Daniel Müller: „Auch wenn man finanzkräftig ist, muss man aufs Geld schauen.“
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Vom Bauhof in den Chefsessel
Jahrelang lang leitete Daniel Müller den Bauhof von Grän, jetzt ist er dessen Bürgermeister. Im Porträt erzählt der junge Familienvater, wie aus dem Bauhofleiter der Ortschef einer finanzstarken Tiroler Tourismusgemeinde wurde.
In Daniel Müllers Leben geht und läuft es derzeit rund. Der Bürgermeister von Grän im Tiroler Tannheimer Tal hat eben seinen 30. Geburtstag gefeiert, er trägt seit dem 2. April die Amtskette, und in den nächsten Tagen wird sein zweites Kind erwartet. Das erste ist drei Jahre alt. Voller lässt sich ein Start ins Amt kaum denken. Müller bringt das wenig aus der Ruhe: Er kennt seine Gemeinde, und seine Gemeinde kennt ihn.
Dass aus dem Bauhofleiter ein Ortschef wurde, hat in Grän niemanden überrascht. Müller ist, wie er selbst sagt, ein Vereinsmensch: bei der Feuerwehr, als Ortsstellenleiter des Roten Kreuzes im Tannheimer Tal, in der Landjugend. In einem Ort mit 643 Einwohnern bleibt das nicht unbemerkt.
2017 kam er in den Gemeindedienst und wurde Bauhofleiter. Der damalige Langzeitbürgermeister Martin Schädle band ihn rasch in die Abläufe der Gemeinde ein. Irgendwann kam die Frage, ob er nicht in den Gemeinderat wolle. Müller sagte schnell zu, weil ihn die Gemeinde ohnehin immer schon interessiert hatte und ihm wichtig war. Es folgte die Zeit als Vizebürgermeister, in der er mehr als 180 Termine pro Jahr wahrnahm – eine Schule, die ihm den Wechsel an die Spitze erleichtert hat.
Leichter heißt nicht leicht
Die erste Reihe sei eben anders als die zweite, sagt Müller. „Der Blickwinkel ändert sich natürlich, man ist von heute auf morgen für alles verantwortlich.“ In einer kleinen Gemeinde reiche diese Verantwortung von der Geburt bis zum Sterben, und sie bleibe an einer Person hängen. Zugleich sei der Apparat überschaubar: „Wir sind kein aufgeblasener Bürokratieapparat, sondern wirklich einfach strukturiert. Wenn man etwas im Ort braucht, dann geht man zum Bürgermeister oder zum Gemeindeamt.“
Den Bauhof, den er einst selbst ohne Vorbereitung übernehmen musste, leitet er jetzt nur noch acht Stunden pro Woche, um die neuen Mitarbeiter sauber einzuarbeiten. Den Schritt begründet er auch mit Transparenz: Den Anschein von Doppelbezügen will er vermeiden, und die Zeit braucht er für das Amt und für die Familie. Die ehrenamtliche Funktion des Rotkreuz-Ortsstellenleiters behält er.
Die Bühne, auf der Müller agiert, ist solide gebaut. Grän zählt zu den finanzstärksten Gemeinden Tirols und hat so gut wie keine Schulden. Eine starke Wirtschaft mit Hotellerie und Betrieben sorgt für Kommunalsteuer und für Arbeitsplätze, die junge Menschen im Tal halten. Sie ist Einpendler-Gemeinde und wächst.
Vom Tourismus lebt der Ort sichtbar: Auf die kleine Einwohnerzahl kommen jährlich zwischen 400.000 und 450.000 Nächtigungen. Dazu kommen die Tagesgäste. Liegt im benachbarten Allgäu Nebel, strömt eine Vielzahl an Menschen nach Grän – eine Belastungsprobe, auf die man jederzeit vorbereitet sein muss. Der Haldensee, ein Badesee mit Trinkwasserqualität samt Freibad, das Skigebiet Füssener Jöchle, sowie das gesamte Tannheimer Tal als Ski- und Wandergebiet tun ihr Übriges.
Diese Stärke nutzt die Gemeinde für die Daseinsvorsorge. Über die Kommunalbetriebe Grän GmbH wurden Wohnungen für junge Leute und Familien geschaffen, und das soll auch weiterhin geschehen.
Für ältere Menschen entstand – noch unter dem Vorgänger – maßgeschneiderter Wohnraum, und direkt neben dem Gemeindehaus gibt es heute eine Tagesbetreuung des Sozial- und Gesundheitssprengels, in der das ganze Tannheimer Tal zusammenkommt. Mit drei Ärzten ist die Gemeinde medizinisch gut versorgt, und eine ganztägige Kinderbetreuung, für eine Tourismusgemeinde besonders wichtig, gibt es bereits und soll ausgebaut werden.
