„Also bei dieser Geschichte haben wir wirklich wenige Feinde!“ Hermann Trinker auf die Frage, ob man sich mit einem totalen Baustopp für touristische Projekte denn nicht nur Freunde mache.
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Der zweifache Bürgermeister kämpft fürs Wohnen
Herrmann Trinker ist nicht nur Bürgermeister der großen Tourismus-Stadt Schladming. Früher war er es auch schon in der deutlich kleineren Gemeinde Rohrmoos-Untertal. Für Aufsehen sorgte er jüngst mit einem Bauverbot für touristische Projekte in Schladming.
Schladming. Wer diesen Namen hört, denkt unweigerlich an den Ort, die bei den österreichischen Tourismusdestinationen in der allerersten Liga mitspielt. Was das Hahnenkammrennen für die Abfahrt ist, ist das Night Race für den Slalom. Der Fremdenverkehr hat hier eine enorme Bedeutung.
An der Spitze der Stadt steht jedoch ein Agrar-Experte, der allein schon von Berufs wegen bodenständig und geerdet ist. Hermann Trinker hat auf der Universität für Bodenkultur ein Diplomstudium im Bereich Landwirtschaft/Pflanzenproduktion absolviert, war einige Jahre in der Sicherheitsberatung der Sozialversicherung der Bauern, Geschäftsführer der LEADER+ Region, sowie Berater in der Landwirtschaftskammer Steiermark. Er ist selbst auf einem Bergbauernhof aufgewachsen. Einem mit Gasthaus und Vermietung, und „das hat meinen Zugang zum Thema Tourismus extrem positiv geprägt“, erzählt der Bürgermeister von Schladming.
Erfahrungen als Bürgermeister von zwei Gemeinden
Dieses Amt ist übrigens nicht sein erstes. Von 2010 bis zur erzwungenen Gemeindefusion am 1. Jänner 2015 war Hermann Trinker schon einmal Bürgermeister. Von der damals noch eigenständigen und nunmehrigen Teilgemeinde Rohrmoos-Untertal. Nach den Gemeinderatswahlen 2020 wurde er erneut Bürgermeister, diesmal jedoch in der deutlich größeren Stadtgemeinde Schladming.
Mit seinen 25 Jahren Erfahrung im Gemeinderat kann Trinker die Unterschiede zwischen seinen beiden Gemeinden klar benennen: „Schladming ist von der Vielfalt der Anforderungen natürlich eine andere Kategorie. Die Verwaltung ist sehr viel professioneller, weil die Gemeinde sehr viel größer ist. Wir haben Top-Leute für jeden Bereich und dadurch ist die Arbeit einfacher. Wir haben als große Wanderregion ein enormes Spektrum der Themen im Sommer-Tourismus. Und wir haben den ganzen Themenkreis Wintertourismus, bei dem die Gemeinde, insbesondere bei Großveranstaltungen auch sehr gefordert ist. Vom Sicherheitskonzept über das Parkkonzept hin zur ganzen Logistik betreffend Anreise, Abreise, Müll, Versorgungssicherheit, Beleuchtung, und so weiter.“
Immer mehr Zweitwohnsitzer
Der Bürgermeister fährt aber unmittelbar fort: „Was aber in Schladming das viel größere Thema ist: Da sich der Tourismus in den letzten Jahren und Jahrzehnten so enorm entwickelt hat, die ganze Welt durch die Alpinen Weltmeisterschafen 2013 auf uns aufmerksam geworden ist und Investoren aufgesprungen sind, hat es bei uns eine explosionsartige Vermehrung von Zweitwohnsitzen gegeben.“
Infolge dessen ist das Thema Wohnen für Einheimische immer dringlicher geworden. Auf einem ehemaligen Sportplatz haben Siedlungsgenossenschaften insgesamt 94 Mietwohnungen errichtet. Die Stadtgemeinde hat 2021 ein großes Grundstück erworben und plant dort Wohnprojekte für Einheimische. „Und es ist weiterhin drängend, dass wir noch mehr Wohnraum für junge einheimische Familien schaffen“, kennt der Bürgermeister die Bedürfnisse seiner Bürger.
