanlässen, Workshops und Fokusgruppen werden Bedürfnisse erfasst und konkrete Projekte entwickelt.
Die Bandbreite reicht von niederschwelligen Treffpunkten und Nachbarschaftshilfe über Plauderbänkli und Ortsbusse bis zu Anlaufstellen für digitale Probleme und Infoplattformen für Seniorinnen. "Bestehende Angebote werden koordiniert und bekannter gemacht", fasst Kobelt zusammen.
Rechtliche Grundlage in der Schweiz ist das kantonale Gesundheitsgesetz, das Kanton und Gemeinden verpflichtet, Gesundheitsförderung und Prävention zu unterstützen – mit Subventionen bis zu 100 Prozent.
Anknüpfungspunkte für österreichische Gemeinden
Alle drei Ansätze bieten konkrete Anknüpfungspunkte für österreichische Gemeinden. Der Best Agers Pass kann mit bestehenden lokalen Angeboten wie beispielsweise in der Kommune angebotenen Wanderungen oder Sporteinheiten kombiniert werden. Der AFCCQ liefert die Datengrundlage für evidenzbasierte Entscheidungen. Und das Schweizer Modell zeigt, wie kommunale Vernetzung systematisch aufgebaut werden kann.
Niederösterreich macht es mit der Initiative "Gesunde Gemeinde" bereits vor – 78 Prozent aller Gemeinden beteiligen sich aktiv. Die Teilnahme erfordert lediglich einen Gemeinderatsbeschluss, ein kleines Budget pro Kopf und die Einreichung bei "Tut gut!".
"Präventionsprogramme sind unabdingbar, um die Herausforderungen zu meistern", fasst Biach zusammen. Der Nutzen ist dreifach: Teilnehmende profitieren von besserer Gesundheit und Bonifikationen, Unternehmen von weniger Krankenständen, die Volkswirtschaft von höherer Produktivität und Kostensenkung.
FACTBOX: Panel 1 im Überblick
Veranstaltung: Tagung "Vorsorge und Pflege – Die Gemeinden sind gefordert"
Datum: 22. Jänner 2026
Ort: Haus der Industrie, Wien
Veranstalter: Österreichischer Gemeindebund
Panel 1: Mehr Prävention, weniger Pflege – ein Mindchanger
Keynote-Speaker:
- Alexander Biach, Co-Autor und Generaldirektor SVS: "Raus aus der Pflegefalle – ein Best Ager Bonus Pass für 50plus"
- Niklas Rathsmann, Körber-Stiftung Hamburg (LIVE-ZUSCHALTUNG): "Wie altersfreundlich ist meine Gemeinde? Ein Check!"
- Manuela Kobelt, Universität Zürich (LIVE-ZUSCHALTUNG): "Prävention im Alter inkl. Projekt Lokal vernetzt"
Die wichtigsten Zahlen:
- 500.000 Pflegefälle in Österreich (Stand 2026)
- 76.000 fehlende Pflege- und Betreuungskräfte bis 2030
- 13,5 Mrd. Euro Pflegekosten bis 2050 (Prognose)
- Nur 2,5% der Gesundheitsausgaben für Prävention
- Nur 17,5% nutzen kostenlose Vorsorgeuntersuchung
Best Agers Pass – Das Programm:
- Zweijähriges Gesundheitsförderungsprogramm ab 50
- Drei Säulen: Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit
- Punktesystem für gesundheitsfördernde Maßnahmen
- Finanzielle Anreize: bis 400 Euro/Jahr für 50+
- Pilotprojekt in Kooperation: alle Sozialversicherungsträger, Stadt Wien, Vinzenzgruppe
AFCCQ – Der Altersfreundlichkeits-Check:
- 23 standardisierte Fragen an Menschen 65+
- Basiert auf WHO-Handlungsfeldern
- Anwendung in 18 Ländern, 14 Sprachen
- Deutsche Version seit 2024 verfügbar
- Rücklaufquoten bis 52 Prozent
Projekt "Lokal vernetzt" (Kanton Zürich):
- Systematische Vernetzung in Gemeinden
- Mitwirkung älterer Menschen bei Projektentwicklung
- Themen: Treffpunkte, Nachbarschaftshilfe, Infrastruktur, digitale Anlaufstellen
- Gesetzliche Grundlage: Gesundheitsgesetz mit bis zu 100% Subvention
Wirkung von Prävention im Alter:
- 50% Reduktion von Einschränkungen/Hilfsbedürftigkeit
- 30-50% Senkung des Sturzrisikos
- Verzögerung von Demenzerkrankungen
- Erhaltung psychischer Gesundheit
Kontakt & Information:
Detaillierte Informationen:
- Österreichischer Gemeindebund:
PFLEGE-GESPRÄCHE (Teil 2) am 22. Jänner 2026 - Der Österreichische Gemeindebund
- Körber-Stiftung: demografie@koerber-stiftung.de
- Kanton Zürich: www.gesundheitsfoerderung-zh.ch
- SVS Vorsorgepass: www.svs.at