Roland Gruber
Roland Gruber: „Zukunft entsteht nicht durch immer neue Gebäude, sondern durch kluge Nutzung dessen, was da ist.“
© Jürg Christandl

Weniger bauen, mehr gewinnen

Mehr Aufgaben, weniger Geld, steigende Erwartungen – viele Gemeinden stehen unter enormem Druck. Der Architekt und Vizebürgermeister Roland Gruber zeigt in seiner Keynote beim Kommunalwirtschaftsforum, warum ausgerechnet „Bau Reduktion“ zum zentralen Zukunftswerkzeug werden kann: weniger neu bauen, Bestehendes klüger nutzen und dadurch mehr Qualität, mehr Handlungsspielraum und lebendige Ortskerne gewinnen.

Roland Gruber beginnt ruhig, fast beiläufig. Kein Pathos, keine Folienflut. Dafür ein Satz, der im Saal hängen bleibt:
„Wir haben mehr Aufgaben als je zuvor – und weniger Geld.“
Eigentlich, so der Architekt, nonconform‑Gründer und Vizebürgermeister von Moosburg (Kärnten), müsste das ein Grund sein, den Kopf einzuziehen. Stattdessen plädiert er für genau das Gegenteil: mehr Gestaltungswille – aber mit weniger Neubau.

Gemeinden im Dauer-Spannungsfeld

Die Ausgangslage beschreibt Gruber nüchtern – und trifft damit den Nerv vieler Gemeinden. Überall dieselben Themen: leistbarer Wohnraum, sanierungsbedürftige Schulen, verwaiste Gasthäuser, leerstehende Banken, abwandernde Ortskerne, steigende Anforderungen an Tourismus, Bildung und soziale Infrastruktur. Gleichzeitig schrumpfen die finanziellen Spielräume.

Dazu kommt ein gesellschaftliches Spannungsfeld: Auf der einen Seite der Ruf nach rascher Veränderung, nach Klima- und Zukunftsmaßnahmen. Auf der anderen Seite das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Bewahrung, nach „Bitte nicht schon wieder etwas Neues“. Gemeinden bewegen sich, so Gruber, täglich zwischen diesen Polen – politisch, organisatorisch und emotional.

Der Soziologe Steffen Mau spricht in diesem Zusammenhang von Triggerpunkten: Punkten, an denen gesellschaftliche Debatten besonders schnell eskalieren. Auch diese Trigger, so Gruber, seien heute permanent präsent – verstärkt durch eine mediale Negativitätsdominanz, auf die unser Gehirn evolutionsbiologisch besonders stark reagiert.

Die Bau‑Reduktions‑Brille

Was also tun, wenn der Druck steigt, die Mittel sinken und die Erwartungshaltungen auseinandergehen? Grubers Antwort heißt „Bau‑Reduktion“. Ein Begriff, der zunächst nach Verzicht klingt, in der Praxis aber erstaunlich viel Freiraum schafft.

Der zentrale Perspektivenwechsel: Nicht fragen, was fehlt – sondern fragen, was wir wirklich brauchen.
Nicht reflexartig erweitern, sondern zuerst reorganisieren. Nicht neu bauen, bevor nicht alles Bestehende gedacht, genutzt und umgenutzt wurde.

Ein prägnantes Beispiel liefert Gruber aus dem Schulbau. Jahrzehntelanges Denkmuster: Klassen werden größer, also baut man an. Flure werden länger, Funktionsräume addiert. Ergebnis: hohe Investitionskosten und dauerhaft steigende Betriebs‑ und Erhaltungskosten.

Der alternative Zugang beginnt nicht beim Raumprogramm, sondern bei der Organisation. Wie lernen Kinder wirklich? Welche Räume werden tatsächlich genutzt? Welche Mehrfachnutzungen sind möglich – im Gebäude und im Umfeld? Durch Reorganisation, veränderte Lehrkonzepte und flexible Raumlandschaften lassen sich Neubauflächen drastisch reduzieren – oft um mehr als die Hälfte. Erst danach wird sehr gezielt ergänzt, was wirklich fehlt. Leistbar, funktional, qualitätsvoll.

Reorganisation schlägt Quadratmeter

„Der beste Quadratmeter ist der, der nicht gebaut wird“, sagt Gruber. Denn jeder Neubau zieht Folgekosten nach sich – über Jahrzehnte. Weniger Fläche bedeutet weniger Energieverbrauch, weniger Reinigung, weniger Instandhaltung. Und zugleich, paradoxerweise, oft mehr Nutzungsqualität.

Diese Logik überträgt nonconform konsequent auf Ortskerne und Gemeindeliegenschaften. Leerstehende Gasthäuser werden zu multifunktionalen Zentren. Alte Fabriken zu Bildungs‑, Wohn‑ oder Kulturorten. Kläranlagen zu Lernorten. Was provokant klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als pragmatisch: Räume sind da – sie müssen nur anders gedacht werden.

Entscheidend ist dabei der Prozess. Gruber betont die Bedeutung partizipativer Entwicklung: Einbindung von Bürger:innen, Nutzer:innen, Verwaltung und Politik. Nicht, um alles basisdemokratisch zu zerreden – sondern um ein gemeinsames Verständnis dafür zu schaffen, was gebraucht wird und was nicht.

Vom Gebäude zur Gemeinschaft

Besonders eindrucksvoll sind jene Projekte, bei denen durch kluge Umnutzung mehr entsteht als nur ein saniertes Gebäude. Wo Begegnung möglich wird, neue soziale Netze entstehen und Ortsmitten wieder belebt werden. Ob Musik‑ und Vereinshaus, gemeinschaftliches Wohnen oder hybride Bildungs‑ und Arbeitsorte – der Mehrwert liegt nicht im Baukörper, sondern im sozialen Leben, das er ermöglicht.

Auch wirtschaftlich ist dieser Weg attraktiv: Reduktion spart Investitionskosten, erhöht Handlungsspielräume und schafft Spielraum für Qualität – dort, wo sie wirklich Wirkung entfaltet.

Der Donut der Ortsentwicklung

Zum Abschluss verwendet Gruber ein Bild, das hängen bleibt: den Donut. Außen bebaut, innen leer – so sehen viele Ortszentren heute aus. Ziel müsse es sein, diese Leere wieder zu füllen. Nicht mit Masse, sondern mit Sinn. Nicht mit beliebiger Nutzung, sondern mit funktionaler Vielfalt.

Bau‑Reduktion ist dabei kein Sparprogramm, sondern ein strategisches Werkzeug. Sie verlangt mehr Denken, mehr Abstimmung, mehr Mut zur Entscheidung – belohnt aber mit resilienteren Gemeinden, geringeren Folgekosten und höherer Lebensqualität.

Grubers Botschaft an die kommunale Praxis ist klar: Zukunft entsteht nicht durch immer neue Gebäude, sondern durch kluge Nutzung dessen, was da ist. Und manchmal ist weniger Bauen der mutigste Schritt nach vorne.

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