Thomas Rauninger
„Unser Thema ist nicht die Abwanderung, sondern die Überalterung.“ Thomas Rauninger stellt einen weit verbreiteten Irrtum richtig.

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Eisenerz erlebt ein Re-Design

Eisenerz ist durch den dramatischen Bevölkerungsrückgang mit zahlreichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Problemen konfrontiert. Thomas Rauninger geht sie systematisch an und führt die ländliche Stadt in neue Zeiten.

Denkt  man an Bergbau in Österreich, taucht vor dem inneren Auge unweigerlich ein Bild auf: der „Brotlaib der Steiermark“ – der Erzberg. Um diese unbestritten prominenteste Abbaustätte in Österreich schmiegt sich eine Stadt, die durch das Eisenerz groß geworden ist. Naheliegenderweise heißt sie auch so: Eisenerz.

Eisenerz
Eisenerz von Nordwesten gesehen. Die Stadt erstreckt sich weiter in die Täler links und rechts des Erzbergs. In dieser Ypsilon-Form wuchs das bebaute Stadtgebiet bis unmittelbar an das Tagbau-Gelände heran. Foto: C.Stadler - Bwag CC BY-SA 4.0

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Stadt auch wieder kleiner geworden ist. Zumindest was die Bevölkerung betrifft. „Von einer einst florierenden Bergbaustadt mit rund 13.000 Einwohnern sind wir mittlerweile bei 3.300 Einwohnern angelangt“, berichtet Bürgermeister Thomas Rauninger. 

Tausende Arbeitsplätze gingen verloren

Der 41-Jährige ist in Eisenerz aufgewachsen und hat hautnah den massiven Strukturwandel miterlebt, für den Eisenerz wohl kaum weniger bekannt ist als für den Erzberg selbst. Durch den industriellen Wandel sind Tausende Arbeitsplätze verloren gegangen. Einerseits am Berg selbst, andererseits auch in den zu- und weiterverarbeitenden Betrieben. Die fortgeschrittene Technik hat dazu geführt, dass heute mit ca. 250 Beschäftigten mehr Ertrag pro Jahr erwirtschaftet wird als zur Blütezeit mit fast 4.000 Kumpeln.

„In der Generation vor mir und auch in meiner eigenen herrschte zu meinen Kinder- und Jugendzeiten Perspektivlosigkeit. Die Arbeit, die Oma, Opa, Mutter, Vater noch gehabt haben, hat es innerhalb von zehn, maximal fünfzehn Jahren einfach nicht mehr gegeben“, erinnert sich der Ortschef. Durch die Auflösung der Verstaatlichten und die Privatisierung der VOEST Alpine sind die Arbeitsplätze binnen kürzester Zeit verschwunden. Eine ganze Generation stand vor dem Nichts. 

„Dass das in den Köpfen und im Mindset der Bevölkerung von Jung bis Alt etwas auslöst, ist, glaube ich, für jeden verständlich“, ist Rauninger überzeugt. Dementsprechend sei man seit Jahrzehnten in einer Negativschleife. Viel zu lange schon. „Die Aufbruchstimmung müsste viel mehr nach vorne gekehrt werden“, steht für den Bürgermeister fest – und die ist es auch, die er in den letzten fünf, sechs Jahren zu erzeugen versucht hat.

Abwanderung ist nicht mehr das größte Problem

Leicht hat er es dabei wirklich nicht. Das Bürgermeisteramt in Eisenerz ist womöglich das schwierigste im ganzen Land. 

Eisenerz hat mit einem Altersschnitt von rund 55 Jahren die ältesten Bürgerinnen und Bürger und verzeichnet auch beim Bevölkerungsrückgang traurige Rekordzahlen. Wer jetzt vermutet, dass die Abwanderung das größte Problem der Stadt ist, liegt falsch. In der Corona-Zeit hat sich Rauninger die Mühe gemacht und detailliert analysiert. Aus seiner Sicht hat um 2017/18 eine Trendumkehr stattgefunden. 

