Ein im Müllfahrzeug eingebauter Scanner analysiert die materielle Zusammensetzung der Oberfläche des Abfalls, d. h. Sensoren und Multispektralkameras prüfen diese und generieren Daten.
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Wie KI bei der Abfallsammlung hilft
Künstliche Intelligenz, Sensorik und digitale Plattformen können die Abfallwirtschaft effizienter, transparenter und klimafreundlicher machen. Von der intelligenten Mülltonne bis zur automatisierten Sortieranlage entsteht ein vernetztes Ökosystem für smarte Gemeinden.
Die Abfallwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Steigende Recyclingquoten, strengere Umweltvorgaben und wachsende Mengen an Verpackungen erfordern neue Lösungen. Digitale Technologien und Künstliche Intelligenz (KI) eröffnen dabei enorme Chancen.
Intelligente Systeme sind nicht länger Zukunftsmusik, sondern werden bereits heute von innovativen Unternehmen eingesetzt, um die Abfallwirtschaft von Grund auf zu transformieren – von der Sammlung über die Sortierung bis hin zur Rückführung wertvoller Rohstoffe in den Kreislauf. Sie sind der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und ressourcenschonenden Entsorgung, die den Weg in eine echte Kreislaufwirtschaft ebnet.
Präzision am Fahrzeug: KI erkennt Fehlwürfe in Echtzeit
Der von der Firma Saubermacher entwickelte, weltweit erste „Wertstoffscanner“ erkennt im Müllfahrzeug mithilfe künstlicher Intelligenz Fehlwürfe im Abfall. Über eine Kommunikationsplattform erhalten die Auftraggeber und Bürger eine direkte Rückmeldung über ihre Trennqualität. Das schafft Transparenz und fördert das Bewusstsein. Aktuell ist der Wertstoffscanner vor allem bei Gewerbekunden im Einsatz, doch die Anwendung im kommunalen Bereich sei ohne weiteres möglich.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Je früher Fehlwürfe erkannt werden, desto höher bleibt die Qualität der gesammelten Wertstoffe. Das reduziert Nachsortieraufwand, spart Kosten und steigert die Recyclingquote.
Smarte Abfallbehälter
Neben der Analyse des Abfalls selbst rückt zunehmend auch die intelligente Steuerung der Sammlung in den Fokus. Gemeinsam mit dem Gemeindeverband für Abfallwirtschaft (GVA) startete Saubermacher im vergangenen Sommer ein Pilotprojekt im niederösterreichischen Waidhofen an der Thaya.
Dabei wurden Abfallbehälter mit Sensoren ausgestattet und an eine digitale „Smart Collection Plattform“ angebunden. Die Container lassen sich eindeutig Haushalten oder Betrieben zuordnen, Füllstände werden in Echtzeit erfasst. Das ermöglicht eine bedarfsgerechte Entleerung und eine optimierte, klima- und kostenschonende Routenplanung. Überfüllungen können vermieden, Ressourcen gezielt eingesetzt werden – ein klarer Mehrwert für Gemeinden und Umwelt.
Manfred Wühl, Obmann des GVA Waidhofen an der Thaya und Bürgermeister der Gemeinde Kautzen, betont die strategische Bedeutung des Projekts: „Der Abfallverband wurde 1993 gegründet, um die kommunale Abfallwirtschaft gemeinsam im Bezirk Waidhofen/Thaya bürgerfreundlich und effizient abzuwickeln. Das Projekt ‚Smarte Sammlung von Siedlungsabfällen‘ ist ein weiterer Schritt dazu.“
Mit KI gegen Störstoffe
In Krems kommt künstliche Intelligenz direkt im operativen Betrieb zum Einsatz: Der KI-gestützte Störstoffscanner der Firma „Brantner green solutions“ analysiert Bioabfälle unmittelbar am Müllfahrzeug, erkennt Kunststoff- oder Metallanteile automatisiert und bewertet die Qualität der Schüttung in Echtzeit. Die Bilddaten werden von einer speziell entwickelten Software verarbeitet und in einem zentralen Dashboard ausgewertet. Dadurch werden tourgenaue Steuerung und gezielte Maßnahmen möglich – und durch den KI-basierten Ansatz technologische Innovation und Kreislaufwirtschaft konsequent verbunden.
