Frau mit Maske
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„Es sollten nicht nur Mathematiker und Virologen entscheiden“

Wir sind wieder im Lockdown. Auch wenn die Regierung wieder mit denselben Maßnahmen wie im Frühjahr auf die steigenden Infektionszahlen reagiert, hat sie diesmal das Miteinander betont und nicht mehr nur auf Kontrolle, Angst und Strafe gesetzt. Trotzdem gibt es Kritik vor allem an Schulschließungen – und eine Spaltung der Gesellschaft in Befürworter und Gegner ist leider auch festzustellen.

Corona ist nach wie vor die bestimmende Geschichte nicht nur in Österreich, sondern in Europa und der ganzen Welt. Mitte November wies Österreich weltweit die höchste Zahl an Neuinfektionen auf, gemessen an 100.000 Einwohnern.

„Ganz Österreich ist nicht rot, sondern dunkelrot“, wie es Bundeskanzler Sebastian Kurz formulierte. Aber während zu Beginn die Gesellschaft im Wesentlichen die Maßnahmen mitgetragen hat, werden nun – acht Monate nach Beginn der Pandemie in Österreich und rund drei Wochen nach der Verhängung eines erneuten scharfen Lockdowns – immer mehr Stimmen laut, die die von der Regierung vorgesehenen Maßnahmen teils heftig kritisieren. Immer noch wirkt die Gesellschaft gespalten in den Fragen, die mit der Corona-Pandemie einhergehen.

Der Grund für den Lockdown dürfte klar sein: Mit den neuen Verschärfungen reagierte die Bundesregierung auf die in den beiden ersten Novemberwochen exponentiell steigenden Zahlen bei den Neuinfektionen und die schwindende Verfügbarkeit der Intensivbetten.

Auch die weitgehende Schließung der Schulen ist in der Kritik. Aber warum ist gerade diese Frage so kontroversiell? Das Thema Schulschließungen, korrekter „Distance-Learning“, hat ja nicht nur Auswirkungen auf die Fallzahlen. Noch viel massiver wirken sich diese Maßnahmen auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen aus. Und auch hier ist die Gesellschaft gespalten.

Eine Frage der Kommunikation oder Gewöhnung an das Unvermeidliche?

Dauert es also einfach schon zu lange, haben wir als Gesellschaft uns an Unvermeidliches gewöhnt oder ist so eine Spaltung der Gesellschaft eine normale Reaktion auf ungeschickt kommunizierte Zwangsmaßnahmen?

Eine Antwort auf diese Frage soll der renommierte Psychologe und Politologe Harald Haas geben. Er ist kein Unbekannter, schon zu Beginn der Pandemie in Österreich hat er in Interviews und Diskussionen auf ORF kritisiert, dass die damaligen Zwangsmaßnahmen der Regierung neben anderem auch ein hässliches Denunziantentum ans Tageslicht befördert hätten. Ein Phänomen, von dem wir glaubten, es seit vielen Jahrzehnten überwunden zu haben. Die Schicht der Kultur erweist sich, so Haas, als sehr dünn. Ein Befund, der nicht erst heute entstanden ist.

„Es ist eine dünne Firnis der Zivilisation, darunter brodelt die Barbarei“, wie es der Schweizer Soziologe und Publizist Kurt Imhoff schon vor Jahren im Gespräch mit dem „Schweizer Monat“ formuliert hat.

Haas: „Es entstand in meiner Wahrnehmung eine Art von kollektiver Paranoia, eine Angstmasse. Die Angst vor dem nicht greifbaren Virus, die ständige Polizeipräsenz und die Überwachung durch andere Bürgerinnen und Bürger schafft bei vielen Mitmenschen erstmals wieder ein Gefühl der totalen Überwachung.“ Diese Angstmasse wurde – und werde – auch bewusst geschürt, meint Haas. Es gab im Frühjahr, so betont Haas, in Deutschland ein internes Papier der Bundesregierung, in dem als Kommunikationsstrategie auch empfohlen wurde, Kindern Angst zu machen, damit die Eltern die Zwangsmaßnahmen akzeptieren.

Im Kern habe sich damit schon im Frühjahr gezeigt, dass die Massenpsychologie in all ihren Theorien Recht hatte, so Haas. Aussagen wie „Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“, das „unbekannte Virus hat eine Mortalitätsrate von 30 Prozent“ und mehr seien zwar nicht wirklich haltbar gewesen, hätten aber massenpsychologisch sofort gewirkt.

