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Bundesrats-Enquete
Anna Grebe: Digitale Werkzeuge zur Stärkung von Jugendbeteiligung
Digitale Tools können Jugendbeteiligung unterstützen, aber sie können sie nicht ersetzen. Wer glaubt, eine Online-Abstimmungsschaltfläche sei schon Partizipation, irrt. Anna Grebe, Medienwissenschaftlerin mit Praxiserfahrung in ländlichen Kommunen in Ost- und Westdeutschland, lieferte einen nüchternen Realitätscheck: Digitale Werkzeuge sind wertvolle Ergänzungen für Beteiligungsprozesse, aber nur dann, wenn der Prozess selbst stimmt.
Grebe unterscheidet drei Ebenen, ohne die kein digitales Beteiligungstool sinnvoll eingesetzt werden kann. Die erste Ebene ist Teilhabe an digitalen Technologien, also der schlichte Zugang zu Geräten und Internet. In Österreich ist jedes vierte Kind von Armut betroffen, was den Zugang zu mobilen Endgeräten und Internettarifen real einschränkt. Die zweite Ebene ist Teilhabe durch digitale Technologien, also KI als Übersetzungshelfer, Spracherkennung oder einfache Sprache, die auch Erwachsenen bei komplexen Verwaltungsverfahren helfen kann. Die dritte Ebene ist Teilhabe in digitalen Räumen: Junge Menschen schaffen heute Inhalte, diskutieren online und gestalten damit ihre Identität. Das ist Partizipation, auch wenn sie nicht als solche bezeichnet wird.
Wofür digitale Tools wirklich taugen
Grebe benennt fünf sinnvolle Einsatzfelder:
- Erstens die Information und Aktivierung für Beteiligungsprozesse, bei der junge Menschen dort angesprochen werden, wo sie sich aufhalten.
- Zweitens die Vernetzung und Kommunikation zwischen Jugendlichen und politischen Entscheidungsträgerinnen, auch über Messenger-Dienste.
- Drittens die Planung und Kollaboration innerhalb von Projekten, wobei Tools immer in einer mobilen Version vorliegen sollten.
- Viertens die Stimmungserhebung und Meinungsbildung im Verlauf eines Prozesses, wobei Ergebnisse immer transparent rückgespiegelt werden müssen.
- Fünftens die Dokumentation, damit Beteiligungsprozesse nachvollziehbar bleiben.
Wichtig in allen Fällen: Eine verantwortliche Person muss die Tools aktiv betreuen.
Empfohlene Tools für Kommunen
Grebe empfiehlt drei nicht-kommerzielle Full-Service-Tools, die Beteiligungsverfahren von Anfang bis Ende begleiten können: die österreichisch entwickelte Jugend-App, die auf außerschulische Beteiligung spezialisierte App Aula sowie die für kommunale Verfahren entwickelte Place-App. Alle drei sind datensicher, gamifiziert und für die Nutzung durch junge Menschen ausgelegt. Für Gemeinden, die tiefer einsteigen wollen, empfiehlt Grebe die Erasmus-Plus-Plattform E-Party, an der unter anderem das Vorarlberger Informationszentrum AHA mitgewirkt hat.
Medienkompetenz als Querschnittsaufgabe
Digitale Jugendbeteiligung ohne Medienkompetenz bleibt wirkungslos. Wer nicht versteht, wie Informationen online entstehen und geteilt werden, kann KI-generierte Inhalte nicht einordnen und ist manipulierbar. Grebe mahnte deshalb, Medienkompetenz strukturell zu verankern: in Schulen, in Kitas und vor allem in der außerschulischen Jugendarbeit, die in der politischen Diskussion oft vergessen wird.
Das nehmen Gemeinden mit
Nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg von Jugendbeteiligung, sondern die Qualität des Prozesses. Konkret bedeutet das: das Thema des Beteiligungsverfahrens klar definieren, das Ergebnis verbindlich und transparent kommunizieren, eine verantwortliche Person einsetzen und das analoge Angebot niemals vollständig durch digitale Formate ersetzen. Als praktische Orientierungshilfe empfiehlt Grebe die Qualitätsprinzipien der nationalen Arbeitsgruppe Jugenddialog sowie die Plattform E-Party für Kommunen, die Beteiligungsverfahren aufsetzen möchten.