„Glasy“ hilft bei der Glasaufbereitung
Mit „Glasy“ setzt Brantner green solutions am Standort Hohenruppersdorf neue technologische Maßstäbe. Durch ein eigens entwickeltes, sensorgestütztes und datenbasiert optimiertes Aufbereitungsverfahren wird Glas aus Müllverbrennungsrückständen mit einem Reinheitsgrad von 99,9999 Prozent zurückgewonnen. Digitale Prozesssteuerung und KI-gestützte Analysemodelle sorgen dabei für eine hochpräzise Trennung von mineralischen und metallischen Störstoffen, sodass das Material unmittelbar wieder als Sekundärrohstoff in der Verpackungsindustrie eingesetzt werden kann. Aus einem bislang deponierten Reststoff entsteht so ein industriell nutzbarer Wertstoff.
Vernetzte Infrastruktur: Wenn Müllfahrzeuge Daten liefern
Intelligente Abfallwirtschaft endet jedoch nicht beim Müll selbst. Fahrzeuge, die täglich durch Gemeinden fahren, können gleichzeitig wertvolle Infrastrukturdaten erfassen. Genau hier setzt das System von vialytics an.
Das in Stuttgart gegründete Unternehmen analysiert mithilfe künstlicher Intelligenz den Zustand von Straßenoberflächen. Alle vier Meter wird ein Bild erfasst, Schäden wie Risse oder Schlaglöcher werden automatisch erkannt, klassifiziert und in einem webbasierten System dargestellt. Bereits über 600 Kommunen europaweit nutzen diese Technologie.
Die Integration in bestehende GIS-Systeme – etwa durch Partner wie GISquadrat – ermöglicht eine nahtlose Einbindung in den digitalen Zwilling (siehe Seite 12) einer Gemeinde. Müllfahrzeuge könnten so künftig nicht nur Abfälle sammeln, sondern parallel zur Zustandserhebung der Infrastruktur beitragen. Das reduziert Kontrollaufwand, schafft objektive Entscheidungsgrundlagen und steigert die Effizienz kommunaler Verwaltung.
Eine Frage des Geldes …
Große technologische Sprünge erscheinen in Zeiten angespannter Budgets oft schwer realisierbar. Die Einführung von Sensorik, KI-Systemen oder digitalen Plattformen ist zunächst mit Investitionen verbunden – sowohl finanziell als auch organisatorisch.
Gerade hier liegt jedoch eine große Chance im Verbund. In Abfallverbänden oder interkommunalen Kooperationen können Kosten, Know-how und Infrastruktur gebündelt werden. Was für eine einzelne Gemeinde kaum darstellbar wäre, kann gemeinsam wirtschaftlich sinnvoll und strategisch klug umgesetzt werden. Skaleneffekte reduzieren Investitionshürden, standardisierte Systeme erleichtern die Integration und gemeinsame Datenplattformen schaffen Transparenz über Regionsgrenzen hinweg.
Intelligente Systeme entfalten ihren vollen Mehrwert ohnehin erst dann, wenn sie vernetzt gedacht werden. Ein Wertstoffscanner liefert wertvolle Daten, smarte Behälter optimieren einzelne Routen – doch im Verbund entsteht ein ganzheitliches Steuerungssystem für die gesamte Region. Effizienzgewinne, höhere Recyclingquoten und geringere Emissionen wirken sich dann nicht punktuell, sondern flächendeckend aus.
So betrachtet sind digitale Lösungen kein Luxus, sondern ein strategisches Instrument zur langfristigen Kostensicherung und Qualitätssteigerung.
Der Beitrag erschien in der NÖ Gemeinde 3/2026.