Thomas Pisar
Thomas Pisar plädiert nicht für eine Fehlerkultur, sondern für eine Lernkultur. In komplexen Systemen könne man Entscheidungen nie auf vollständiger Informationsbasis treffen. Irrtümer seien unvermeidlich – und wertvoll, wenn man aus ihnen lernt.
© Jürg Christandl

Wandel

Vom Urknall bis zur Gemeindestube

Was haben Urknall, künstliche Intelligenz und Widerstand in Gemeinden gemeinsam? In seiner ebenso pointierten wie humorvollen Keynote spannte Thomas Pisar beim Kommunalwirtschaftsforum den Bogen von der Evolution bis zur Gegenwart kommunaler Organisationen – und zeigt, warum Wandel heute weniger eine Frage von Planung als von Lernfähigkeit, Anpassung und klugem Umgang mit Komplexität ist.

Es beginnt mit dem Urknall.
Nicht bildlich, nicht metaphorisch – sondern tatsächlich. Vor 13,8 Milliarden Jahren, „sehr leise übrigens“, wie Thomas Pisar augenzwinkernd ergänzt. Wer zu diesem Zeitpunkt noch von einer klassischen Keynote über Digitalisierung oder Verwaltungsreform ausgegangen ist, merkt schnell: Dieser Vortrag will mehr. Und er nimmt sich die Freiheit, sehr weit auszuholen.

Pisar, Physiker, Executive Advisor, Buchautor und Musiker, führt sein Publikum zunächst durch die großen Entwicklungslinien der Menschheitsgeschichte. Dinosaurier, Mäuse, Homo sapiens – alles kommt vor. Die Pointe folgt prompt: Der Mensch ist weder die stärkste noch die größte Spezies. Aber er ist die anpassungsfähigste. Eine Feststellung, die im kommunalen Kontext unerwartet aktuell wirkt.

Geschwindigkeit als neue Normalität

Spätestens beim Sprung in die jüngere Geschichte – iPhone, Plattformökonomie, künstliche Intelligenz – wird klar, worauf Pisar hinauswill. Innovation, so seine nüchterne Diagnose, ist kein Ereignis mehr, sondern ein Dauerzustand. Während das Telefon rund 75 Jahre benötigte, um weltweit 100 Millionen Nutzer:innen zu erreichen, schaffen das heutige digitale Anwendungen in wenigen Monaten, teilweise Wochen.

Für Gemeinden ist das keine akademische Beobachtung. Neue Technologien, neue gesetzliche Rahmenbedingungen, neue Erwartungen der Bürger:innen treffen immer schneller auf bestehende Strukturen. „Der langsamste Tag ist immer heute“, sagt Pisar – und meint damit: Es wird nicht wieder gemütlicher.

Kompliziert ist nicht komplex

Der fachliche Kern der Keynote liegt in einer Differenzierung, die in der Verwaltungspraxis oft unterschätzt wird: dem Unterschied zwischen komplizierten und komplexen Systemen.

Kompliziert – das ist für Pisar das klassische Uhrwerk. Viele Zahnräder, aber berechenbar, planbar, deterministisch. Straßenbau, Kanalverlegung, technische Infrastruktur – all das lässt sich analysieren und mit entsprechender Planung umsetzen.

Komplex hingegen sind soziale Systeme. Gemeinden, Organisationen, Teams, politische Entscheidungsprozesse. Sie bestehen ebenfalls aus vielen Teilen, diese interagieren aber so intensiv miteinander, dass Wirkung und Ursache nicht mehr eindeutig zuordenbar sind. Planung allein greift hier zu kurz. Und wer versucht, komplexe Systeme wie komplizierte zu behandeln, produziert meist Frust – auf allen Seiten.

Die Erkenntnis ist unbequem, aber befreiend: Nicht alles lässt sich vorausberechnen. Manches muss ausprobiert werden.

Organisationen im Spannungsfeld

Mit einem Organisationsmodell beschreibt Pisar, womit Gemeinden heute gleichzeitig umgehen müssen: mit einer sich rasch wandelnden Außenwelt, klar definierten Leistungen für Bürger:innen, internen Prozessen, technischen Systemen – und vor allem mit Menschen.

Neu hinzu kommt eine weitere Dimension: KI‑Systeme. Sie sind technisch, aber sie verhalten sich nicht immer deterministisch. Sie treffen Vorschläge, generieren Inhalte, liefern Ergebnisse, die nicht immer exakt reproduzierbar sind. Damit steigt die Komplexität weiter – nicht nur technisch, sondern organisatorisch und kulturell.

Organisationen, so Pisar, funktionieren dann gut, wenn diese Ebenen im Gleichgewicht sind. Die Realität sei allerdings meist eine andere. Neue Vorgaben, neue Technologien oder politische Entscheidungen bringen bestehende Gleichgewichte aus der Balance – Anpassung wird notwendig.

Widerstand als Signal, nicht als Störung

Besonders praxisnah wird der Vortrag beim Thema Widerstand. Veränderung, so Pisar, löse nahezu automatisch Gegenwehr aus. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem einfachen physikalischen Prinzip: Systeme streben nach dem Zustand niedrigster Energie. Veränderung kostet Energie – also wird sie vermieden.

Für Führungskräfte in Gemeinden liegt darin ein wichtiger Perspektivenwechsel. Widerstand ist nicht das Problem, sondern ein Hinweis. Er zeigt, wo Autonomie bedroht ist, wo Statusverluste befürchtet werden oder wo Unsicherheit entsteht. Wer Widerstand nur bekämpft, verpasst die Chance zu verstehen, wie das System tatsächlich funktioniert.

Kultur folgt Struktur – nicht umgekehrt

Klar fällt Pisars Urteil über gängige Veränderungsrhetorik aus. Appelle an ein „neues Mindset“ oder den berühmten „Kulturwandel“ hält er für wirkungslos, solange sich an den zugrunde liegenden Strukturen nichts ändert.

Verhalten, so die zentrale These, ist kein direkter Hebel. Es entsteht aus Rahmenbedingungen: aus Anreizsystemen, aus Kommunikationswegen, aus Entscheidungslogiken. Erst wenn diese verändert werden, ändert sich Verhalten – und erst daraus entwickelt sich so etwas wie Kultur.

Entsprechend plädiert Pisar nicht für eine Fehlerkultur, sondern für eine Lernkultur. In komplexen Systemen könne man Entscheidungen nie auf vollständiger Informationsbasis treffen. Irrtümer seien unvermeidlich – und wertvoll, wenn man aus ihnen lernt.

Ein evolutionärer Auftrag für Gemeinden

Am Ende schließt sich der Kreis zurück zur Evolution. 300.000 Jahre Homo sapiens, davon der Großteil ohne Verwaltung, Strategieprozesse oder Fünfjahrespläne. Was geblieben ist, ist Anpassungsfähigkeit.

Pisars Botschaft an Kommunen ist dabei weder alarmistisch noch technikverliebt. Sie ist realistisch: Wer Gemeinden durch eine immer komplexere Welt steuern will, braucht weniger Gewissheiten und mehr Lernfähigkeit. Weniger starre Zielbilder, mehr kluge Experimente. Und den Mut, Komplexität nicht beherrschen zu wollen – sondern sich in ihr beweglich zu halten.

Ein Gedanke, der auch nach dem letzten Applaus noch im Raum steht. Und wahrscheinlich genau dort hingehört.

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