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Trinkwasserhygiene in kommunalen Gebäuden: Zeit zum Umdenken
In einem Expertengespräch mit Dr. Peter Arens (Hygienespezialist) zeigt sich, wie wichtig es es, bei der Trinkwasserhygiene in öffentlichen Gebäuden genauer hinzusehen.
Österreichs Gemeinden verwalten zwischen 50.000 und 55.000 Gebäude – von Rathäusern über Kindergärten und Pflichtschulen bis zu Sportstätten. Was viele Verantwortliche nicht wissen: In einem Großteil dieser Einrichtungen ticken zwei Zeitbomben. Einerseits verursachen veraltete Sanitärkonzepte massive, vermeidbare Kosten. Andererseits bergen sie erhebliche Gesundheitsrisiken durch mangelnde Trinkwasserhygiene.
„Wir haben jahrzehntelang Luxusinstallationen gebaut, ohne über die Konsequenzen nachzudenken", erklärt Dr. Peter Arens, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Trinkwasserhygiene. „Heute legen wir mit jeder neuen Installation die Wasser- und Energiekosten bis ins Jahr 2076 fest – ohne uns ausreichend Gedanken darüber zu machen."
Die Bausünden der Vergangenheit
Problem 1: Zu viele unnötige Entnahmestellen
Ein klassisches Beispiel: In vielen Schulen wurde in jedem Klassenzimmer ein Waschbecken installiert – ursprünglich zum Abwaschen von Kreide gedacht, die es längst nicht mehr gibt. „Diese Waschbecken werden praktisch nicht genutzt", so Arens. „Aber das Wasser steht in den Leitungen, erwärmt sich und wird zum hygienischen Risiko."
Seine Empfehlung: „Zwei bis drei Klassenzimmer sollten sich eine zentrale, gut gestaltete Entnahmestelle auf dem Flur teilen – zum Händewaschen und Flaschenfüllen. Im Werkraum gibt es ein Waschbecken, aber nicht mehr in jedem Klassenzimmer."
Problem 2: Duschen für den Ernstfall
Sportstätten wurden traditionell für Sportfeste ausgelegt – mit Duschen für hunderte gleichzeitig duschende Menschen. „Die Realität sieht völlig anders aus", berichtet Arens aus seiner Praxis. „In Berlin und Frankfurt wird erschreckend wenig geduscht. Die meisten Menschen gehen nach Hause zum Duschen. Wir könnten auf die Hälfte der Duschen verzichten, haben aber die Rohre für Volllastbetrieb ausgelegt."
Das Ergebnis: In den selten genutzten Leitungen steht das Wasser – ideale Bedingungen für Legionellen und andere gefährliche Bakterien.
Problem 3: Warmes Kaltwasser – die unterschätzte Gefahr
Ein weiterer gravierender Installationsfehler: „Installateure verlegen immer noch Warm- und Kaltwasserleitungen direkt nebeneinander, weil es so schön aussieht", kritisiert Arens. Die Folge: Das Kaltwasser erwärmt sich durch die Wärmeleitung der benachbarten Warmwasserleitung – oft auf über 25 Grad.
„Das ist nicht nur Energieverschwendung, sondern eine massive Gesundheitsgefahr", warnt der Experte. Eine Studie des Robert Koch-Instituts zu 111 realen Legionellen-Erkrankungen und Todesfällen in Berlin ergab: 43 Prozent ereigneten sich in nicht überwachungspflichtigen Anlagen – insbesondere durch zu warmes Kaltwasser.
Die Legionellen-Gefahr: Zahlen, die aufhorchen lassen
In Deutschland gibt es schätzungsweise 30.000 Legionellen-Erkrankungen jährlich, trotz Meldepflicht werden nur etwa 1.550 gemeldet. Zwei Drittel der Toten sind Männer über 55 Jahren.
