3.800 Brachflächen, 1.700 Hektar Potenzial, eine neue KI-Karte und klare Förderungen: Der vierte Brachflächen-Gipfel lieferte Gemeinden konkrete Werkzeuge gegen Flächenfraß.
Konferenz
Brachflächen als große Chance für Gemeinden
Österreichs Gemeinden sitzen auf 1.700 Hektar ungenutztem Potenzial. Neue Förderungen, eine KI-Karte und ein klares Signal vom vierten Brachflächen-Gipfel: Die Werkzeuge liegen bereit – es braucht nur den Mut, sie zu nutzen.
Jedes Jahr verbraucht Österreich täglich rund 11,5 Hektar (3-Jahres-Mittelwert 2021, Umweltbundesamt) an neuem Boden. Gleichzeitig schlummern Tausende Hektar an bereits versiegelten Industrie- und Gewerbebrachen ungenutzt.
In seiner Eröffnungskeynote erläuterte Christian Holzer, Sektionschef für Kreislaufwirtschaft, Chemie und Strahlenschutz im BMLUK, in einem Rückblick auf fünf intensive Jahre, dass es bereits viele Möglichkeiten gibt, ins Tun zu kommen. Neben zahlreichen Webinaren, Förderprojekten, Bund-Länder-Vernetzungstreffen, Facharbeitsgruppen und Exkursionen, die seitens des Ministeriums angeboten werden, wurden auch konkrete politische Meilensteine erreicht.
Ein zentraler Erfolg ist die Novelle des Altlastensanierungsgesetzes, die seit 1. Jänner 2025 in Kraft ist. Sie schafft erstmals eine Sanierungsförderung für kontaminierte Industrie- und Gewerbebrachen, die die Schwelle zur Altlast nicht erreichen. Ergänzend dazu wurde die bestehende Bundesförderung für Flächenrecycling (bis 75 Prozent, maximal 60.000 Euro Förderbarwert) nicht nur verlängert, sondern um die Möglichkeit erweitert, auch unmittelbare physische Maßnahmen zu fördern. Seit 2022 wurden bereits 104 Förderanträge genehmigt, rund 70 Projekte sind abgeschlossen.
KI-gestützte Potenzialflächenkarte
Ein besonderer Meilenstein wurde kurz vor Weihnachten 2025 erreicht: Österreichs erste bundesweite Potenzialflächenkarte ging online. Das Tool, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut (Nürnberg), dem Umweltbundesamt sowie den Wirtschaftsagenturen ecoplus (NÖ) und Business Upper Austria (OÖ), analysierte rund 65.000 Flächen mit Industrie- oder Gewerbewidmung ab 1.000 m² österreichweit anhand von Orthofotos, Geodaten und Satellitenbildern.
Das Ergebnis: 3.800 potenzielle Brachflächen mit einer Gesamtfläche von rund 1.700 Hektar wurden identifiziert. Die Karte unterscheidet zwischen bebauten, aber ungenutzten Flächen und noch nicht entwickelten Widmungsreserven. Land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen wurden bewusst ausgeklammert.
Christian Janitsch, Initiator des Brachflächen-Dialogs, lud alle Teilnehmenden ein: „Schauen Sie sich diese Karte an – dort finden Sie nicht nur Informationen über Flächen, sondern einen direkten Einstieg in das Thema Flächenrecycling für Ihre Gemeinde.“ Die Karte ermöglicht fundierte kommunale Standortplanung, ohne neue Grünflächen zu versiegeln.
Leerstand ist Beziehungsarbeit
Den inhaltlichen Höhepunkt des Vormittags bildete die Keynote von Monika Hohenecker (Raum.Impuls) unter dem Titel „Brachflächen-Recycling über die Grundstücksgrenze hinaus betrachtet“. Die Expertin mit 15 Jahren Erfahrung in der Leerstandsaktivierung – von Wien bis Bregenz, von Freistadt bis Judenburg – machte deutlich, dass hinter jedem Leerstand Emotionen, Erinnerungen und komplexe zwischenmenschliche Beziehungen stecken.
„Man kommt nicht mit einer fertigen Lösung. Man muss erst verstehen: Worum geht es denn eigentlich?“ Vertrauen brauche Zeit – manchmal ein ganzes Jahr, bis Eigentümer:innen wirklich erzählen, wie es ist.
Als Praxisbeispiel präsentierte sie das ehemalige Molkereigelände in St. Georgen am Ybbsfelde (NÖ, ca. 5.000 Einwohner): Aus einer Brache im Ortskern entsteht durch engagierte Gemeindearbeit und einen Masterplan ein neuer Ortsmittelpunkt mit Platz, Grün und Wohnraum. Ihre Mahnung: Brachflächen-Recycling bedeutet nicht, ein einzelnes Objekt herzurichten. In kleineren Gemeinden hat ein solches Projekt eine Sogwirkung – wenn neue Nutzungen entstehen, kann anderswo neuer Leerstand entstehen. „Ich muss mir das ganze Gefüge anschauen.“
Umbauordnung, Forschung und Erdreich-Preis
Ein weiterer Schwerpunkt war die Diskussion um rechtliche Rahmenbedingungen: Expertinnen und Experten aus Architektur, Gemeinde- und Raumplanung erörterten, wie die aktuellen neun Bauordnungen in Österreich zur „Umbauordnung“ optimiert werden können, um Umbauten und Umnutzungen zu erleichtern und die Bauwende voranzutreiben. Regulatorische Hürden zählen nach wie vor zu den größten Hemmnissen bei der Brachflächenentwicklung.
Young Scientists der Universität Wien und der FH Salzburg präsentierten aktuelle Forschungsarbeiten - unter anderem zu einer ehemaligen Textilfabrik im Waldviertel und einer Großtischlerei in Melk. Im Anschluss verlieh Bundesminister Norbert Totschnig den ERDREICH-Preis in fünf Kategorien für vorbildlichen Bodenumgang in der Praxis.
Was Gemeinden jetzt konkret tun können
- Potenzialflächenkarte nutzen: Zeigt ungenutzte Flächen in der Region – Grundlage für kommunale Flächenplanung ohne neue Versiegelung.
- Förderungen beantragen: Bundesförderung Flächenrecycling (bis 75 Prozent, max. 60.000 Euro) für Entwicklungskonzepte. Neue Förderschiene für kontaminierte Flächen: Untersuchungen (bis 75 Prozent, max. 100.000 Euro) und Maßnahmen (bis 50 Prozent, max. 300.000 Euro). Details: umweltfoerderung.at
- Ganzheitlich planen: Nutzer:innen, Finanzierung und Nachnutzungskonzept von Anfang an mitdenken. Auf Förderungen als alleiniges Fundament nicht verlassen.
- Vernetzung suchen: Webinare, Exkursionen und Bund-Länder-Vernetzungstreffen über
brachflaechen-dialog.at. - Beziehungsarbeit investieren: Leerstandsaktivierung braucht Zeit und Vertrauen. Der erste Schritt ist oft das geduldige Gespräch mit Eigentümer:innen – lange bevor irgendein Plan steht.
Weitere Informationen
- Bundesförderung Flächenrecycling: www.umweltfoerderung.at
- Altlastenkataster (für Fördervoraussetzungen): www.altlasten.gv.at