© Thomas Max
Bundesrats-Enquete
Patrizia Fink: Ehrenamt als Fundament der Regionen
Ehrenamt ist nicht nur sozial wertvoll, es ist auch ein wirtschaftlicher Faktor in Milliardengrößenordnung. Gleichzeitig verändert sich die Form des Engagements grundlegend, und wer das nicht versteht, wird dieses Potenzial verlieren. Patrizia Fink, die in Tirol das Netzwerk der Freiwilligenzentren aufgebaut hat, ließerte dazu die aktuellste Datenbasis und zwei konkrete Praxisbeispiele aus Tirol.
Die Statistik Austria hat im Dezember 2025 aktuelle Zahlen zum Ehrenamt veröffentlicht: 3,7 Millionen Menschen in Österreich engagieren sich freiwillig, das entspricht 48 Prozent aller über 15-Jährigen. Gemeinsam leisten sie 22,2 Millionen Stunden pro Woche. Der wirtschaftliche Wert dieser Arbeit beträgt konservativ geschätzt zwischen 14 und 18 Milliarden Euro. Allerdings zeigt ein genauerer Blick auf die Entwicklung: Das formelle Ehrenamt in Vereinen und Verbänden ist in den vergangenen zehn Jahren von 31 Prozent auf 24 Prozent gesunken. Das informelle, projektbezogene Engagement ist dagegen von 30 auf 38 Prozent gestiegen. Dieser Wandel verlangt eine Antwort.
Was Ehrenamtliche heute erwarten
Wer sich heute engagiert, tut das nicht mehr nur aus Altruismus. Neben dem Wunsch, anderen zu helfen, spielen persönliche Motive eine wachsende Rolle: in ein Berufsfeld hineinschnuppern, Kompetenzen erwerben, im Team arbeiten. Das klingt zunächst selbstbezogen, ist aber kein Grund zur Sorge. Es bedeutet nur, dass die Betreuung von Freiwilligen aufwendiger wird. Ehrenamtliche erwarten mehr Einbindung, mehr Unterstützung und klarere Strukturen. Gemeinden und Organisationen, die das ernst nehmen, werden auch in Zukunft genügend Engagierte finden.
Das Tiroler Modell: Freiwilligenzentren als regionale Ankerpunkte
Seit 2015 betreibt Tirol ein flächendeckendes Netz von Freiwilligenzentren, eingebettet in bestehende Regionalmanagement-Vereine. Die Aufgaben sind überall gleich: ein starkes Netzwerk aufbauen, Freiwillige vermitteln, Öffentlichkeitsarbeit für das Ehrenamt betreiben und Projekte entwickeln. Nach elf Jahren zählt das Netzwerk 1.800 Partnerorganisationen und vermittelt jährlich rund 800 neue Freiwillige. Bei der Freiwilligenwoche 2026 wurden 170 Projekte mit insgesamt 2.400 Teilnehmenden umgesetzt, beides Rekordwerte.
Digitale Tools für das Ehrenamt: was funktioniert
Gastredner André Meissner aus dem Hessischen Ministerium für Digitalisierung berichtete aus dem Förderprogramm „Ehrenamt digitalisiert“, das seit 2020 fast 1.000 gemeinnützige Institutionen unterstützt hat. Digitale Tools verbessern die Kommunikation im Vereinsvorstand, erleichtern die Nachwuchsgewinnung über soziale Medien und machen Vereinsprozesse transparenter. Entscheidend dabei: Digitale Kompetenz soll im Ehrenamt eine ergänzende Rolle spielen, keine ausschließende. Wer weniger digital versiert ist, darf seinen Platz im Verein nicht verlieren.
Das nehmen Gemeinden mit
Das klassische Vereinsmodell verliert an Anziehungskraft, nicht aber das Ehrenamt selbst. Gemeinden sollten deshalb projektbasierte Engagementformen fördern und das Modell der Freiwilligenzentren übernehmen, idealerweise über Regionen oder Planungsverbände. Wertschätzung muss aktiv gezeigt werden: durch Kampagnen, Anerkennungssysteme und digitale Koordinationstools. Ein einfacher Einstieg, der sofort umsetzbar ist: ein WhatsApp-Kanal für das örtliche Ehrenamt. Tirol hat damit in wenigen Wochen bereits 2.700 Abonnentinnen und Abonnenten erreicht.