Bei einer Einheitsliste muss diskutiert werden
Politisch arbeitet Grän mit einer seit Jahren bewährten Einheitsliste, und Müller wurde einstimmig gewählt. Die Liste sei weniger Partei als Abbild des Ortes, sagt er: Landwirte, Wirtschaftstreibende, Touristiker und Arbeiter sitzen gemeinsam im Gemeinderat. Reibungslos sei das nicht, und das soll es auch nicht sein. „Bei einer Einheitsliste gibt es keine Opposition, darum ist es schon ganz wichtig, dass es Diskussionen gibt.“ Streit im Ort gebe es so keinen, gerungen werde trotzdem.
Zusammenarbeit statt Fusion
Über die Gemeindegrenze hinaus setzt Müller klar auf Zusammenarbeit statt Fusion. Im Tannheimer Tal gehe vieles miteinander, und das solle so bleiben. Größere Einheiten brächten vor allem mehr Bürokratie, gibt er zu bedenken; entscheidend sei, dass jeder Ort seine eigene Führung behalte. „jeder Ort braucht einen Kopf, das ist ganz ganz wichtig, nicht nur ein Ortvorsteher,“ sagt er – gemeint ist jemand, der für den Ort geradesteht.
Programmatisch verschiebt sich der Schwerpunkt vom Bauen zum Erhalten. „In den letzten hundert Jahren hat man viel Infrastruktur gebaut. Jetzt kommt die Zeit, wo man das, was man gebaut hat, verheben (= instandhalten, Anm.d.Red.) muss.“
Wasserversorgung und Kanal zu sanieren werde künftig viel Geld binden, und gerade die Sicherung der Wasserversorgung ist wegen der Gäste ein Dauerauftrag. Bei aller Finanzkraft bleibt Müller vorsichtig und will wirtschaften wie sein Vorgänger, mit Maß und Vernunft, denn „auch wenn man finanzkräftig ist, muss man aufs Geld schauen“.
Konkret entsteht ein Freizeitpark, genannt Fun-Park, den die Gemeinde mit dem Tourismusverband und Mitteln der EU und des Landes Tirol für rund eine Million Euro errichtet – für Jung und Alt, bewusst in öffentlicher Hand.
Konflikt mit Tourismusverband bereinigt
Mit dem Tourismusverband hatte es unter dem Vorgänger Differenzen gegeben; Müller hat die Verhandlungen weitergeführt und abgeschlossen. Künftig übernimmt die Gemeinde die Grundleistungen gegen ein Jahresbudget, Großprojekte werden gemeinsam mit Gemeinden, Verband und Bergbahnen umgesetzt. Im Tal herrscht wieder Friedensstimmung.
Ein altes Thema bleibt offen: die nie gebaute Umfahrung Haldense/Haller, an der dem Land das Geld fehlt. Müller gibt sich keinen Illusionen hin: „ich glaube auch nicht, dass ich das Thema abschließen werde, aber ich werde es anstoßen.“
Wie er seine Gemeinde jemandem beschreiben würde, der noch nie dort war? Landschaftlich, sagt Müller, sei es das schönste Hochtal Europas, eines der wenigen Täler Tirols, das kein V-Tal ist, mit flachem Talboden vor den ersten Bergen. Und die Menschen?
„Der Gräner und die Gränerin sind offen für Neues, aber beständig in ihren Wurzeln.“ Wie ernst es der Ort mit dem Neuen meint, zeigt ein Detail, das Müller gern erwähnt: In der Musikkapelle dirigiert eine Kapellmeisterin, und den Schnaps tragen zwei Männer – Marketender, sonst eine Frauenrolle. Gleichberechtigung in alle Richtungen. Auch volljährig gewordene Jungbürger werden in Grän eigens gefeiert.
Bei allem Tempo der ersten Wochen klingt bei Müller wenig Getriebenes durch. Er hat sein Amt von langer Hand kennengelernt, er verringert seine bisherigen Bauhof-Tätigkeiten massiv, um sich nicht zu verzetteln, und er nimmt sich die Zeit für ein zweites Kind, das jeden Tag kommen kann. Vieles, sagt er, laufe in Grän ohnehin gut; er müsse gar nicht viel anstoßen, man müsse mit den Bürgerinnen und Bürgern von jung bis alt leben und wachsen. Für einen 30-Jährigen im Chefsessel ist das eine bemerkenswert gelassene Bilanz.
Daniel Müller
Alter: 30
Gemeinde: Grän
Einwohnerzahl: 643
Bürgermeisterin: 2. April 2026
Partei: Gemeinschaftsliste Grän - GLG