Gemeindebund-Delegation in Irland

Irland zwischen Aufschwung und Wohnungsnot

„Céad míle fáilte”: Hunderttausendmal willkommen. Mit diesem Gruß empfängt Irland seine Gäste. Dublin wächst, doch vielen Menschen fehlt ein leistbares Zuhause. Die Irland-Reise des Gemeindebundes vom 21. bis 24. Oktober 2026 zeigte auch, welchen Wert Österreichs Wohnbau, Sozialversicherung und starke Gemeinden haben.
Pub in Dublin
Temple Bar ist nicht nur ein Pub, „Temple“ das kulturelle Zentrum Dublins. Straßenmusikanten, Straßenkünstler, Märkte und Ausstellungen sorgen für eine Art Karnevalsstimmung.

Zwischen den neuen Bürogebäuden der Dubliner Docklands erzählt unsere Reiseführerin von einer Zeit, in der hier die Arbeit ausging. Mit der Umstellung auf den Containertransport und moderner Verladetechnik gingen ab den 1960er-Jahren viele traditionelle Hafenarbeitsplätze verloren. Der Hafenbetrieb verlagerte sich weiter Richtung Meer, während alte Lagerhäuser und Kaianlagen ihre Funktion verloren.

Leerstand und Arbeitslosigkeit prägten jahrzehntelang das Viertel nicht weit von der Innenstadt Dublins. Das Gebiet war von Hoffnungslosigkeit und Kriminalität geprägt. 

Die Gründung des International Financial Services Centre 1987 gab der Erneuerung dieses Viertels einen wichtigen Impuls. Wo früher Schiffe anlegten und Millionen Auswanderer abreisten, stehen heute Wolkenkratzer und Firmensitze von großen Internetfirmen wie Google, Meta, Amazon und bald auch OpenAI (ChatGpt). Für die Bewohner Dublins stellt sich aber eine wichtige Frage: Können sie sich das Leben hier noch leisten?

Vom Auswanderungsland zum Wirtschaftsstandort

Irlands Auswanderungsgeschichte reicht unterdessen weit zurück. Große Wellen prägten das 19. Jahrhundert, die 1950er- und erneut die 1980er-Jahre. Viele junge, gut ausgebildete Menschen suchten Arbeit im Ausland. 

Später folgte der Aufstieg des „keltischen Tigers“, getragen von Bildung, internationaler Öffnung und Investitionen. Dann platzte die Immobilienblase. Die Finanzkrise ab 2008 traf Banken, Staat und Bevölkerung hart. 

Der Weg zurück war schmerzhaft: Banken wurden saniert, Ausgaben gekürzt und Steuern erhöht. Exporte und Investitionen halfen bei der Erholung. Heute schafft die Wirtschaft mit den internationalen Firmenzentralen neue Chancen und neue Jobs. Zugleich fehlen leistbare Wohnungen.

Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung

Wer in Dublin arbeitet, muss hier auch wohnen können. Doch das Angebot hält mit dem Bedarf nicht Schritt. Leistbares Wohnen ist Mangelware. Beim Austausch mit der Housing Alliance und dem Wohnbauträger Respond bekommt die Wohnungsfrage deshalb besonderes Gewicht. 

Das Unternehmen Respond verbindet Wohnen mit Gemeinschaftsräumen, Kinderbetreuung und Familienunterstützung und ist überzeugt: Wer Wohnungen baut, muss auch das Zusammenleben organisieren. Dabei blicken die Iren auch fast neidvoll nach Österreich: Rund eine Million Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen bilden hier eine breite Grundlage für leistbares Wohnen. Auch bei uns steigen die Wohnkosten aber in Irland wird deutlich, welchen Wert das Österreichische Wohnungs- und Genossenschaftssystem wirklich hat.

Wie Wachstum den Alltag verändert, sehen wir auch in Kildare westlich von Dublin. Beim County Council steht auf dem Willkommensbildschirm Irisch über Englisch. Beide sind Amtssprachen, im Alltag dominiert Englisch. Zweisprachige Ortsschilder halten “Gaeilge”, das Irische, präsent. 

„Céad míle fáilte“, hunderttausendmal willkommen, begleitet uns als Gruß durch die Reise durchs Land. Die Grafschaft westlich von Dublin verbindet ländliche Tradition mit einer wachsenden Wirtschafts- und Wohnregion. Die Nähe zur Hauptstadt bringt Arbeitsplätze und Zuzug, aber auch Druck auf Infrastruktur und Wohnraum. Beim County Council ging es damit um Aufgaben, die österreichische Gemeinden gut kennen.

Ein anderer Blick auf die soziale Absicherung

Ähnlich verändert sich der Blick auf das Gesundheitssystem. Zu Hause ärgern wir uns über Wartezeiten und fehlende Kassenstellen. In Irland muss meist selbst bezahlen, wer den Hausarzt ohne Medical Card aufsucht. Die breite Absicherung durch unsere Sozialversicherung bekommt aus dieser Perspektive einen anderen Wert. Darauf dürfen wir stolz sein und zugleich daran arbeiten, dass sie auch künftig verlässlich funktioniert.