Überraschend: Fünf Prozent der Erkrankungen in der Berliner Studie betrafen Gebissträger. „Wenn jemand sein Gebiss in ein Glas mit legionellenhaltigem Wasser legt und es am nächsten Morgen einsetzt, war das gefährlicher als mit demselben Wasser zu duschen", erklärt Arens. Zudem: 30 Prozent der Erkrankungen hätten vermieden werden können, wenn die Betroffenen nicht geraucht hätten.
Die 72-Stunden-Regel: Was Betreiber wissen müssen
Nach deutschen Regelwerken, die auch in Österreich als Orientierung gelten, muss spätestens alle 72 Stunden ein vollständiger Wasserwechsel an allen Entnahmestellen erfolgen. In Ferienzeiten, bei Betriebsunterbrechungen oder in selten genutzten Bereichen ist das eine enorme Herausforderung.
„In den Ferien muss der Hausmeister eigentlich Ferien machen, aber stattdessen alle drei Tage alle Wasserhähne aufdrehen", beschreibt Arens die absurde Situation. Die Lösung: Intelligente Wassermanagementsysteme, die automatisch Stagnationsspülungen durchführen – genau dann, wenn sie nötig sind, und nur so lange, wie das Leitungsvolumen es erfordert.
Neubau: Jetzt die Weichen für 2076 stellen
Radikales Umdenken bei der Dimensionierung
Heutige Installationen werden auf etwa 4,2 Liter pro Minute am Waschtisch und 9 Liter pro Minute an der Dusche berechnet. „Diese Zahlen können wir nach unten ziehen", so Arens. Sein Konzept: Reduzierung auf 3 Liter am Waschtisch und 6 Liter an der Dusche.
Die Vorteile sind beeindruckend:
- 20 Prozent geringere Investitionskosten durch dünnere Rohre, weniger Dämmung, weniger Befestigung
- 40 Prozent weniger Wasserverbrauch im Betrieb
- 40 Prozent weniger Wasservolumen in der Installation – entsprechend weniger aufwändig sind Stagnationsspülungen
- Mehr Nutzfläche – ein wichtiges Argument für Architekten
„Frau Le Maitre, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, sagte mir letztens: Sie haben die einzigen beiden Methoden, die nicht nur die Betriebs-, sondern auch die Investitionskosten senken", berichtet Arens stolz.
Getrennte Wege für Warm und Kalt
Die wichtigste Regel für Neubauten: „Warm und Kalt gehören einfach getrennt – möglichst weit voneinander entfernt", fordert Arens. „Die Wärmeverluste sind Energieverschwendung und das aufgewärmte Kaltwasser ist eine gesundheitliche Gefahr."
Weniger ist mehr: Reduzierung auf das Notwendige
In München plant das Hochbauamt derzeit 33 Kindergärten nach neuen Konzepten – gegen die Senatsbauordnung, aber mit Genehmigung des Bausenats. „Der Kollege hat sechs Jahre gebraucht, um da als Firma reinzukommen", erzählt Arens. „Aber nach meinem Vortrag kam der Leiter des Hochbauamts sofort und sagte: Das wird nicht das letzte Gespräch gewesen sein."
Bestandsgebäude: Was ist machbar?
„Die Herausforderung ist tatsächlich der Bestand", gibt Arens zu. „Wenn ich Rohre auf 8 bis 10 Liter ausgelegt habe und dann eine Wasserspararmatur davorhänge, staue ich das Trinkwasser und gefährde die Trinkwasserhygiene."
Die Lösung liegt in der differenzierten Betrachtung: Nicht überall kann und soll gleich vorgegangen werden.
Strategie 1: Dort drosseln, wo hohe Frequenz herrscht
„Wo ist der höchste Wasserverbrauch? Das ist ganz klar an den Toiletten", erklärt Arens. „Da ist die hohe Frequenz, da ist der höchste Verbrauch, da kann ich eindrosseln."
