Coralee Meier: „Wir sind da, um Ängste zu nehmen, Nähe und Trost zu spenden und zuzuhören, denn jeder Tod ist einzigartig.“
© Sabine Omann
Role Models im Spiegel
Die letzte Strecke gemeinsam
Coralee Meier kam 1971 mit dem einzigen deutschen Satz „Ich liebe dich“ aus den USA nach Bad Aussee. Heute gehört die 77-Jährige zu den Pionierinnen der Hospizbewegung in der Steiermark. Über Altern und Sterben als kommunale Aufgaben, die Kraft der Freiwilligenarbeit und die Frage, warum in Österreich so wenig über das Lebensende gesprochen wird.
„Ich habe gelernt, dass es nie zu spät ist, jemanden das zu sagen, was man wirklich sagen möchte. Denn Menschen, die nicht mehr die Chance haben, Dinge ins Lot zu bringen, quälen sich.“
Coralee Meier, 77, spricht aus Erfahrung. Seit 32 Jahren begleitet sie sterbende Menschen im Ausseerland. Ehrenamtlich, immer dann, wenn sie gebraucht wird. Auch abends, manchmal über Nacht. Sie gehört zu den Pionierinnen der Hospizbewegung in der Steiermark, war bei der ersten Hospizgrundausbildung dabei, die Christl Bahar 1993 im Ausseerland anbot.
Christl Bahar kam aus der Pflege und erkannte eine Lücke in der kommunalen Versorgung. „Früher pflegten Angehörige bis ans Lebensende innerhalb der Familien, meistens Frauen“, erzählt Meier. „Christl bemerkte, dass nicht mehr jede Familie diese Möglichkeit hat, aus zeitlichen oder persönlichen Gründen.“ Als Christl Bahar Leute für das Hospizteam suchte, sprach sie Menschen an, von denen sie dachte, das könnte sie interessieren. „Ich war darunter.“
Die Kunst, Körpersprache zu lesen
Meiers erste Erfahrung in der Hospizarbeit entstand jedoch eher zufällig. Während eines Krankenhausaufenthalts kümmerte sie sich um eine schwerkranke Mitpatientin, die nicht mehr sprechen konnte. Meier blieb an ihrer Seite, lernte, ihre Körpersprache zu deuten, konnte schließlich sogar den Ärzt:innen vermitteln, was der Frau guttat. Diese Fähigkeit hatte sie sich früher angeeignet, aus der Not heraus.
Als sie 1971 die USA verließ und nach Bad Aussee kam, sprach sie nur einen deutschen Satz: „Ich liebe dich. Und damit kommt man nicht so weit“, sagt Meier und lacht. Also begann sie, genau hinzusehen: auf Tonfall, Mimik, Gestik zu achten. Diese Beobachtungsgabe half ihr später in der Hospizarbeit. „Wie versucht sich jemand auszudrücken, mit den Augen, dem Körper? Wie macht sich dieser Mensch bemerkbar, wenn er aufgeregt ist, Schmerzen hat, wenn er nicht mehr sprechen kann?“
Sterben als kommunale Aufgabe
Ziel der Hospizbewegung war es unter anderem, den Menschen den Verbleib in ihrem vertrauten Wohnumfeld so lange wie möglich zu sichern. Entsprechend findet heute ein Großteil der Hospizarbeit mobil statt. In privaten Haushalten ebenso wie in Pflegeeinrichtungen, um den Abschied in gewohnter Umgebung zu unterstützen. Doch anfangs gab es Widerstände.
„Ärzt:innen, Familien und Heime haben das Unterstützungsangebot zuerst als Einmischung gesehen. Wir würden sie überprüfen wollen, wir seien Spitzel“, erinnert sich Meier zurück. Nach und nach gelang es, schließlich Vertrauen aufzubauen. Mit Erfolg: Heute ist das Hospiz ein fester Bestandteil der kommunalen Gesundheitsstrategie. Dort, wo Pflegedienste an ihre zeitlichen Grenzen stoßen und Familien Entlastung brauchen. „Macht die nächsten Stunden mal etwas für euch, wir passen auf, sind da“, sagt Meier dann zu den Angehörigen, die manchmal seit Wochen kaum zur Ruhe kommen.
Trotzdem wird in Österreich wenig über Hospiz gesprochen. „Speziell in Österreich sind die Menschen sehr abergläubisch. Sie glauben, darüber zu reden, wird den Tod herbeiholen.“ Viele schauen nicht hin: Das geht mich nichts an, noch nicht. „Aber wir sterben alle, wann, das wissen wir nicht.“ Meiers Rat: „Man redet einfach schon früher darüber.“ Sich aufs Sterben vorzubereiten, bedeutet auch: Ist mein Haus für einen Rollstuhl geeignet? Wo will ich meinen letzten Lebensabschnitt verbringen? „Vielleicht sollte man das in Gesetzen mitdenken, also beim Hausbau, dass es barrierefrei gebaut wird.“ Sich solche Gedanken zu machen, Vorbereitungen zu treffen, nimmt Angst, sagt Meier. Mit ihrem Mann hat sie alles besprochen. „Auch sich früh genug um einen Heimplatz zu kümmern, kann Betroffene und Angehörige entlasten.“
Was Sterbende lehren
„Die Menschen, die ich begleitet habe, wollten am Ende immer ihre Beziehungen ins Lot bringen, einen Ausgleich schaffen, einen Streit bereinigen.“ Es war immer etwas wie: Ich habe dir nie gesagt, wie gern ich dich habe, wie sehr du mir geholfen hast. „Nie haben sie gewartet, um Zorn, Wut loszuwerden.“ Wenn Meier mit Patient:innen Zeit verbringt, wird viel gelacht, geblödelt. „Das ist wichtig. Wir wollen es ihnen ja auch leichter machen.“ Oft sind es tiefgehende Gespräche. „Wir sind da, um Ängste zu nehmen, Nähe und Trost zu spenden und zuzuhören, denn jeder Tod ist einzigartig.“
Die Hospizarbeit erfordert viel Kraft. Meier bekommt sie im Team. „Gemeinsam unterstützen wir uns durch Teamabende, Fortbildung, gemeinsame Aktivitäten.“
Das Team ist Quelle für Ruhe, Austausch, Freundschaft. „Wir unterstützen uns, man fühlt sich von der Gemeinschaft getragen. Ich bin überzeugt, dass man all das alleine nicht machen könnte.“
Ihr Appell an andere ist, sich selbst einzubringen: „Wir können immer Hilfe brauchen, und neue Mitarbeiter:innen sind immer erwünscht. Viele machen die Ausbildung auch nur für sich, weil sie sich mit dem Tod und dem Sterben, dem Altern generell auseinandersetzen wollen. Es stärkt die eigene Resilienz.“