Plenum des Europäischen Parlaments
Die Mitarbeiter des Europäischen Parlaments benutzen den Fake-News-Kompass als Hintergrundmaterial für ihre parlamentarische Arbeit.
© European Union / Fred Guerdin

Medienkompetenz

8 Punkte, um Fake-News zu entlarven

Der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments hat einen „Fake News Kompass" erstellt, der seinen Mitgliedern und Bediensteten als Hilfsanleitung für ihre parlamentarische Arbeit dient.

Das EU-Parlament kämpft gegen Desinformation an und erhöht dazu auch die Awareness in den eigenen Reihen. Ihm zufolge sind „Fake News" und Desinformation – also Informationen, die absichtlich manipuliert werden, um Menschen in die Irre zu führen – ein immer häufiger auftretendes, weltweites Phänomen. Durch die sozialen Medien und ihre Personalisierungsinstrumente können fingierte Geschichten einfacher verbreitet werden. Diese machen sich häufig Emotionen zunutze, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und Klicks zu generieren. Selbst jungen Menschen, die sich im digitalen Umfeld auskennen, falle es schwer, Falschmeldungen zu erkennen. Bezeichnenderweise werden sechs von zehn Nachrichten von den Nutzerinnen und Nutzern nicht einmal gelesen, bevor diese sie teilen. Etwa 85 Prozent der Europäer sind der Ansicht, dass „Fake News" ein Problem in ihrem eigenen Land sind, und 83 Prozent sehen darin ein Problem für die Demokratie insgesamt.

Die EU setzt schon seit einiger Zeit zahlreiche Initiativen, um Behörden, Institutionen und ihre Bürger bis hinab auf die lokale Ebene dabei zu unterstützen, Fake News zu entlarven und deren Wirkung zu minimieren. Wie das konkret aussieht, und welche Arten der Falschinformationen unterschieden werden, sind in dem Beitrag "Mit welchen Nachrichten wir in die Irre geführt werden" zusammengefasst.   

Acht Punkte gegen die Informationsflut

Um Lügen und Desinformation verlässlich zu identifizieren, sobald man mit einer zweifelhaften Information konfrontiert ist, führt der praktische Kompass acht Handlungsempfehlungen an. Diese lauten:

1. Überprüfen Sie den Inhalt 

Sind die Fakten und Zahlen korrekt? Ist der Artikel einseitig? Glaubwürdige Medien ergreifen nur dort Partei, wo man es erwarten kann: Auf der Kommentarseite, nicht jedoch in Nachrichtenartikeln. 

2. Überprüfen Sie den Medienanbieter 

Kennen Sie den Medienanbieter? Kommt ihnen die URL merkwürdig vor? schauen Sie sich die Rubrik "über uns" bzw. "about" an. Wer steckt dahinter? Wer ist Geldgeber? Machen Sie eine Gegenkontrolle: Was berichten andere (glaubwürdige) Quellen?

3. Überprüfen Sie den Autor

Gibt es diese Person überhaupt? Zu angesehenen Journalisten lassen sich immer Informationen über ihre bisherige Arbeit finden. Ist der Name des Autors erfunden (oder gar nicht genannt), dann gilt dasselbe wahrscheinlich auch für den Rest.

4. Überprüfen Sie die Quellen

Bezieht sich der Autor auf verlässliche Quellen (z. B. etablierte und angesehene Medienunternehmen)? Sind die zitierten Sachverständigen tatsächlich Experten auf dem Gebiet? Werden in der Geschichte anonyme (oder gar keine) Quellen verwendet, könnte sie fingiert sein.
 

5. Überprüfen Sie die Bilder 

Bilder haben enorme Wirkung und lassen sich einfach manipulieren. Durch eine Bildersuche kann geprüft werden, ob ein Bild zuvor in einem anderen Zusammenhang verwendet wurde. Das InVID-Plugin kann Ihnen dabei helfen, an Videos oder Bildern vorgenommene Manipulationen zu erkennen.

6. Denken Sie nach, bevor Sie auf "teilen" klicken

Es könnte sein, dass in der Geschichte tatsächliche oder vergangene Ereignisse verzerrt oder satirisch dargestellt werden. Mit der Überschrift sollen möglicherweise beim Leser starke Emotionen geweckt werden. Wenn ein Ereignis wahr ist, werden seriöse Medien darüber berichten.