Die Faustformel:
- Viele Nutzer = Drosseln erlaubt (z.B. Toiletten im Erdgeschoss eines Rathauses, Flughafenterminals)
- Wenige Nutzer = Durchfluss erhöhen (z.B. Behindertentoilette, Bürgermeisterbad)
- Normale Nutzung = Lassen wie es ist
Strategie 2: Einfache, kostengünstige Maßnahmen
Am Waschtisch kostet ein Strahlregler-Wechsel etwa 1,50 Euro. „Ich schraube den alten 5-Liter-Strahlregler ab und setze einen 3-Liter-Strahlregler ein", erklärt Arens. „In die Handbrause kommt ein Durchflussbegrenzer – Schlauch ab, Begrenzer rein, Schlauch wieder dran. Fertig."
Wichtig: Das funktioniert nur bei hoher Nutzungsfrequenz! In einem Familienhaushalt mit zwei Kindern problemlos möglich. Bei einer alleinlebenden älteren Person würde man die Trinkwasserhygiene gefährden.
Strategie 3: Intelligente Wassermanagementsysteme
Für kommunale Gebäude mit wechselnder Nutzung (Schulen, Sportstätten, Kindergärten) bieten sich Wassermanagementsysteme an. Diese:
- Vernetzen alle Armaturen via Funk oder Kabel
- Programmieren automatische Stagnationsspülungen
- Spülen in Gruppen, um turbulente Strömung zu erzeugen
- Dokumentieren alle Spülungen lückenlos (wichtig für Behörden)
- Ermöglichen Fernzugriff via Cloud
- Können temperaturgesteuert arbeiten – spülen nur, wenn nötig
„In einem Krankenhaus aus den 70er Jahren messen wir bei jeder Nutzung die Kaltwassertemperatur", berichtet Arens. „Nur wenn sie einen Schwellenwert überschreitet, wird an anderer Stelle gespült, bis zu einem Zielwert."
Das Potenzial in der Fläche:
4.000 Kindergärten in Österreich
- 4.500 Pflichtschulen (für die Gemeinden verantwortlich sind)
- = Einsparpotenzial von etwa 127,5 Millionen Euro jährlich
Dabei sind Verwaltungsgebäude, Sportstätten und andere kommunale Einrichtungen noch nicht eingerechnet.
Mit berührungslosen Sensor-Armaturen ließen sich bis zu 70 Prozent Wasser einsparen im Vergleich zu herkömmlichen Einhebelmischern. „Das Wasser läuft nur, wenn es wirklich gebraucht wird – Hand drunter, Wasser läuft, Hand weg, Wasser stoppt."
Praxistest: Wie viel Wasser fließt bei Ihnen?
Dr. Arens empfiehlt einen simplen Test: „Nehmen Sie einen Ein-Liter-Messbecher aus Ihrer Küche:
- Ist er in 12 Sekunden voll? Sie haben 5 Liter pro Minute
- In 6 Sekunden voll? Sie haben 8 bis 10 Liter pro Minute
- In 20 Sekunden voll? Sie haben ein Problem – viel zu wenig Durchfluss"
Mit diesem einfachen Test können Gemeindeverantwortliche sofort feststellen, wo Handlungsbedarf besteht.
Förderungen und finanzielle Unterstützung
In Deutschland läuft derzeit ein mehrere hundert Milliarden umfassendes Förderprogramm, 100 Milliarden davon gehen an Kommunen für Schulsanierung und Schulneubau. „Sobald das Geld in die Förderung geht, werden die natürlich ganz kräftig machen", so Arens.
Für Österreich gilt: Ab Oktober 2025 müssen jährlich mindestens drei Prozent der Gesamtfläche aller öffentlichen Gebäude saniert werden [3]. Dabei sollten Wasserthemen nicht außer Acht gelassen werden.