„Die Abwanderung ist überhaupt nicht mehr unser Thema. Da liegen wir mittlerweile komplett im österreichischen Schnitt. Unser eigentliches Thema ist vielmehr die Überalterung. Mein Sohn ist 2020 auf die Welt gekommen. In dem Jahr standen 21 Geburten 128 Sterbefällen gegenüber.“ Tatsächlich sterben in Eisenerz rund fünfmal so viele Menschen, wie geboren werden. Jedes Jahr gibt es einen Rückgang von rund 80 bis 110 Einwohnerinnen und Einwohnern – bei einer aktuellen Gesamtgröße von noch 3.300 Personen. „Jahr für Jahr hundert Bürgerinnen und Bürger durch Todesfall zu verlieren, das macht mit einer Kommune in dieser Größe etwas“, erzählt der Ortschef.

Jetzt wird Personal gesucht

Auch die Lage am Arbeitsmarkt hat sich geändert. Anfang der 90er-Jahre hatten die Eisenerzer noch mit mangelnden Arbeitsplätzen, Arbeitslosenhöchstzahlen und Perspektivlosigkeit zu kämpfen. 

„Seit über zehn Jahren ist genau das Gegenteil der Fall. Händeringend wird nach Personal gesucht, und zwar nicht nur in den Mangelberufen, sondern querbeet durch alle Betriebe. Auf der verzweifelten Suche nach Lehrlingen haben zahlreiche Unternehmen auch bei uns angeklopft. Die Spirale dreht sich zwar noch immer nach unten, aber sie dreht sich jetzt in die Gegenrichtung, gemessen an den Problemen, die wir vor rund 30 bis 35 Jahren hatten“, erklärt Rauninger. 

Wenn derart viele Menschen binnen kürzester Zeit weggehen, verliere man zudem auch an Qualität in allen Bereichen, vom Facharbeiter bis zum Akademiker. Ist eine gewisse Talsohle einmal erreicht, fehlen dann auch die Arbeitskräfte. „Genau das haben wir jetzt seit 10 bis 15 Jahren in allen Bereichen – ob Tourismus, Handwerk oder Pflege. Es gibt wirklich keinen Bereich, der gut aufgestellt wäre. Heute fehlen uns die Einwohnerinnen und Einwohner, die die Arbeitsplätze abdecken.“  

Schichtturm in Eisenerzg
Der Schichtturm thront über der Stadt und läutet seit dem Jahr 1581 die Berg­arbeiter zur Schicht.  Foto: Haeferl CC BY-SA 30 at

Mit der Liste an weiteren Herausforderungen für Eisenerz ließen sich diese Seiten mühelos füllen, doch zum Jammern und Trübsalblasen hat Thomas Rauninger keine Lust. Konstruktiv zu gestalten liegt ihm mehr. Schon von Kindesbeinen an war er politisch interessiert. Dass sein Vater 18 Jahre lang Vizebürgermeister war, trug das Seine dazu bei. 

Rauninger absolvierte in Graz die Hauptschullehrer-Ausbildung für Mathematik und Sport und blieb wie schon zu Jugendzeiten dem nordischen Sport sehr verbunden. Nach seinem Studium wurde in Verbindung mit dem Nordischen Ausbildungszentrum in Eisenerz  jemand gesucht, der die Schülerinnen und Schüler im 9. Schuljahr sowohl schulisch als auch sportlich betreut. Perfekt für Rauninger, dem die Berge ohnehin schon abgingen. 

Anders als viele andere kam er nach Eisenerz zurück – und da sein alter Lebensmittelpunkt nun auch sein neuer sein und bleiben würde, wollte er auch ein wenig mitbestimmen. Als ÖVP-Politiker bedeutet das in Eisenerz Opposition. Besser gesagt: bedeutete. Denn 2020 wurde Rauninger nicht nur Vater eines Buben, sondern er eroberte auch in beeindruckender Manier (von 15 auf 41 Prozent) nach 70 Jahren den Bürgermeistersessel von der SPÖ. Statt Fordern war für ihn nun Umsetzen angesagt. Diese Verantwortung übernahm Rauninger mit Demut und mit Zuversicht.  

