Die Europäischen Toleranzgespräche in Fresach sind eine jährliche, interdisziplinäre Dialogwoche. Sie fanden im Jahr 2026 vom 17. bis 24. Mai statt.
© ETG
Politik
Widerstand als Teil der Demokratie
Seit 2015 haben sich die Europäischen Toleranzgespräche im Kärntner Bergdorf Fresach als eigenständige Stimme im gesellschaftspolitischen Diskurs etabliert. In der Tradition der Fresacher Schriftstellertagungen verstehen sie sich heute als offene Plattform für den Dialog über Demokratie, Menschenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ihr besonderer Charakter liegt in der Verbindung regionaler historischer Erfahrung mit einem europäischen Anspruch.
Während internationale Foren wie das Europäische Forum Alpbach vor allem Zukunftsfragen Europas verhandeln, richten die Toleranzgespräche ihren Blick stärker auf Werteorientierung und ethische Fragestellungen. Toleranz, Gewissensfreiheit und Dialog stehen im Mittelpunkt – Werte, deren historische Verankerung auf die Erfahrungen des Geheimprotestantismus zurückgeht.
Rund 40 renommierte Expertinnen und Experten aus Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft, Theologie und Kultur diskutierten gemeinsam mit rund 1.500 Besucherinnen und Besuchern vor Ort sowie zahlreichen Online-Teilnehmenden die zentrale Leitfrage: Wann wird Widerstand notwendig – und wie kann er verantwortungsvoll ausgeübt werden?
Demokratie braucht kritische Stimmen
Ausgangspunkt war die Diagnose einer Welt im Umbruch. Politische Polarisierung, geopolitische Konflikte und digitale Dynamiken setzen demokratische Gesellschaften zunehmend unter Druck. Für Kärntens Superintendentin Andrea Mattioli, die seit diesem Jahr auch Obfrau des Denk.Raum.Fresach ist, zeigt sich die Stärke in einer lebendigen Zivilgesellschaft. Widerständig-Sein bilde dabei nicht die Ausnahme, sondern sei unverzichtbarer Bestandteil demokratischer Kultur. Bürgerinnen und Bürger hätten das Recht – und mitunter die Pflicht –, Entscheidungen kritisch zu hinterfragen und sich gegen Unrecht zu stellen.
Zugleich machten die Gespräche deutlich, dass Widerstand allein noch keine demokratische Qualität besitzt. Er kann Freiheit sichern, aber auch gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, wenn er entgrenzt oder ausschließlich auf Konfrontation setzt. Hannes Swoboda, Präsident des Denk.Raum.Fresach, formulierte deshalb eine zentrale Leitlinie: Auch im Widerstand müsse der Mensch im Gegenüber sichtbar bleiben. Verantwortung werde damit zur entscheidenden Kategorie politischen Handelns.
Kultur und Erinnerung als Ausgangspunkt
Den Auftakt bildeten Kultur und Erinnerung. Der Bildungsaktivist Hans Haider wurde für sein Engagement rund um das Villacher „Denkmal der Namenlosen“ gewürdigt. Das GeDENKKonzert zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns verdeutlichte, dass Widerstand nicht nur politisch, sondern ebenso sprachlich und kulturell wirksam wird. Bachmanns Werk richtet sich gegen Verdrängung, ideologische Verengung und den Missbrauch von Sprache. Widerstand beginnt damit oft im Denken – lange bevor er öffentlich sichtbar wird.
Demokratie im digitalen Raum
Auch die digitale Öffentlichkeit stand im Fokus. Diskussionen mit Jugendlichen sowie Expertinnen und Experten in Villach machten deutlich, wie sehr Desinformation, emotionale Zuspitzung und algorithmisch verstärkte Polarisierung den öffentlichen Diskurs verändern. Zugleich eröffnen digitale Räume neue Möglichkeiten für demokratische Teilhabe und zivilgesellschaftliche Mobilisierung. Entscheidend ist daher, digitale Öffentlichkeit verantwortungsvoll zu gestalten.
Wie weit darf Widerspruch gehen?