7. Hinterfragen Sie Ihre eigenen Vorurteile

Manchmal ist eine Geschichte einfach zu gut oder unterhaltsam, um wahr zu sein. Atmen Sie tief durch, vergleichen Sie sie mit vertrauenswürdigen Quellen und behalten Sie einen kühlen Kopf.

8. Aufdecken von Falschmeldungen - Seien Sie dabei!

Informieren Sie sich über die neuesten Tricks und Geschichten bei der Verbreitung von Desinformation. Melden Sie unwahre Nachrichten. Erzählen Sie Ihren Freunden davon.

Der Fake-News-Kompass wurde ursprünglich vom wissenschaftlichen Diensts des Europäischen Parlaments für dessen Mitglieder erstellt. -- Grafik (C) Samy Chahri

Kommunalpolitik im Visier

Was auf den ersten Blick wie ein Werkzeug für Brüsseler Parlamentarier wirkt, hat durchaus seine Berechtigung auch auf der kommunalen Ebene. Denn Fake News machen nicht an Gemeindegrenzen halt. Im Gegenteil: Gerade in den Kommunen, wo Politik noch greifbar ist und persönliche Beziehungen zählen, können Falschmeldungen besonders schnell Schaden anrichten.

Angenommen, in einer oberösterreichischen Gemeinde kursiert plötzlich die Nachricht, der Bürgermeister plane, den beliebten Kinderspielplatz im Ortszentrum zugunsten eines Parkplatzes zu opfern. Die Meldung verbreitet sich über WhatsApp-Gruppen wie ein Lauffeuer. Binnen Stunden ist die Facebook-Seite der Gemeinde überflutet mit empörten Kommentaren. Eltern organisieren Protestaktionen. Das Lokale Nachrichtenportal greift die Geschichte auf. Dabei gibt es solche Pläne gar nicht. Jemand hat eine alte Diskussion aus dem Kontext gerissen und dramatisiert. Bis die Wogen sich glätten, ist das Vertrauen in die Gemeindepolitik nachhaltig beschädigt.

Oder ein anderes Beispiel aus dem Tiroler Raum: Eine gefälschte Pressemitteilung macht die Runde, wonach die Wassergebühren drastisch erhöht werden sollen. Die vermeintliche Quelle wirkt auf den ersten Blick authentisch, die URL ähnelt jener der Gemeindewebsite. Verunsicherte Bürger rufen im Gemeindeamt an, die Mitarbeiter sind völlig überfordert. Zeit und Ressourcen gehen verloren, um die Falschmeldung richtigzustellen.

Schnelle Verbreitung, langsame Korrektur

Die Crux bei Desinformation liegt in ihrer Geschwindigkeit. Eine Falschmeldung ist in Minuten tausendfach geteilt. Die Richtigstellung braucht Tage und erreicht oft nur einen Bruchteil jener Menschen, die die ursprüngliche Lüge gesehen haben. Für Kommunalpolitiker bedeutet das: Vorbeugen ist besser als Heilen. Wer die Mechanismen von Fake News versteht und die acht Punkte des Kompasses verinnerlicht hat, kann schneller reagieren und seine Gemeinde besser schützen.

Die Überprüfung der Quelle ist gerade auf kommunaler Ebene entscheidend. Wenn eine angebliche Nachricht über die eigene Gemeinde auftaucht, sollten Kommunalpolitiker sofort prüfen: Stammt diese Information wirklich von der offiziellen Gemeindewebsite? Von einem seriösen Medienhaus? Oder von einer dubiosen Seite mit ähnlich klingendem Namen? In Zeiten, wo jeder einen Blog starten oder eine Facebook-Seite erstellen kann, ist Skepsis angebracht.

Ein Punkt warnt vor reißerischen Überschriften. Gerade in der Kommunalpolitik, wo es oft um sachliche Themen wie Kanalgebühren, Flächenwidmungen oder Schulbausanierungen geht, sollten übertrieben emotionale Schlagzeilen aufhorchen lassen. Wenn eine Meldung behauptet, die Gemeinde stehe vor dem "totalen Kollaps" oder plane "skandalöse" Maßnahmen, lohnt sich ein genauerer Blick.

Namen und Formate checken

Die Überprüfung der Autoren hilft ebenfalls weiter. Wer schreibt da eigentlich über die Gemeinderatssitzung? Ist es ein bekannter Lokaljournalist? Ein Gemeindebürger mit echtem Namen? Oder verbirgt sich hinter dem Verfasser ein Pseudonym oder gar ein Bot? In sozialen Medien lässt sich oft mit wenigen Klicks feststellen, ob ein Profil authentisch ist oder erst kürzlich erstellt wurde, um Unruhe zu stiften.

