Monteur auf einem Windrad
Österreich braucht erheblich mehr Windenergie, um die saisonalen Schwankungen der Solarstromerzeugung auszugleichen.
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Österreich bei der Energiewende unter Druck

Die Internationale Energieagentur hat Österreichs Energiepolitik einer gründlichen Prüfung unterzogen. Das Ergebnis: Ehrgeizige Ziele stehen einer wachsenden Umsetzungslücke gegenüber. Der Bericht enthält klare Empfehlungen.

Österreich hat sich vorgenommen, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen – zehn Jahre früher als die Europäische Union. Bis 2030 soll der gesamte Stromverbrauch bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. 

Die Ausgangslage ist günstig: Rund 60 Prozent der heimischen Stromerzeugung stammen aus Wasserkraft, und Österreich hält den höchsten Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch in der gesamten EU. Doch die Internationale Energieagentur (IEA) stellt in ihrem aktuellen Länderbericht fest, dass das Tempo der Umsetzung nicht ausreicht. 

Die gesamtwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen sind seit 1990 zwar um 16 Prozent gesunken, rechnet man jedoch Landnutzung und Forstwirtschaft hinzu, stiegen die Emissionen um 13 Prozent – die österreichischen Wälder verlieren zunehmend ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden. Wichtige Förderprogramme wurden infolge von Budgetkürzungen eingestellt, was bei Unternehmen und Investorinnen und Investoren Unsicherheit ausgelöst hat.

Gesetze kommen zu spät

Ein zentrales Problem sind Verzögerungen bei der Gesetzgebung. Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) wurde erst im Dezember 2025 verabschiedet. Das geplante Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz fehlt noch immer. Die IEA empfiehlt, ausstehende Rechtsvorschriften rasch zu erlassen. Nur so entstehen stabile Rahmenbedingungen für Unternehmen, Gemeinden und Haushalte.

Erschwerend wirkt die geteilte Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern. Die IEA regt an, die Aufsicht stärker auf Bundesebene zu bündeln und Governance-Strukturen durch ein neues Klimaschutzgesetz zu modernisieren. Das würde Genehmigungsverfahren straffen und den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen.

Windkraft: Ausbau hinkt hinterher

Österreich braucht erheblich mehr Windenergie, um die saisonalen Schwankungen der Solarstromerzeugung auszugleichen. Im Jahr 2024 deckten erneuerbare Energien 90 Prozent des Strombedarfs – Photovoltaik allein erreichte einen Anteil von 11,3 Prozent. Der Windkraftausbau bleibt dagegen weit hinter den Zielen zurück. Für 2030 ist eine zusätzliche jährliche Stromerzeugung aus Wind von rund zehn Terawattstunden vorgesehen – dieses Ziel ist laut IEA derzeit nicht erreichbar.

Die Haupthindernisse sind Standort- und Zonenprobleme sowie langwierige Genehmigungsverfahren. Die IEA empfiehlt, ausgewiesene Windkraftentwicklungsgebiete rasch zu erschließen, wie es in Niederösterreich, der Steiermark und dem Burgenland bereits geschieht. Öffentliche Flächen sollen durch transparente, langfristige Pachtverträge zugänglich gemacht werden. Eine zentrale Anlaufstelle für Genehmigungen könnte die Verfahren beschleunigen.

Heizungstausch zu langsam

Raumwärme ist der größte einzelne Endenergieverbrauchsbereich in Österreich. Im Jahr 2024 deckte Erdgas noch mehr als 20 Prozent des Raumwärmebedarfs. Rund 850.000 Gasheizkessel und 450.000 Ölheizkessel sind weiterhin in Betrieb. Derzeit werden jährlich rund 30.000 Gasheizungen getauscht – nötig wären jedoch etwa 80.000 pro Jahr.

Die IEA empfiehlt integrierte Wärme- und Kältepläne auf nationaler und kommunaler Ebene. Genehmigungsverfahren für Wärmepumpen und Fernwärmeanschlüsse sollen vereinfacht werden. Ein strukturelles Hindernis ist das sogenannte Vermieter-Mieter-Dilemma: Vermieterinnen und Vermieter investieren selten in energetische Sanierungen, weil Mieterinnen und Mieter von den Einsparungen profitieren. Finanzielle Anreize für Vermieterinnen und Vermieter sowie vereinfachte Beschlussfassung in Mehrparteienhäusern könnten helfen.

Mann montiert Wärmepumpe
Die Internationale Energieagentur fordert, dass Genehmigungsverfahren für Wärmepumpen und Fernwärmeanschlüsse vereinfacht werden.

Flexibilität als Schlüssel

Mit dem wachsenden Anteil variabler erneuerbarer Energien muss das Stromsystem flexibler werden. Der nationale Netzinfrastrukturplan prognostiziert, dass der Strombedarf bis 2030 um 26 Prozent und bis 2040 um mehr als 75 Prozent steigen wird. 

Das ElWG hat erste Reformen eingeleitet: Doppelte Netzentgelte für Speicher wurden abgeschafft, dynamische Tarife und lokale Flexibilitätsmärkte eingeführt.

Die IEA empfiehlt, Marktsignale für Verbraucherinnen und Verbraucher sowie Betreiber von Flexibilitätsressourcen zu stärken. Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und Batteriespeicher können zur Netzstabilität beitragen – sofern die regulatorischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.

Industrie braucht gezielte Hilfe

Die energieintensive Industrie hat die Energiekrise stark gespürt. Die Gesamtwertschöpfung dieser Sektoren liegt derzeit rund 7 Prozent unter dem Niveau von 2019. Die neue Industriestrategie 2035 sieht einen subventionierten Industriestrompreis von 0,05 Euro pro Kilowattstunde für energieintensive Branchen bis 2028 vor.

Die IEA empfiehlt, staatliche Unterstützung zu befristen und an klare Dekarbonisierungsziele sowie Reinvestitionen in CO2-arme Technologien zu knüpfen. Öffentliche Mittel sollen dort eingesetzt werden, wo die größten Klima- und Wettbewerbsvorteile entstehen. Die IEA warnt zudem vor einem Subventionswettlauf zwischen benachbarten Staaten.

Wasserstoff und Versorgungssicherheit

Bis 2022 bezog Österreich 80 Prozent seines Erdgases aus Russland. Die Regierung reagierte rasch: Die strategische Gasreserve wurde auf 20 Terawattstunden erhöht, ein Diversifizierungsgesetz erlassen und Infrastrukturprojekte priorisiert. 

Für die Zukunft setzt Österreich auf Wasserstoff. Bis 2030 sollen ein Gigawatt Elektrolysekapazität aufgebaut und mindestens 80 Prozent des fossilen Wasserstoffs in der Industrie durch emissionsarmen Wasserstoff ersetzt werden. Die IEA empfiehlt, den Infrastrukturausbau schrittweise und abhängig von gesicherter Nachfrage voranzutreiben – mit Schwerpunkt auf Industrieclustern in Linz, der Steiermark und dem Wiener Raum.

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