
Thomas Müller: „Menschen vertragen schlechte Nachrichten. Und sie verstehen, wenn man ihnen sagt, dass nicht mehr alles finanzierbar ist. Was Menschen aber nicht vertragen, ist belogen zu werden.“ Foto: LPD NÖ/D. Höller
„Zurück zur Eigenverantwortung“
Der Kriminalpsychologe Thomas Müller spricht im Interview mit KOMMUNAL über die Notwendigkeit, sich Ängsten zu stellen.
Im Gegensatz zu früheren Flüchtlingswellen sind jetzt auch kleinere Gemeinden betroffen. Dort fällt schon der Zuzug einiger weniger Menschen stark auf. Viele Bürgerinnen und Bürger haben deswegen Angst. Wie kann man dem begegnen?
Menschen sind nicht mutig, wenn sie keine Angst kennen, sondern wenn sie ihre Angst bezwingen können. Es ist ein Fehler zu glauben, dass man allen Ängsten aus dem Weg gehen soll. Wir schieben alles von uns weg und hoffen, dass wir uns dann wohler fühlen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.
Ich halte es für einen großen Fehler, wenn man etwa Kindern und Jugendlichen ein Leben ohne schwierige Situationen ermöglicht.
Für die Flüchtlingssituation ist es zu raten, sich möglichst viel Wissen über die Gesamtzusammenhänge anzueignen und sich in der Folge die Frage zu stellen, wovor man eigentlich Angst hat. Wenn man Ängste nur wegschiebt, dann werden sie größer, auch wenn man kurzfristig vielleicht glaubt, sicherer zu sein.
Als Gemeindeverantwortlicher ist man immer wieder mit Streitigkeiten konfrontiert, etwa am Gemeindeamt oder beispielsweise bei Bauverhandlungen. Kann man erkennen, ob sich jemand „nur aufregt“ oder ob eine Situation gefährlich werden kann?
Als Kriminalpsychologe braucht man dazu eine konkrete Situation. Man braucht etwa ein anonymes Schreiben, um eine Bedrohungsanalyse zu machen.
Für Politiker ist es oft nötig, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Da sollte man dann aber wirklich sagen, was Sache ist. Menschen vertragen schlechte Nachrichten. Und sie verstehen, wenn man ihnen sagt, dass nicht mehr alles finanzierbar ist. Was Menschen aber nicht vertragen, ist belogen zu werden. Sie vermissen, dass es keine Handschlagqualität mehr gibt und dass man ihnen keinen reinen Wein einschenkt. Wenn man den Menschen nicht sagt, was man weiß, dann verkauft man für einen kurzfristigen Erfolg die Zukunft.
Gibt es einen klassischen Wohnungseinbrecher? Worauf sollte man achten?
Menschen, die Verbrechen begehen, haben keine gelben Augen oder ein Kainsmal auf der Stirn. Dann wären sie leicht zu erkennen.
Als Haus- oder Wohnungsbesitzer sollte man „Hausverstand“ haben, um sich vor Einbrüchen zu schützen. Man muss nur einmal um das Haus herumgehen und versuchen, die Dinge mit den Augen eines Fremden zu sehen. Wenn man diesen Schritt zurück macht, dann fällt einem beispielsweise ein ungesichertes Kellerfenster auf, das man ansonsten gar nicht mehr wahrgenommen hat.
Man sollte das Thema Sicherheit auf die eigene Agenda zu setzen, denn es gibt zwei Dinge, die man erst vermisst, wenn man sie verloren hat: die Gesundheit und die Sicherheit.
Immer öfter wird der Ruf nach Bürgerwehren laut. Halten die diese Entwicklung für bedrohlich?
Ich halte sie für entbehrlich. In den letzten Jahren wurde bei Sicherheit und bei der Polizei viel gespart. Hier wäre mehr Weitblick sinnvoll.
Wird der Zusammenhalt in den Gemeinden und die Unterstützung in der Nachbarschaft weniger oder mehr?
Zivilcourage und Eigenverantwortung nehmen leider ab, weil die Menschen fürchten durch Taten einen Nachteil zu erlangen. Das stimmt aber nicht. Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel – Konfuzius wusste es, also sollten wir erst gar nicht versuchen allen Dingen aus dem Leben zu gehen. Ich kann nur zu einem Zurück zur Eigenverantwortung raten.