Ungewöhnliche Formatierungen und URLs – klingen banal, sind aber hocheffektiv. Falschmeldungen über Gemeinden tauchen oft auf Websites auf, die auf den ersten Blick professionell wirken, bei genauerem Hinsehen aber Rechtschreibfehler enthalten oder deren Webadresse leicht von der offiziellen abweicht. Statt "gemeinde-xyz.at" steht dort vielleicht "gemeinde-xyz-aktuell.info". Solche Details sind verräterisch.

Das Überprüfen der Quellen bedeutet konkret: Wenn behauptet wird, der Gemeinderat habe etwas beschlossen, sollte man ins Protokoll schauen. Wenn angeblich eine Studie die Notwendigkeit einer Maßnahme belegt, sollte man diese Studie auch wirklich finden und lesen können. Oft stellt sich heraus, dass Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen sind oder Zahlen falsch interpretiert wurden.

Zeitreisen aufdecken

Ein weiterer Punkt warnt vor manipulierten Zeitangaben. In der Praxis bedeutet das: Eine Falschmeldung könnte ein altes Foto vom Hochwasser 2013 verwenden und behaupten, es zeige die aktuelle Situation. Oder eine längst umgesetzte Baumaßnahme wird als "drohend" dargestellt. Kommunalpolitiker kennen ihre Gemeinde und ihre Geschichte. Sie können solche zeitlichen Ungereimtheiten oft schnell entlarven.

Experten zu Rate zu ziehen ist ebenfalls empfehlenswert. Für Kommunalpolitiker könnte das bedeuten, bei zweifelhaften Meldungen die Pressestelle des Landes, den Gemeindebund oder spezialisierte Faktenchecker zu kontaktieren. Auch der Austausch mit Kollegen aus anderen Gemeinden kann hilfreich sein. Wenn ähnliche Falschmeldungen zeitgleich in mehreren Orten kursieren, deutet das auf eine koordinierte Desinformationskampagne hin.

Werkzeuge für den Alltag

Der Fake-News-Kompass ist kein theoretisches Konstrukt, sondern ein praktisches Werkzeug für den politischen Alltag. Kommunalpolitiker sollten diese acht Punkte griffbereit haben, am besten als Checkliste auf dem Smartphone oder als Ausdruck im Büro. Wenn eine verdächtige Meldung auftaucht, kann man sie systematisch durchgehen.

Besonders wichtig ist es, das Wissen um Desinformation auch im Team zu verbreiten. Gemeindemitarbeiter, die mit Bürgeranfragen konfrontiert sind, sollten geschult werden. Auch Gemeinderäte aller Fraktionen profitieren davon, Fake News erkennen zu können. Denn Desinformation zielt oft darauf ab, politische Lager gegeneinander auszuspielen und das Klima zu vergiften.

Die Sensibilisierung der Bürger gehört ebenfalls dazu. Gemeinden können auf ihren Websites und Social-Media-Kanälen regelmäßig über den richtigen Umgang mit Online-Informationen aufklären. Workshops in Schulen oder bei Seniorennachmittagen können helfen, die Medienkompetenz in der Bevölkerung zu stärken. Wer die Mechanismen von Fake News versteht, fällt nicht so leicht darauf herein.

Transparenz als Schutzschild

Der beste Schutz gegen Fake News ist letztlich Transparenz. Gemeinden, die aktiv und zeitnah kommunizieren, lassen Desinformation weniger Raum. Wer regelmäßig über Gemeinderatsbeschlüsse informiert, Bauprojekte erklärt und für Fragen erreichbar ist, schafft Vertrauen. Dann ist es schwerer für Fake-News-Ersteller, ihre Lügen glaubhaft zu platzieren.

Der Kompass des Europäischen Parlaments zeigt: Der Kampf gegen Desinformation beginnt bei jedem Einzelnen. Für Kommunalpolitiker bedeutet das Verantwortung, aber auch Chance. Wer die Werkzeuge kennt und anwendet, stärkt nicht nur die eigene Gemeinde, sondern leistet einen Beitrag zur Gesundheit der Demokratie insgesamt. In Zeiten, wo 83 Prozent der Europäer Fake News als Problem für die Demokratie sehen, ist das wichtiger denn je.

Der Fake-News-Kompass steht hier, auf den Seiten des Europäischen Parlaments als Download zur Verfügung.