Digitalisierung entscheidet heute über Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität und Zukunftschancen.
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Infrastruktur
Von der Stromversorgung zur Glasfaser - Die neue Daseinsvorsorge des 21. Jahrhunderts
Auf dem Papier sieht Österreichs Glasfaserversorgung besser aus als in der Realität. Während Städte gut erschlossen sind, warten über 40 Prozent der ländlichen Haushalte noch immer auf einen zukunftsfähigen Anschluss. Für Gemeinden wird der Breitbandausbau zur Schicksalsfrage: Wer heute nicht investiert, verliert morgen im Standortwettbewerb – ähnlich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts beim Stromnetz.
Es ist eine Parallele, die sich aufdrängt: So wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts die flächendeckende Stromversorgung zur Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung und Lebensqualität wurde, so steht heute der Glasfaserausbau als kritische Infrastruktur des digitalen Zeitalters im Zentrum kommunaler Daseinsvorsorge. Doch während die Stromversorgung längst selbstverständlich ist, zeigt sich beim Breitbandausbau ein differenziertes Bild: Auf Landkarten wirken viele Gemeinden gut versorgt – die Realität vor Ort sieht oft anders aus.
Das Phänomen der „schwarzen Löcher“
Im Fachjargon des Breitbandausbaus unterscheidet man zwischen weißen Flecken (keinerlei Versorgung), grauen Flecken (nur ein Anbieter oder unzureichender Wettbewerb) und den weniger bekannten schwarzen Flecken. Letztere bezeichnen Gebiete, die in offiziellen Karten als versorgt ausgewiesen sind, wo aber die praktische Erschließung instabil, nicht leistbar oder schlichtweg unzureichend ist.
„Das Problem ist, dass Gemeinden auf dem Papier oft gut aussehen – vor Ort schaut’s dann anders aus“, erklärt Martin Wachutka, Vizepräsident der Open Fiber Austria Association (OFAA) und Geschäftsführer von Breitband Oberösterreich. Seine klare Botschaft: „Glasfaser ist die entscheidende und zentrale künftige Infrastruktur – ohne Glasfaser gibt es keine digitale Zukunft.“ (Quelle: OFAA Presseinformation, 22. Oktober 2025)
Die Versorgungsrealität: Stadt-Land-Gefälle bleibt bestehen
Die aktuelle OFAA-Marktanalyse, präsentiert vom Wirtschaftswissenschaftler Jens Böcker von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, zeichnet ein ambivalentes Bild der österreichischen Glasfaserlandschaft.
Während in den vergangenen fünf Jahren zwischen 670 und 850 Millionen Euro jährlich in die Netzinfrastruktur investiert wurden – Geld, das vor allem der lokalen Bauwirtschaft zugutekommt –, zeigt sich bei genauerer Betrachtung eine erstaunliche Entwicklung: Die höchste FTTH-Nutzung (Fiber to the Home) findet sich nicht in den Städten, sondern im ländlichen Raum mit 34,7 Prozent. In klassisch urbanen Gebieten liegt die Bereitschaft für Glasfaser mit 11,8 Prozent deutlich niedriger. (Quelle: OFAA-Marktanalyse, Oktober 2025)
„Das belegt den Erfolg und die Treffsicherheit der Förderungen, die zielgerichtet auf ländliche Gebiete ausgerichtet sind“, so Prof. Böcker in seiner Analyse. Dennoch: „Digitalisierung entscheidet heute über Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität und Zukunftschancen – und diese dürfen nicht vom Wohnort abhängen.“
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Die Dimension der Herausforderung wird durch konkrete Zahlen greifbar:
- 373.000 FTTH-Kunden nutzen bereits Glasfaser bis ins Haus – ein beeindruckender Zuwachs von 300 Prozent in nur fünf Jahren.
- 7.000 Petabyte wurden 2024 über das Festnetz übertragen – das entspricht etwa 280 Millionen Blu-ray-Discs.
- Rund 40 Prozent der heimischen Wirtschaftsbetriebe sind technisch mit FTTH versorgt.
- Über 11.000 Personen finden in der Glasfaserbranche hochqualifizierte Arbeitsplätze.
- 500 Millionen Euro jährlich sind nötig, um eine flächendeckende Versorgung bis 2035 zu garantieren
(Quelle: OFAA-Marktanalyse, Oktober 2025)
Doch trotz dieser positiven Entwicklung bleibt eine zentrale Herausforderung: In ländlichen Gebieten werden auch nach Abschluss der derzeit in Umsetzung befindlichen Förderprojekte noch über 40 Prozent der Haushalte ohne nachhaltige VHCN-Versorgung (Very High Capacity Networks) sein.