Keine Begeisterung für Leuchtturmprojekte

Wichtig war ihm, die zahlreichen Aufgaben mit System und einem klaren Leitbild anzugehen. Von Leuchtturmprojekten hält er dabei nichts: „Wenn das Licht des Leuchtturms nicht auf den Boden fällt, haben die Bürgerinnen und Bürger nichts davon. Ein einzelner Leuchtturm bringt nichts, wenn ringsherum Ebbe herrscht.“ 

Rauninger steht vor dem Problem, dass die Gemeinde gegen die Überalterung direkt kaum etwas tun kann. „Man kann aber indirekt einwirken und das versuchen wir seit bald sechs Jahren, indem wir jene Faktoren stärken und absichern, die für junge Menschen attraktiv sind, die gerade in der Familienplanung sind. Speziell für junge Damen, denn es ist kein Geheimnis, dass meistens die Partnerin entscheidet, wo die Reise hingeht. Wir haben den Fokus ganz klar darauf gelegt, dass wir die Schulangebote, von der Volksschule bis zur AHS-/BHS-Matura, im Ort halten“, so Rauninger. Bei vorhandenen Stärken, die Kinder und Jugendliche begeistern, wie etwa dem nordische Ausbildungszentrum oder im Volleyball, möchte die Stadt nach Möglichkeit nicht nur die Standards halten, sondern auch heben. 

Strukturwandel erfordert Anpassungen der Infrastruktur

Die Infrastruktur ist ein weiterer Punkt, denn der Strukturwandel erfordert enorme Anpassungen. Die zwei Kindergärten an der Peripherie sollen bald zu einem zentralen Standort zusammengelegt werden. 

Die Hauptverkehrsader durch die Stadt, die B115, ist seit letztem Jahr fertig generalsaniert und aufgewertet. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit wurde auf 50 km/h gesenkt, der Busbahnhof neu gestaltet, eine neue Billa-Filiale ohne neuerliche Bodenversiegelung realisiert und auch das neue Rüsthaus der Feuerwehr, mit einem Investitionsvolumen von 4,5 Mio. Euro, wird an der B115 liegen. Drei Feuerwehrstandorte werden hier zu einer Hauptwache zusammengelegt. Größte Herausforderung dabei war die Grundstückssuche. 18 Monate suchte man erfolglos, bis Rauninger auf eine Parzelle einer Wohnbaugesellschaft stieß – darauf eine Gebäude mit 48 Wohnungen, die seit elf Jahren leer standen. 

Der Bürgermeister freute sich nicht nur über den Fund und den gut gelegenen Standort, sondern auch darüber, dass sich mit dem Abriss des Hauses die Zahl der  leeren Wohneinheiten in Eisenerz von rund 900 mit einem Schlag um vier Dutzend verringerte.

Eisenerz
Für das neue Rüsthaus der Feuerwehr direkt an der B115 wurde ein Wohnblock mit 48 leer stehenden Wohnungen abgerissen. Im Hintergrund weitere typische Arbeitersiedlungen aus der Blütezeit der Stadt. Hunderte Wohnungen stehen in Eisenerz leer.     

Denn der enorme Leerstand ist eine weitere Herausforderung für die Stadt. Schon 2005 gab es den Stadtentwicklungsprozess „redesign Eisenerz 2021“ mit einem Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Wohnsituation in Eisenerz. Rauninger griff das auf und initiierte  das Projekt „re-design digital“. 

re-design digital
 „re-design digital“ erschuf eine dynamische Immobilienplattform für Eisenerz, mit der Eigentümer, Wohnraumsuchende und Betriebsansiedler an einen Tisch gebracht werden. Foto: Yvonne Furtner

Mit einem Smart-Village-Ansatz und großem Einsatz wurde eine dynamische Immobilienplattform geschaffen, die alle Akteure an einen Tisch bringt und den Leerstand verringern soll.  Dabei handelt es sich nicht um ein Verwaltungsprojekt, sondern um einen Beteiligungsprozess. 

Bürgerbeteiligung ist für Rauninger überhaupt zentral und allgegenwärtig. Zum einen, weil er die Gemeinde als Servicepartner der Bürgerinnen und Bürger versteht, und es dafür essenziell ist, das Ohr bei diesen zu haben. Zum anderen forciert sie Aufbruchstimmung – und davon kann es in Eisenerz gar nicht genug geben. Der große Wunsch des Bürgermeisters, der sein ganzes Leben den Niedergang der Stadt miterlebt hat, ist nämlich, das Sich-Krankjammern aus den Köpfen der Menschen zu verbannen und durch ein zuversichtliches und perspektivenreiches Mindset zu ersetzen. Der Weg scheint jedenfalls der richtige zu sein, denn in Eisenerz geht einiges voran. 

Thomas Rauninger

Alter: 41
Gemeinde: Eisenerz
Einwohnerzahl: 3.362 (1. Jänner 2025)
Bürgermeister: 31. Juli 2020
Partei: ÖVP

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