Heinz J. Priebernig: „Es gibt Grenzen dessen, was plan- und simulierbar ist. Planung bleibt notwendig – aber sie darf nicht den Anspruch erheben, menschliches Verhalten zu normieren oder zu kontrollieren.“
© Jürg Christandl
Qualität braucht Wettbewerb – und Verantwortung
Ob Schulbau, Infrastruktur oder Ortsentwicklung: Öffentliche Bauvorhaben entscheiden über Qualität, Kosten und Wirkung auf Jahrzehnte. Der Vortrag des Architekten Heinz J. Priebernig beim Kommunalwirtschaftsforum macht deutlich, warum Gemeinden ihre Bauherrnrolle aktiv wahrnehmen müssen – und weshalb Wettbewerb, gute Vorbereitung und fachliche Beratung wichtiger sind als jede technische Abkürzung.
Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Simulation und Automatisierung prägen derzeit viele Debatten rund um Planung und Bau. Beim Kommunalwirtschaftsforum setzte Heinz J. Priebernig, Ziviltechniker mit jahrzehntelanger Erfahrung und Experte für die Vergabe von Planungsdienstleistungen, bewusst einen Kontrapunkt: Technische Systeme seien heute leistungsfähiger denn je – dennoch scheitern viele Bauprojekte nicht an mangelnder Berechnung, sondern an fehlender Haltung, unklarer Verantwortung und verkürzten Entscheidungsprozessen.
Technik kann viel – aber nicht den Menschen berechnen
Der Referent spannte den Bogen von seiner eigenen, über Jahrzehnte reichenden Erfahrung als Techniker und Universitätslehrer bis zur aktuellen Diskussion um KI-gestützte Planung. Bereits seit den frühen 2000er‑Jahren werde mit digitalen Werkzeugen geplant, simuliert und modelliert. Neu sei das nicht. Neu sei vielmehr die Erwartung, dass Technik menschliches Verhalten vollständig vorhersehbar mache.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigte die Grenzen dieser Annahme deutlich: Bei einem aufwendig simulierten Pflegeheim wich der tatsächliche Energieverbrauch um ein Vielfaches – teils um mehrere hundert Prozent – von den berechneten Werten ab. Nicht, weil die Modelle falsch waren, sondern weil sich Menschen anders verhalten, als es Planungsvorgaben unterstellen. Fenster werden geöffnet, Raumtemperaturen subjektiv bewertet, Komfort individuell empfunden.
Die Schlussfolgerung ist klar: Es gibt Grenzen dessen, was plan- und simulierbar ist. Planung bleibt notwendig – aber sie darf nicht den Anspruch erheben, menschliches Verhalten zu normieren oder zu kontrollieren.
Freiheit, Schönheit und Entscheidungsspielräume
In diesem Zusammenhang erinnerte der Vortragende an drei grundlegende Dimensionen, die sich jeder vollständigen Digitalisierung entziehen: Freiheit, Kommunikation in komplexen Systemen und Schönheit. Gerade Architektur bewege sich in einem Spannungsfeld, für das es keine objektiven Maßstäbe gebe. Seit der Antike versuche man, Proportionen, Harmonie und Qualität in Regeln zu fassen – ohne jemals einen allgemein gültigen Maßstab gefunden zu haben.
Für kommunale Entscheidungsträger:innen bedeutet das: Nicht jede wesentliche Entscheidung lässt sich an Algorithmen oder Effizienzkennzahlen delegieren. Öffentliche Bauwerke prägen Orte über Jahrzehnte hinweg. Sie sind Ausdruck von Haltung, Anspruch und Verantwortung.
Wettbewerb als kulturelles und rechtliches Prinzip
Einen zentralen Punkt des Vortrags bildete das Prinzip des Wettbewerbs. Bereits in der griechischen Antike habe sich gezeigt, dass komplexe Probleme am besten im offenen Diskurs und im Vergleich unterschiedlicher Lösungsansätze gelöst werden können. Dieses „agonale Prinzip“ – der produktive Wettstreit der Ideen – sei bis heute Grundlage von Innovation.
Auch moderne Rechtsgrundlagen knüpfen daran an. Das österreichische Bundesvergabegesetz verpflichtet öffentliche Auftraggeber ausdrücklich zu nachhaltiger, innovativer Beschaffung und zum Bestbieterprinzip. Qualität, Langzeitnutzung, Werthaltigkeit und Baukultur sind dabei keine Nebenaspekte, sondern gesetzlich verankerte Zielsetzungen.
Wesentlich sei jedoch, so der Referent, dass Wettbewerb richtig vorbereitet wird. Ohne klare Zieldefinition, ausreichende Planungszeit und sachkundige Begleitung könne kein Verfahren gute Ergebnisse liefern – unabhängig von der Größe der Gemeinde.
Die Rolle der Gemeinde: Bauherrschaft ernst nehmen
Ein wiederkehrendes Motiv war die Verantwortung der Gemeinden als Bauherr:innen. Wer Planung und Konzeption vollständig aus der Hand gibt, etwa an Total‑ oder Generalunternehmer, verliere entscheidende Gestaltungs- und Kontrollmöglichkeiten. Internationale Beispiele zeigen, dass selbst finanzstarke Auftraggeber dadurch in massive Schwierigkeiten geraten können.
Dem gegenüber steht ein bewährtes Modell: Die Gemeinde bleibt strategisch verantwortlich, lässt sich aber professionell und unabhängig beraten – etwa durch Ziviltechniker:innen unterschiedlicher Fachrichtungen. Wettbewerbe ermöglichen es, mehrere tragfähige Lösungsansätze zu vergleichen, bevor man sich festlegt. Erst danach beginnt die Detailplanung, mit zunehmender Sicherheit und Präzision.
KI als Werkzeug – nicht als Ersatz für Haltung
Auch künstliche Intelligenz wurde nicht grundsätzlich infrage gestellt. KI könne heute binnen Minuten funktionale Entwürfe erzeugen, etwa für Krankenhäuser oder andere komplexe Nutzungen. Was dabei jedoch fehle, sei kontextuelles Denken: städtebauliche Einbindung, Orientierung, Atmosphäre, soziale Wirkung.
Die Versuchung, aus Unsicherheit Verantwortung an Systeme oder Vertragskonstruktionen abzugeben, sei verständlich – aber langfristig riskant. Architektur und Infrastruktur seien keine rein technischen Produkte, sondern Teil des öffentlichen Raums und damit Teil gesellschaftlicher Realität.
Was das für Gemeinden bedeutet
Für Gemeinden ergibt sich daraus eine klare Handlungsorientierung:
Zukunftsfähige Projekte entstehen dort, wo Wettbewerb ermöglicht, Qualität eingefordert und Verantwortung bewusst getragen wird. Digitale Werkzeuge können unterstützen, aber nicht entscheiden. Entscheidend bleibt eine Bauherrschaft, die weiß, was sie will – und bereit ist, sich auf Vielfalt, Diskurs und fachliche Beratung einzulassen.
Gerade in Zeiten knapper Budgets und hoher Erwartungen ist das kein Luxus, sondern eine Voraussetzung dafür, dass öffentliche Mittel nachhaltig, wirksam und sichtbar eingesetzt werden.