Wie viel Politik vor Ort entscheiden kann

Wie sehr es auf Politik vor Ort ankommt, zeigt der Austausch mit der Association of Irish Local Government, AILG. Aengus O’Rourke und Tommy Moylan beschreiben 31 lokale Gebietskörperschaften mit 949 gewählten Councillors für rund fünfeinhalb Millionen Menschen. Im Schnitt betreut eine Verwaltung knapp 180.000 Einwohner; darunter bestehen Municipal Districts. Österreich hat 2.092 eigenständige Gemeinden und rund 40.000 kommunale Mandatare. Das bedeutet eine dichtere und direktere politische Vertretung: In Österreich können die Menschen ihre Vertreter direkt ansprechen und wissen, wer vor Ort Verantwortung trägt.

Delegation
Der Kerdiffstown Park bei Naas, ein Projekt des Kildare County Council. Das sind Allwetter-Kunstrasenplätze, auf denen Fußballtore und die hohen H-Tore für Gaelic Football bzw. Hurling kombiniert sind. Das Areal selbst ist übrigens eine aufgeschüttete ehemalige Mülldeponie.

In Irland verteilen sich die Befugnisse anders. Die Councils kümmern sich etwa um Wohnbau und Raumplanung, während Bildungs- und Gesundheitsaufgaben weitgehend außerhalb ihrer Zuständigkeit liegen. Der Zentralstaat mischt sich aus Dublin laufend in alle Bereiche des Lebens ein und entscheidet am Ende des Tages sogar, wo eine Bushaltestelle im hintersten County an der Westküste eingerichtet wird. Gewählte Mitglieder des City Councils beschließen Budget und Entwicklungspläne, ein Chief Executive führt die Verwaltung und trifft viele operative Entscheidungen. Der meist jährlich gewählte Vorsitzende hat andere – geringere - Handlungsmöglichkeiten als ein österreichischer Bürgermeister. Limerick erprobt seit 2024 einen direkt gewählten Bürgermeister mit wesentlichen Exekutivbefugnissen.

Mehr Mitsprache für gewählte Vertreter

Damit führt die Reise mitten in unsere Diskussion über Gemeindezusammenlegungen. Irland hat 2014 seine 80 Town Councils abgeschafft und die Zahl der Mandate reduziert. Heute arbeitet die AILG daran, die demokratische Nahversorgung wieder zu stärken. Gewählte Vertreter sollen mehr Einfluss auf Budgets erhalten, besser zu Informationen kommen und auf Anfragen verbindliche Antworten bekommen. Der Reformplan vom Juli 2026 soll ihnen dafür mehr Möglichkeiten geben. Es geht darum, ob ein gewählter Vertreter für seine Mitbürger tatsächlich etwas erreichen kann.

Die irischen Gemeindevertreter suchen mit diesem Reformplan nach mehr Demokratie und demokratischer Mitbestimmung vor Ort, also eigentlich nach der Bürgernähe, die Österreichs Gemeinden täglich leben.

Vertrauen und die Folgen alter Konflikte

Dass Gemeinden Vertrauen schaffen, betonte auch Pat Hynes vom Glencree Centre, der uns den Nordirland-Konflikt, den Friedensprozess und die Folgen des Brexits näherbrachte. Während die Republik Irland zur EU gehört, ist Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs. Die Konflikte der Vergangenheit liegen tief verwurzelt und belasten auch heute noch das Zusammenleben.

Einblicke in Wirtschaft und Kultur

Ein Teil der Delegation besichtigte auch das Amazon-Versandzentrum in Baldonnell. Die 2022 eröffnete Anlage umfasst rund 58.500 Quadratmeter.

Amazon
Sehr lehrreich war der Besuch bei der Amazon-Versandzentrum in Baldonnel. Die großen Konzerne bringen zwar viel Geld, aber auch viele Probleme für Irland. 

Irlands Kultur und Geselligkeit begleiteten die Fachgespräche. Das um 800 entstandene Book of Kells im Trinity College führt zurück in die Geschichte; nach dem Stadtspaziergang und einem Besuch in der Guinness Brauerei ging es in Irlands höchstgelegenes Pub Johnnie Fox. Unweit von Dublin liegt auch das malerische Fischerdorf Howth, das wir im Zuge einer kurzen Wanderung an der Steinküste entlang entdecken durften.

Mit ‚Céad míle fáilte‘, hunderttausendmal willkommen, wurden wir in Irland empfangen. Wir verabschieden uns mit ‚Céad míle buíochas‘: hunderttausendmal danke für die Gastfreundschaft, die offenen Gespräche und einen Blick auf Österreich, der manches Selbstverständliche wieder wertvoll macht.

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