Zettel mit Schrift "gut gemacht!"
Viele Ehrenamtliche haben eine hohe intrinsische Motivation – sie brauchen keinen äußeren Antrieb. Aber jeder Mensch möchte gesehen und angenommen werden.
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Psychologie

„Wertschätzung kostet nichts – aber sie tut allen gut“

Ob in der Gemeindeverwaltung, im Ehrenamt oder im politischen Miteinander – Wertschätzung ist der Kitt, der Gemeinschaften zusammenhält. Der Wirtschaftspsychologe Bernhard Riener und der Abt des Stifts Seitenstetten, Petrus Pilsinger, sind sich einig: Es braucht keine großen Gesten, sondern vor allem Haltung und Aufrichtigkeit. Wer wertschätzend mit anderen umgeht, tut damit nicht nur anderen, sondern auch sich selbst etwas Gutes.

„Wertschätzung ist im Prinzip eine positive Bewertung eines anderen Menschen“, erklärt Bernhard Riener, Wirtschaftspsychologe und Gemeinde-Berater aus Heimberg in der Mostviertler Gemeinde Haag. „Das ist eine grundsätzliche Haltung, die den anderen Menschen als Ganzes betrifft – ohne dass er dafür etwas leisten muss.“ Wertschätzung, so Riener, ist unabhängig davon, was der andere tut oder lässt. Genau das unterscheide sie von bloßem Lob: Beim Lob steht der Lobgeber über dem Lobempfänger, bei echter Wertschätzung hingegen sind beide als Personen gleichwertig. „Man spürt in den Nuancen – im Blick, im Tonfall, in der Gestik –, ob das wirklich von Herzen kommt oder ob es nur aufgesetzt ist.“

Wissenschaftlich betrachtet, korreliert Wertschätzung eng mit dem Selbstwertgefühl: Menschen mit hohem Selbstwert nehmen häufiger eine wertschätzende Haltung ein und werden auch öfter wertgeschätzt. Wer zu Mobbing neigt, kompensiert hingegen oft ein geringes Selbstvertrauen. „Wertschätzung stärkt das Selbstwertgefühl – beim Empfänger und beim Geber gleichermaßen“, sagt Riener. „Wertschätzung kostet nichts – aber sie tut allen gut.“

Der Bürgermeister als Kulturpräger

Bernhard Riener
Wirtschaftspsychologe Bernhard Riener: „Kultur entsteht aus vielen kleinen Momenten gelebter oder verweigerter Wertschätzung.“

Diese Erkenntnis gilt ganz besonders für jene, die in Gemeinden Verantwortung tragen. „Als Bürgermeister oder Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung ist man eine kulturprägende Person“, betont Riener. „Man lebt vor, auf welche Art und Weise man miteinander umgeht.“ Wer von der Mehrheit gewählt wurde, gibt Orientierung – und die meisten Menschen richten sich danach. 

Dass das Thema heute besonders drückt, hat laut Riener auch mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun: Die Verwaltung hat sich von einer eher obrigkeitlichen Einrichtung, wo der Bürger Bittsteller war, zu einer Dienstleistungsorganisation entwickelt – was das Miteinander neu verhandelt.

Petrus Pilsinger, Abt des Stifts Seitenstetten, der als Leiter des Klosters täglich Führungsverantwortung trägt, sieht das genauso: „Je mehr Wertschätzung ein Bürgermeister oder Abteilungsleiter zeigt, desto mehr gewinnt er an Autorität.“ Der verbreitete Glaube, Härte verschaffe Respekt, sei ein Irrtum. „Wenn die Menschen spüren, dass man gut mit ihnen umgeht, dann entsteht daraus Autorität.“ Ehrliches Interesse und aktives Dasein für die Gemeinschaft – das sei es, was Führungspersönlichkeiten wirklich Ansehen verschaffe.

Grenzen setzen gehört dazu

Petrus Pilsinger
Petrus Pilsinger: „Mehr danken, statt sofort billig zu kritisieren. Kritik ist wichtig – unbedingt. Aber nicht auf eine billige Art.“

Wertschätzend zu sein bedeutet jedoch nicht, alles widerspruchslos hinzunehmen. Riener stellt klar: „Wertschätzung heißt nicht, dass ich immer mit allem einverstanden bin. Es bedeutet, dass ich den Wert des anderen nicht infrage stelle.“ Wenn jemand respektlos auftritt, gehört es zur Selbstwertschätzung, sich abzugrenzen. In Kommunikationsseminaren übt er Formulierungen wie: „Ich bin gerne bereit, diese Dienstleistung für Sie zu erbringen – aber persönliche Beleidigungen lasse ich nicht zu.“

Auch Abt Pilsinger betont sachliche Klarheit: „Ich versuche, gerade in Konflikten bewusst sachlich zu bleiben – Dinge klar ansprechen, aber ohne persönliche Angriffe.“ Gerade im politischen Kontext werde Verachtung gezielt eingesetzt, um den Wert des anderen zu senken. Dem müsse man mit Selbstbewusstsein begegnen: nicht durch Gegenangriff, sondern durch klare Haltung.

Kleine Gesten, große Wirkung

Wie lässt sich Wertschätzung im Gemeindealltag konkret leben? Riener und Pilsinger sind sich einig: keine großen Bühnen, sondern Aufrichtigkeit im Kleinen. Ob die ehrliche Anerkennung gegenüber einem Ehrenamtlichen, dem man unbürokratisch hilft – oder das schlichte, aufrichtige Wort des Dankes. „Mehr danken, statt sofort billig zu kritisieren“, sagt Abt Pilsinger. „Kritik ist wichtig – unbedingt. Aber nicht auf eine billige Art.“ Ein einfaches „Wie du das gemacht hast – Respekt“ könne Wunder wirken, wenn es ehrlich gemeint ist. 

Riener ergänzt: Viele Ehrenamtliche haben eine hohe intrinsische Motivation – sie brauchen keinen äußeren Antrieb. Aber jeder Mensch möchte gesehen und angenommen werden. Oft wirkt es mehr, wenn man ihnen bei kleinen praktischen Anliegen unbürokratisch entgegenkommt, als wenn man sie einmal im Jahr auf eine große Bühne holt.

Riener meint: Wer sich gesehen und anerkannt fühlt, bleibt engagiert, übernimmt Verantwortung und trägt Konflikte konstruktiver aus. Wer sich missachtet fühlt, zieht sich zurück oder sabotiert leise. Das gilt für Gemeindemitarbeitende genauso wie für den Umgang mit Bürgerinnen und Bürgern. „Kultur entsteht aus vielen kleinen Momenten gelebter oder verweigerter Wertschätzung“, sagt Riener. Für Gemeinden bedeutet das: Jede Interaktion zählt. Der erste Schritt kostet nichts – außer ein bisschen Aufmerksamkeit. 

Der Beitrag erschien in der NÖ Gemeinde 5/2026.
 

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