Bianca Hofer: „Pflege wird gerne als ‚Helferin‘ gesehen. Aber: Es ist ein professioneller Beruf mit ausgezeichneter Ausbildung und muss auch so bezahlt werden.“
© ee Sabine Omann
Role Models im Spiegel
„Wie möchte ich selbst in 50 Jahren gepflegt werden?“
Von der abgebrochenen Hauswirtschaftsschule in Leoben über die Schweiz zurück in die Steiermark: Bianca Hofer hätte niemand eine Karriere in der Pflege zugetraut, sie sich selbst am wenigsten. Heute leitet die 40-Jährige das Caritas Pflegewohnhaus Schloss Wasserleith und sagt: „Das Wollen und die Motivation machen den Unterschied“.
Diese Geschichte beginnt an einem Ort, den man sich als Elfjährige nicht aussucht: im Krankenhaus. Bianca Hofer lag dort zwei Monate lang. Eine Blinddarm-Operation hatte Komplikationen verursacht. Aber immerhin: Die Pflegeschülerinnen waren freundlich, kümmerten sich. Als es dem Mädchen besser ging, half es beim Mittagessen austeilen, kümmerte sich um jüngere Patientinnen und Patienten. Es waren Bianca Hofers ersten Berührungspunkte mit dem Beruf, der ihr Leben prägen sollte.
Heute leitet die 40-Jährige das Caritas Pflegewohnhaus St. Marein bei Knittelfeld im Schloss Wasserleith. Der Weg dorthin führte über Umwege: abgebrochene Schule, Zeit in der Schweiz als Au-pair, schließlich die Pflegeausbildung trotz Lernschwierigkeiten. „Sich nicht von Zweifeln oder äußeren Erwartungen kleinhalten lassen“, ist seitdem ein Satz, der sie begleitet. Ihre alleinerziehende Mutter, die trotz abgebrochener Frisörlehre im Verkauf arbeitete und zwei Töchtern vieles ermöglichte, war ihr Vorbild. „Sie war eine starke Frau.“
Wenn Zeit keine Rolle spielt
Als Bianca Hofer das Pflegewohnhaus übernahm, mussten in der ersten Phase fast 70 Prozent des Pflegepersonals ausgetauscht werden. Eine enorme Herausforderung, die Hofer mit einer klaren Fragestellung an sich selbst konfrontierte: „Wie möchte ich selbst gern behandelt werden, in 50 Jahren, in der Pflege?“
Hofer hat für sich eine Antwort gefunden, die sich im Alltag deutlich bemerkbar macht. Eine Animateurin arbeitet 37 Wochenstunden, beschäftigt regelmäßig 30 von 36 Bewohner:innen. Beim Gärtnern, Spielen, Lesen, je nach Biografie. „Das entlastet die Pflege komplett. Das Pflegepersonal kann sich auf andere Dinge konzentrieren.“ Ein Mehr an Personalkosten, das die Lebensqualität aller erhöht.
„Wir haben ganz viele Leute, die es ihr Leben lang gewohnt waren, in der Früh zu duschen. Andere sagen: Nein, auf gar keinen Fall!“, erzählt Hofer. Manche wollen lieber abends duschen oder ein eingelassenes Bad statt der Dusche. „In der Führung ist für mich extrem wichtig, dass wir auf diese individuellen Bedürfnisse eingehen. Da soll Zeit keine Rolle spielen.“ Natürlich, solche Entscheidungen kosten Geld. Aber Hofer hat gelernt, umsichtig zu wirtschaften: Das Bio-Sortiment wurde erweitert, saisonal und regional eingekauft. „Natürlich kostet das mehr, aber wir haben festgestellt, dass wir viel Mineralwasser trinken. Jetzt trinken wir einfach mehr Leitungswasser und sparen so.“
Das Ganze im Blick zu haben
Bianca Hofer sieht es auch als ihre Aufgabe, alle Prozesse im Haus in- und auswendig zu kennen. Deshalb hat sie vergangenes Jahr selbst Küchendienste übernommen, als Personal ausfiel. „Jede Person trägt ihren Teil zum Haus bei, das funktioniert gut.“
Ihr Team ist jung, überwiegend weiblich, viele haben Kinder. Die Dienstplanung berücksichtigt das konsequent: Wer keine Kinderbetreuung hat, macht am Wochenende lange Dienste, unter der Woche kurze oder Nachtdienste. „Es ist alles nur eine Frage der Dienstplanung und kein persönliches Thema.“ Zwei Mitarbeiterinnen haben ihr im Gespräch bereits mitgeteilt, dass sie schwanger werden wollen. „Das finde ich total super, weil das unsere wundervolle Vertrauensbasis zeigt.“
Pflege als kommunale Zukunftsaufgabe
Doch Bianca Hofer denkt auch über das Pflegewohnhaus hinaus. Sie sieht großes Potenzial darin, Pflege als kommunalen Standortfaktor zu stärken. Gemeinden könnten das bereits vorhandene Know-how viel stärker nutzen, findet sie. Zum Beispiel für Demenzberatungen, Hilfsmittelversorgung, Wundmanagement. Ihre Vision: Gemeinden sollten „Pflegepraxen“ anbieten, ähnlich wie ärztliche Ordinationen. Gebäude mit günstiger Miete, barrierefrei, gut erreichbar im Ortszentrum.
Entscheidend wäre eine von Ärzten unabhängige Bezahlung über die E-Card, damit die Kosten von den Versicherungsträgern übernommen werden. „Pflege wird gerne als ‚Helfer:in‘ gesehen“, betont Hofer. Aber: „Es ist ein professioneller Beruf mit ausgezeichneter Ausbildung und muss auch so bezahlt werden.“ Gerade am Land wäre eine solche Pflegepraxis attraktiv, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Die kompetente Pflegekraft als Dreh- und Angelpunkt in der häuslichen Versorgung. Allerdings nicht ehrenamtlich, sondern angemessen vergütet.
Biografie
Bianca Hofer ist seit 20 Jahren in der Pflege tätig und durchlief die gesamte Karriereleiter: von der Pflegeassistentin zur Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin, weiter zur Stationsleiterin bis ins gehobene Pflegemanagement. Im Caritas Pflegewohnhaus Schloss Wasserleith ist sie in Doppelfunktion als Haus- und Pflegedienstleitung tätig. 2024 wurde sie von der Kleinen Zeitung beim VITA Award zur Pflegerin des Jahres gekürt.