Warum gerade Gemeinden oft durchs Raster fallen
Die Marktlogik ist einfach: Private Betreiber bauen bevorzugt dort aus, wo es sich rechnet – in Ballungsräumen, Speckgürteln und Neubaugebieten. Gemeinden investieren oft in Vorleistungen, doch dann verschieben Unternehmen Projekte oder ziehen sich zurück. Der Gemeindebund spricht hier klar von wirtschaftlichen Nachteilen und verschlepptem Ausbau.
Ein zentrales Problem dabei: Selbst wenn eine Gemeinde als unterversorgt gilt, kann ein Ausbau nicht garantiert werden. Förderung bedeutet nicht automatisch Anschluss. Diese Lücke zwischen Förderzusage und tatsächlicher Erschließung wird zur Geduldsprobe für viele Kommunen.
Die Förderlogik: Erfolge und Herausforderungen
Mit der ersten und zweiten Breitbandmilliarde hat der Bund bislang 2,1 Milliarden Euro in den Glasfaserausbau investiert. Der Schwerpunkt lag auf den Bundesländern Niederösterreich (32,7 Prozent), Oberösterreich (23 Prozent) und Steiermark (21,2 Prozent). Für 2027 bis 2029 sind weitere 120 Millionen Euro angekündigt – besonders für ländliche Regionen in der Steiermark, Oberösterreich und Kärnten.
Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl begrüßte diese Fortsetzung ausdrücklich: „Das ist ein wichtiger Schritt, um die digitale Kluft zwischen Stadt und Land zu schließen.“ Gleichzeitig macht Pressl aber auch deutlich, dass die Erwartungshaltung vieler Gemeinden hoch ist: Zahlreiche Projekte seien bereits in Vorbereitung gewesen, ehe Förderpläne angepasst wurden. In vielen Regionen habe sich dadurch die Hoffnung auf schnellen Anschluss verzögert.
Wien braucht einen Masterplan
Während die Förderungen gezielt ländliche Regionen stärken, ortet die OFAA-Marktanalyse auch im städtischen Bereich große Lücken mit sehr schlecht versorgten Gebieten. Martin Wachutka formuliert es deutlich: „Für die großen Städte, allen voran das urbane Wien, braucht es einen Masterplan für offene Glasfasernetze.“
Diese Forderung nach offenen Netzen ist zentral: Nur sie ermöglichen dem Konsumenten, zwischen mehreren Anbietern wählen zu können – eine Grundvoraussetzung für attraktive Preise, sehr gute Dienste-Qualität und Innovation. Das Nonplusultra sind dabei offene Glasfasernetze, die dem Kunden die Wahlfreiheit bieten, seinen Anbieter selbst auszuwählen.
Glasfaser als Teil der Daseinsvorsorge
Die OFAA betont: Der weitere konsequente und notwendige Ausbau von offenen und demokratischen Glasfasernetzen ist Teil der Daseinsvorsorge der digitalen Infrastruktur. „Sie ist das Rückgrat einer resilienten und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft der Republik Österreich“, so Wachutka.
Diese Einordnung ist nicht zufällig gewählt. Glasfasernetze werden für viele Jahrzehnte verlegt und sind als kritische Infrastruktur der Strom- oder Wasserversorgung gleichzusetzen. Sie können auch bei Stromausfall noch drei Tage lang eine Internetversorgung sicherstellen, wie das Beispiel der kriegsgeschädigten Ukraine deutlich zeigt. Zudem ist Glasfaser sowohl in der Produktion als auch im Betrieb außerordentlich genügsam: Laut Gutachten der Technischen Hochschule Mittelhessen ist Glasfaser sechsmal energieeffizienter als ein TV-Koaxialkabel.
Die Lösungsansätze: Was Gemeinden jetzt tun können
Für Gemeinden, die noch zu den unterversorgten Gebieten zählen, gibt es mehrere Handlungsoptionen:
- Transparenz schaffen: Der Breitbandatlas Österreich ist die wichtigste öffentliche Karte zur Versorgungslage. Gemeinden sollten aktiv prüfen, wie ihre tatsächliche Versorgungssituation aussieht – nicht nur auf dem Papier, sondern in der Praxis.
- Aktiv werden bei Förderprogrammen: Die angekündigten 120 Millionen Euro für 2027 bis 2029 bieten Chancen. Wichtig ist, dass Gemeinden frühzeitig Projektanträge vorbereiten und sich nicht auf vage Zusagen verlassen.