Bauverbot für touristische Projekte brachte Aufmerksamkeit
Mediales Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang unlängst das Bauverbot für touristische Projekte im Stadtgebiet von Schladming. Ein drastischer Entschluss, mit dem man sich bestimmt nicht nur Freunde macht, oder? Trinker lacht: „Also bei dieser Geschichte habe wir wirklich wenige Feinde!“
Das Bauverbot wirke einer Entwicklung entgegen, bei der Investoren Grundstücke zu verrückten Preisen kaufen und Projekte entwickeln, auf deren Nutzung die Gemeinde keinerlei Einfluss nehmen könnte. Im steirischen Raumordnungsgesetz gab es jedoch 2022 eine Änderung, wonach eine Gemeinde Areale definieren kann, die dem Wohnbedürfnis der Bevölkerung dienen sollen und in denen man touristische Nutzung ausschließen kann.
„So ein Vorgang erfordert eine strukturierte Herangehensweise und eine umfassende Recherche. Das haben wir gemeinsam mit unserem Raumplaner Günter Reissner gemacht“, berichtet Trinker. Die Zahlen sprechen für sich. Von den 4.800 Wohnungen in Schladming sind nur mehr 60 Prozent Hauptwohnsitze. Vor 15 Jahren waren es hingegen noch rund 80 Prozent.
Für den Ortschef ist klar: „Auch daran sieht man, dass viele Wohnungen genutzt werden, um sie zu vermieten. Am Schlimmsten ist es, wenn Investoren Wohnanlagen errichten, die sie nicht verkaufen können, und dann anfangen, die Häuser zu vermieten. Da habe ich gesagt, jetzt ist Schluss, das muss jetzt sein!“
Dass der gesamte Gemeinderat bei dem Beschluss für das Bauverbot einstimmig mitgezogen ist, sei ein großer Erfolg für Schladming und alle Fraktionen. „Damit schützen wir unseren Wohnraum und unsere Familienbetriebe.“
Die Wohnungslage in Schladming ist aber nicht die einzige, die Schutz benötigt. Auch die Talbachklamm ist in Gefahr, wenn auch auf ganz andere Weise, nämlich durch ein Kraftwerksprojekt vom Verbund. „Es hat viele Gutachten dazu gegeben und alle sprechen sich für einen Schutz der Talbachklamm aus“, bekräftigt der Bürgermeister seine Position im Kampf um deren Erhalt. Noch zu Zeiten der Gemeinde Rohrmoos-Untertal durfte er im Entwicklungsteam des Projektes Wilde Wasser mitarbeiten, das Themenwanderwege rund ums Wasser, wie den Talbach, aufbaute. „Das hat mir irrsinnigen Spaß bereitet!“, erinnert sich Trinker. Im Frühling feiert das Projekt bereits sein 20-Jahr-Jubiläum. Seine Prägung und seine Herkunft geben es Hermann Trinker vor, sich für die Talbachklamm einzusetzen.
Als Geschäftsführer der LEADER+ Region hat Trinker selbst erlebt, wie viel tolle Arbeit in den Gemeinden geleistet wird und welchen wertvollen Beitrag die Europäische Union mit einem klugen Konzept zur Entwicklung ihrer Regionen liefert. Über den Tellerrand schauen ist für Hermann Trinker state-of-the art. Schladming ist traditionell über die Gemeindegrenzen hinweg in diversen Verbänden organisiert, vom eher kleinen Reinhalteverband bis zu den großen Tourismus- oder Abfallwirtschaftsverbänden mit jeweils über einem Dutzend Mitgliedsgemeinden.
Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg
Auf Ebene der Gemeinden, Bürgermeister und Amtsleiter gäbe es regelmäßig ein gutes Miteinander: „Wir haben mit den Nachbargemeinden Haus, Ramsau und Aich eine intensive und gute Zusammenarbeit, zwischen Amtsleitern und Bürgermeistern werden alle Themen besprochen, die anfallen“, erzählt der Bürgermeister und präzisiert im Hinblick auf Zusammenarbeit: „Wir haben alle die gleichen Themen, den Tourismus als Lebensader der Region, Betreuung der touristischen Infrastrukturen, alle Themen der Sicherheit im alpinen Bereich, Hundekotproblem, Wildcamper, Gemeindefinanzen und vieles mehr. Da ist eine gute Abstimmung und Austausch sehr wertvoll“.
Ins Zentrum seiner Politik setzt der Bürgermeister, die Schönheiten und Besonderheiten der Gemeinde zu erhalten. Stichwort Talbachklamm. Im Frühjahr wartet zudem ein Kulturwanderweg zu einem der schönsten Rathäuser der Steiermark, einem alten Schloss der Familie Sachsen-Coburg und Gotha auf die Einweihung.
Was die Kinderbetreuung betrifft, haben die Schladminger eine Kinderkrippe in hochwertiger Massivholzbauweise mitten im Stadtzentrum erhalten. Ebenso neu ist die Wohnanlage daneben und der Ennspark, der sich noch in Errichtung befindet. Dabei handelt es sich um ein altes Sportgelände, das um einen Pumptrack und einen Fußballplatz erneuert wurde. Ein großer Skater-Park folgt noch. Vieles konnte Hermann Trinker in Schladming schon umsetzen, anderes steht noch auf dem Plan.
Aktuell ist beispielsweise das Parken ein Thema in Schladming: „Wir haben gerade ein großes Areal gekauft, vis-à-vis vom Rathaus. Dort wäre ein Zweitwohnsitz-Projekt errichtet worden. Die Gemeinde hat gemeinsam mit der Planai-Hochwurzen-Bahn tief in die Tasche gegriffen und es gekauft. Wir überlegen, eine Tiefgarage zu errichten, und dazu eine ansprechende Platzgestaltung, die auch für Veranstaltungen geeignet ist“, fasst Trinker den Ist-Stand zusammen. Die Hauptplatzsanierung und Schulsanierung der Mittelschulen sind weitere Themen auf der Agenda.
Überparteiliche Politik
Langweilig wird es dem 61-jährigen Vater zweier Töchter also vermutlich auch künftig nicht. Verlassen kann er sich dabei auf die Bürgerliste. Die gibt es in ihrer Tradition schon seit 35 Jahren, und sie steht für überparteiliche Politik. Hermann Trinker erklärt das genauer: „Parteifreiheit heißt, dass wir uns nur dem Gemeinwohl der Gemeinde verpflichtet fühlen, und nicht einer politischen Partei.“
Der konstruktive Zusammenhalt in der Liste Schladming ist schon seit Rohrmooser Zeiten enorm hoch und gibt dem Bürgermeister Rückhalt. Positiv ist für Hermann Trinker auch die Zusammenarbeit mit allen Fraktionen im Gemeinderat und dem Land: „Wir wurden von der steirischen Landesregierung immer extrem fair und korrekt behandelt“, stellt er klar und konkretisiert: „Politik wird oft schlecht geredet, aber es gibt wirklich weite Strecken in der Politik, die großartig funktionieren. Und die Zusammenarbeit von den Gemeinden mit dem Land, habe ich in all den Jahren, in denen ich Bürgermeister sein durfte, als sehr gut empfunden.“
Diese guten Erfahrungen und der Rückhalt in der Stadtgemeinde geben Hermann Trinker Kraft und Motivation für die Schladminger Bevölkerung, gegen internationale Immobilieninvestoren und für den Erhalt der Natur zu kämpfen.
Hermann Trinker
Alter: 61
Gemeinde: Schladming
Einwohnerzahl: 6.572 (1. Jänner 2025)
Bürgermeister: 2010 - 2014 (von Rohrmoos-Untertal), seit 2020
Partei: Liste Schladming