„Durch Angstschüren entsteht Angstmasse“

Durch das Angstschüren entstehe in der Bevölkerung etwas wie die Angstmasse, die nicht mehr rational agiere, sondern nur mehr als Masse. Das Individuum gehe in der Masse auf, und diese Masse habe eine eigene Identität, die darauf ausgerichtet sei, alles abzuwehren, was irgendwie mit Angst besetzt sein könnte. Beispiel dafür sei das „Klopapier-Hamstern“ im Frühjahr gewesen. „Das kam aus dieser Angst“, so Haas, und „wenn man so will, war die Klopapier-Aktion ein Zeichen der österreichischen Identität. Bei suboptimalem Verlauf der frühkindlichen Entwicklung werden Ängste unbewusst lebenslang gespeichert und warten nur darauf, in Stresssituationen unkontrolliert geweckt zu werden.“

Die Angstmasse richtet sich gegen jeden, der für die Masse irgendwie bedrohlich ist, gegen jeden, der „nicht im Strom mitschwimmt“. Dieser Mensch wird als Sündenbock bekämpft. Auch diese Reaktionen wurden gezielt gefördert, indem allen gedroht wurde, die nicht die Zwangsmaßnahmen mittragen wollten. Haas betont aber, dass „es hier nicht um die geht, die Partys feiern wollten und wollen. Es geht um die, die sich eine eigene Haltung, eine eigene Meinung bewahren wollten, die kritisch waren, auch Wissenschaftler, Leuten, die nach Fakten gefragt haben und wissen wollten: Was passiert denn da eigentlich? Auch denen wurden Zwangsmaßnahmen angedroht bzw. wurde und wird versucht, sie auszugrenzen, sogar als ,dumm‘ zu verkaufen.“

Beim ersten Corona-Lockdown hat’s funktioniert. Und jetzt?

Schon im Frühjahr hätte man als Regierung – „und dabei ist die Parteifarbe völlig unerheblich“, betont Haas ausdrücklich – sagen müssen: „Wenn eine Maßnahme mehr Schaden anrichtet als die Gefahr selbst, dann muss ich mir was überlegen.“ Was nicht geschehen sei – Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß würden fehlen, so der Psychologe.

Dann kam es zur Lockerung, was relativ angenehm war. Aber dann kam die zweite Welle, mit der zu rechnen war. Viele waren über den Sommer („nahezu kindlich“) der Meinung, dass sich „die Regierenden“ schon etwas überlegen würden. Trotzdem lief es auf dieselben Maßnahmen wie zu Beginn der Pandemie hinaus – und schon wieder ohne stichhaltige Erklärungen bis auf den Hinweis mit den Intensivbetten.

Eine Vorgangsweise, die neben Ängsten auch Verschwörungstheorien fördert. Wenn seitens der Regierungen – und in ganz Europa ist Ähnliches zu beobachten – nicht klar kommuniziert wird, warum Maßnahmen gesetzt werden, fördert das Unsicherheiten und „den Unwillen der Regierten, da mitzumachen“ und ganz sicher Verschwörungstheorien. Wenn jeder wirklich weiß, worum es geht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Entscheidungen mitgetragen werden.

Aber liegt der Grund für die Maßnahmen nicht auf der Hand?

Die Anzahl der verfügbaren Intensivbetten und noch viel mehr das verfügbare Personal machen die aktuellen Maßnahmen notwendig. Eine weit verbreitete Argumentation, so Haas, aber das wurde nicht klar kommuniziert. Während die einen von einem Lockdown bei 6.000 Fällen sprachen, machten andere die Zahl der Intensivbetten – und auch das erst reichlich spät – zum Kriterium.

Haas stellt die Frage in den Raum, was in dem halben Jahr zwischen erster und zweiter Welle passiert sei. „Wenn ich ein halbes Jahr meine Hausaufgaben nicht mache oder diese nicht öffentlich kommuniziere, liegt der Verdacht nahe, dass ein Fehler passiert ist. Das kann man den Menschen sagen. Aber so wirkt es wie ein ‚Herumdrucksen‘.“

Diese aus seiner Sicht fehlende klare Kommunikation spüre die Bevölkerung und reagiere darauf - auch mit Verschwörungstheorien. 

Man könne hergehen und sagen: „Wir haben folgende Fakten, und aufgrund dieser Fakten entscheiden wir uns.“ Man müsse auch die Maßnahmen selbst hinterfragen.

Ein Beispiel: „Wenn man sich die AGES-Zahlen kurz vor dem Lockdown ansieht, hatten die Hotellerie und die Gastronomie 0,9 Prozent der Neuinfizierten zu verantworten. Und deswegen sperrt man sie nun zu?“, fragt Haas. Und er meint, dass man der Bevölkerung die Zusammenhänge erklären könnte, was aber nicht oder zu wenig passiere. 