Was Gemeinden jetzt tun sollten
Kurzfristig (0-6 Monate):
- Bestandsaufnahme durchführen
- Wassermengen messen (mit 1-Liter-Becher)
- Nutzungsfrequenzen analysieren
- Problemzonen identifizieren (warmes Kaltwasser, selten genutzte Duschen)
- Quick Wins umsetzen
- Strahlregler austauschen (1,50 € pro Stück)
- Durchflussbegrenzer in Duschen einbauen
- Unnötige Entnahmestellen stilllegen
- Hygieneplan aufstellen
- 72-Stunden-Regel dokumentieren
- Verantwortlichkeiten für Stagnationsspülungen klären
- Kaltwassertemperaturen messen
Mittelfristig (6-24 Monate):
- Sanierungskonzept entwickeln
- Prioritäten setzen (Schulen, Kindergärten zuerst)
- Wassermanagement-Systeme prüfen
- Fördermöglichkeiten ausloten
- Pilotprojekte starten
- Ein Gebäude als Referenz ausstatten
- Einsparungen dokumentieren
- Erfahrungen für weitere Projekte nutzen
Langfristig (ab 2 Jahre):
- Neubauten konsequent planen
- 3-Liter-Strahlregler einplanen
- Getrennte Verlegung Warm/Kalt
- Minimierung der Entnahmestellen
- Wassermanagement von Anfang an mitdenken
- Standards etablieren
- Gemeindeeigene Planungsrichtlinien entwickeln
- Zusammenarbeit mit Planern und Installateuren
- Regelmäßige Schulungen
Die Rolle der Gemeindeverantwortlichen
„Die Aufgaben von Bürgermeistern werden zunehmend komplexer", berichtet der Standard [5]. Im Bereich Trinkwasserhygiene tragen Betreiber von Wasserversorgungsanlagen besondere Verantwortung [6].
„Es ist gesunder Menschenverstand, der uns verloren gegangen ist", resümiert Dr. Arens. „Weil wir zu viele wirtschaftliche Möglichkeiten hatten, haben wir hier noch einen Ausgussbecken und da noch ein Becken eingebaut. Das ist genau das Gegenteil von dem, wo wir hin sollten."
Handeln statt abwarten
Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Österreichs Gemeinden stehen vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits müssen bestehende Gebäude schnellstmöglich auf hygienisch unbedenklichen Stand gebracht werden – schon allein aus Gründen der Fürsorgepflicht gegenüber Bürgern und Mitarbeitern. Andererseits gilt es, bei Neubauten von Anfang an richtig zu planen.
Die gute Nachricht: Anders als bei vielen anderen Sanierungsmaßnahmen rechnen sich Investitionen in Wasserhygiene und Wassersparen durch niedrigere Betriebskosten schnell. Bei Neubauten sinken sogar die Investitionskosten um bis zu 20 Prozent.
„Wir bestimmen heute die Zukunft bis 2076", mahnt Dr. Arens. „Jede Installation, die wir heute bauen, legt die Wasser- und Energiekosten für die nächsten 50 Jahre fest. Wir sollten uns verdammt gut überlegen, wie wir das machen."
Die Zeit des „haben wir immer so gemacht" ist vorbei. Die Zeit des intelligenten, gesundheitsbewussten und wirtschaftlichen Wassermanagements hat begonnen. Österreichs Gemeinden sollten sie nutzen.
Österreichischer Gemeindebund
www.gemeindebund.at
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
✓ Einsparpotenzial: Bis zu 70% Wasser durch berührungslose Armaturen, bis zu 40% durch Eckventile
✓ Kosten: 15.000 Euro Ersparnis pro Jahr und Schule möglich
✓ Gesundheit: 30.000 Legionellen-Erkrankungen jährlich in Deutschland, 43% in nicht überwachten Anlagen
✓ Regel: Alle 72 Stunden vollständiger Wasserwechsel notwendig
✓ Neubau: 20% Investitionskostenersparnis durch schlanke Dimensionierung
✓ Altbau: Einfache Maßnahmen ab 1,50 Euro pro Strahlregler
✓ Automatisierung: Wassermanagement-Systeme übernehmen Stagnationsspülungen
✓ Praxis-Test: 1-Liter-Messbecher unter Wasserhahn – 12 Sekunden = optimal