- Auf offene Netze setzen: Martin Wachutka betont, dass rund 300 Millionen Euro an Fördermitteln im System verblieben sind. „Dieses Geld sollte unbedingt weiterverwendet werden, vielleicht jedoch mit neuen Modellen, die eine schnellere Refinanzierung ermöglichen.“
- Anschlussverpflichtung diskutieren: Johannes Pressl spricht sich für eine differenzierte Förderlogik aus: schwer erschließbare Gebiete höher, leicht zugängliche niedriger zu fördern. Zudem bringt er eine mögliche Anschlussverpflichtung für weiße Flecken ins Gespräch.
Internationale Vorbilder zeigen den Weg
Beim Austrian FiberSummit 2025 in Oberwart präsentierten internationale Experten erfolgreiche Modelle. Thord Swedenhammer, Deputy CEO von AB Stokab in Stockholm, berichtete, wie die schwedische Hauptstadt bereits seit drei Jahrzehnten auf ein konsequent offenes Glasfasermodell setzt. „Die Infrastruktur gehört allen – gleiche Bedingungen für alle Akteure, vermittelt durch eine neutrale Instanz“, so Swedenhammer. Das Netz wurde ohne öffentliche Förderungen aufgebaut und finanziert sich über Nutzungsentgelte und Kredite.
Aus Italien erzählte Francesco Rotunno, Head of EU Affairs bei Open Fiber S.p.A., über den Aufbau eines landesweiten FTTH-Netzes nach dem Prinzip „Wholesale only“. Mehr als 300 Betreiber nutzen das offene Netz zu gleichen Bedingungen. „Über 300 Anbieter nutzen unser Netz bereits – das zeigt, dass offene Netze keine Konkurrenz schaffen, sondern Stabilität und Marktvielfalt“, betonte Rotunno.
Appell an die Gemeinden
Die zentrale Botschaft an Österreichs Gemeinden lautet: Glasfaserausbau ist keine Option, sondern Notwendigkeit. So wie vor über hundert Jahren der Anschluss ans Stromnetz über die Zukunftsfähigkeit einer Gemeinde entschied, so entscheidet heute der Glasfaseranschluss über Standortattraktivität, Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklungschancen.
Die OFAA formuliert es in ihrem Positionspapier klar: „Für eine gleichberechtigte Teilhabe aller Regionen an den digitalen Diensten, besonders die der ländlichen Gebiete, ist die Fortsetzung der schon jetzt sehr zielgerichteten Förderprogramme wie Breitband Austria 2030 von entscheidender Bedeutung, um in diesen Gebieten die digitale Daseinsvorsorge sicherzustellen.“ (Quelle: OFAA Positionspapier, Mai 2023)
Forderungen an die Politik
Die OFAA hat in ihrem Papier „6 Forderungen an die neue österreichische Bundesregierung“ vom August 2024 klare Erwartungen formuliert:
- Flächendeckende Glasfaserversorgung mit präzisen Kriterien zur Messbarkeit
- Die dritte Breitbandmilliarde als Schlüssel zum Ausbau in entlegenen Regionen
- P2P-Topologie als Standard für alle passiv errichteten Glasfasernetze
- Ein eigenes Digitalressort/Ministerium mit klaren Zuständigkeiten und Kompetenzen
- Vereinfachung der Förderverfahren und Digitalisierung der Abläufe
- Schutz des freien Wettbewerbs im Telekommarkt
(Quelle: OFAA, 6 Forderungen an die Bundesregierung, 14. August 2024)
Ausblick: Der Weg bis 2030
Das ambitionierte, EU-weite Ziel ist es, bis 2030 allen Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen Zugang zu stabilem und krisensicherem High-Speed-Internet zu ermöglichen. Mit den jährlich notwendigen 500 Millionen Euro Investitionen kann Österreich in zehn Jahren an die europäische Spitze beim Glasfaserausbau anschließen – vorausgesetzt, die Geschwindigkeit des Ausbaus wird beibehalten.
Für Gemeinden bedeutet dies: Jetzt ist der Zeitpunkt, aktiv zu werden. Die Fördermittel sind da, die politische Unterstützung ist vorhanden, und die Notwendigkeit ist unbestritten. Wer heute nicht investiert, wird morgen zu den Verlierern im digitalen Wettbewerb zählen.
Die letzten weißen Flecken zu schließen ist keine Frage der Technik mehr, sondern eine des politischen Willens und der kommunalen Initiative.
Über die Quellen: Dieser Artikel basiert auf Dokumenten der Open Fiber Austria Association (OFAA), insbesondere der OFAA-Markta 2025 und dem OFAA-Positionspapier. Weitere Quellen umfassen die Nachberichterstattung zum FiberSummit 2025 und die Forderungen der OFAA an die Bundesregierung. Die Dokumente und Quellen wurde auch mit Hilfe von KI analysiert und aufgearbeitet.nalyse vom Oktober 2025, durchgeführt von Prof. Dr. Jens Böcker, sowie Stellungnahmen vom Austrian FiberSummit