Und was ist mit der Eigenverantwortung?

In Schweden hat zu Beginn der Krise der Premier zur Bevölkerung gesprochen und sie darauf vorbereitet, dass es „möglicherweise zu vielen Todesfällen kommen wird, aber Schweden seinen Weg ohne Lockdown weiter gehen wird“. Danach lief die Kommunikation völlig offen, auch mit Zugeständnissen, dass die Regierung Fehler gemacht habe. Die Kommunikation lief so, dass der Bevölkerung zwar Rahmenbedingungen vorgegeben wurde, innerhalb derer sich die Menschen aber eigenverantwortlich bewegen konnten.

Harald Haas
Harald Haas: „Wenn man sich die AGES-Zahlen kurz vor dem Lockdown ansieht, hatten die Hotellerie und die Gastronomie 0,9 Prozent der Neuinfizierten zu verantworten. Und deswegen sperrt man sie nun zu?“

Aus psychologischer Sicht sind jetzt nicht die Zahlen wichtig, die am Ende stehen. Aus psychologischer Sicht war – unter anderem  - die Betonung der Eigenverantwortung wichtig. Die Politik gibt Rahmenbedingungen vor, innerhalb derer sich die Menschen bewegen können, und gleichzeitig müssen die Menschen innerhalb der Rahmenbedingungen auf sich schauen. Doch der Wechsel zwischen Eigenverantwortung und Angst, wie er in Europa großteils praktiziert wurde, funktioniere nicht, so Haas. „Schon gar nicht, wenn man zu Beginn die Angstschiene fährt und dann Monate später zu Eigenverantwortung aufruft.“

Diese Angstschiene, auf der Europa fahre, richte in der Bevölkerung schwere Schäden an. „Und da rede ich nicht von den materiellen Schäden, sondern von den psychischen Störungen. Nach dem ersten Lockdown kam es in der Bevölkerung laut einer Studie der Uni Krems vom Frühsommer zu einer signifikanten Steigerung bei Angststörungen und Depressionen.“ Viele weitere Studien hätten seither die Zunahme der psychischen Belastungen und Schäden bestätigt.

Und warum sind gerade die Kinder so ein Thema?

Kanzler Kurz sprach in einer ORF-Sendung (Ö3-Wecker vom 17.11.), dass laut Studien Kinder sehr wohl das Virus verbreiten können. Er gab auch zu, dass das Wort „Schließung“ übertrieben gewesen sein möge, besser wäre die Bezeichnung „Distance-learning“.

Aber auch hier hat Harald Haas aus Sicht der Psychologie einen anderen Zugang. „Kleine Kinder können rational nicht fassen, wenn man ihnen sagt, dass sie Oma und Opa nicht besuchen dürfen, weil die sonst sterben könnten.“ Das Schaden bei unbedachter Kommunikation sei riesig.

Noch ein Punkt: Was Kinder in ihrer Entwicklung besonders brauchen würden, sei der soziale Kontakt mit anderen Kindern. Das Fühlen, das Sehen, miteinander in Kontakt treten. Auch der Gebrauch von Masken – so nachvollziehbar und legitim der sei – würde bei Kindern Schaden anrichten. Der dauernde Gebrauch von Masken mache die Mimik, ein wesentlicher Bestandteil der Sozialisierung und Kommunikation, unmöglich. „Masken während des Unterrichts wären aus entwicklungspsychologischer Sicht schädlich“, so Haas, und „auch das hätte vermutlich lebenslange Auswirkungen in der einen oder anderen Form.“

Ein Fazit

Aus diesen Gründen plädiert Haas dafür, dass nicht nur Mathematiker und Virologen allein das Wort haben, sondern „Public-Health-Experten“ Entscheidungsgrundlagen dafür entwickeln sollten, welche Maßnahmen der Staat zu treffen habe. Diese hätten einen gesamtheitlichen Ansatz und Überblick über nötige Maßnahmen und mögliche Auswirkungen. „Public-Health-Experten wägen ab, was aus einem gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel heraus zu tun wäre.“ Nur so könne man eine gesamtgesellschaftliche Strategie entwickeln, wie wir mit der Pandemie besser umgehen können.

Zur Person

Harald Haas (geb. 1965) ist Psychologe und Politologe. Einen großen Teil seines Berufslebens verbrachte er in Krisen- und Kriegsgebieten im Ausland. Er arbeitet zu den Schwerpunkten politische Psychologie, Massenpsychologie, Interkulturelles und Leadership. Er blickt auf langjährige Forschungsaufenthalte im Nahen Osten (Syrien, Palästina) zurück und hat an diversen Universitäten im In- und Ausland gelehrt