Im Europaforum in Fresach wurde die Leitfrage in den Panels weiter vertieft – und von Kompositionen der jungen Pianistin Yedda Chunyu Lin begleitet. Wie weit darf Widerstand gehen, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden? Der Historiker und Autor Doron Rabinovici zeigte anhand der europäischen Geschichte, dass Widerstand stets ambivalent bleibt: Er kann Freiheit ermöglichen und demokratische Erneuerung anstoßen, zugleich aber neue Konflikte hervorbringen.
Internationale Perspektiven ergänzten die historische Einordnung. So schilderte die Politologin Melani Barlai die jüngsten Entwicklungen in Ungarn sowie den Kampf gegen Korruption und demokratischen Abbau. Die in Köln lebende Aktivistin Mina Ahadi berichtete eindrucksvoll von ihrem jahrzehntelangen Einsatz gegen religiösen Extremismus und Gewalt – trotz massiver persönlicher Bedrohungen. Diese und weitere Beiträge machten deutlich, dass Widerstand auch mit persönlichem Risiko verbunden ist.
Auszeichnung für Einsatz für Frauenrechte
Einen Höhepunkt der Europäischen Toleranzgespräche bildete die Verleihung des Toleranzpreises an die Ärztin und Sozialberaterin Umyma El-Jelede. Ausgezeichnet wurde sie für ihren langjährigen Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung sowie für Frauenrechte in afrikanischen und arabischen Ländern.
Die vielfältigen Zugänge machten deutlich, dass Widerstand viele Formen annehmen kann – von politischem Protest über institutionelle Kontrolle bis zu kulturellen und sprachlichen Interventionen. Häufig entfaltet er seine Wirkung leise, langfristig und dialogorientiert.
Macht, Ethik und neue Formen der Verantwortung
Das Wirtschaftsforum weitete den Blick über ökonomische Fragestellungen hinaus. Der Medienwissenschaftler Martin Andree analysierte die wachsende Macht globaler Technologieunternehmen und deren Einfluss auf Öffentlichkeit und Demokratie. Seine These lautete, dass die digitale Infrastruktur längst zu einem politischen Raum geworden ist, in dem Fragen von Macht, Kontrolle und gesellschaftlicher Teilhabe neu verhandelt werden müssen. Impulse aus Religion und Ethik erweiterten die Debatte. Der Kärntner Bischof Josef Marketz betonte die Bedeutung von Zivilcourage und Menschlichkeit.
Der Psychotherapeut Arnold Mettnitzer hob Humor als verbindende Kraft hervor, während die Philosophin Ursula Baarz für Achtsamkeit als inneren Widerstand plädierte. Zum Abschluss wurde mit der Bewegung „Rechte der Natur“ ein Ansatz vorgestellt, der neue rechtliche Wege zum Schutz natürlicher Lebensgrundlagen und zur Bewältigung der Klimakrise aufzeigt.
Eine Charta für verantwortliches Handeln
Mit der Verabschiedung der „Fresacher Charta zu Widerstand und Verantwortung“ fassten die Veranstalter schließlich die zentralen Erkenntnisse zusammen: Widerstand ist ein demokratisches Recht und kann unter bestimmten Voraussetzungen sogar zur moralischen Pflicht werden. Er soll wirksam sein, darf jedoch keinen zusätzlichen Schaden verursachen und verlangt stets Reflexionsfähigkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein.
Infos
Alle Vorträge und Diskussionsbeiträge können online unter www.youtube.com/ @Europäische
Toleranzgespräche nachgesehen werden.
Die Sonderausstellung „Aufstehen ist das Wort“ im Evangelischen Museum Fresach widmet sich Ingeborg Bachmann als engagierter Schriftstellerin, die sich in ihrem Werk gegen Gewalt, Unterdrückung und den Missbrauch von Sprache stellte. Die Ausstellung ist noch bis 31. Oktober jeweils Freitag bis Sonntag sowie an Feiertagen geöffnet.
Die Europäischen Toleranzgespräche 2027 finden zu Pfingsten von 9. bis 15. Mai 2027 statt.
Mehr Informationen zu den Europäischen Toleranzgesprächen finden Sie unter www.fresach.org.