Das Kalser Dorfzentrum. Im Uhrzeigersinn: Pfarrkirche mit Friedhof, Glocknerhaus, der neue Kultursaal, Widum und das „Haus de calce“.
Foto: Kurt Hoerbst

Ortskerngestaltung in Kals

21. September 2015
In Kals stand die Bildung eines Ortszentrums im Mittelpunkt der baukulturellen Prozesse der letzten fünfzehn Jahre. Bemerkenswert ist die Absicht der Gemeinde, das Angebot an kommunaler Versorgung von Beginn an mit hohen baukulturellen Ansprüchen zu verknüpfen. Das Projekt wurde für den IMPULS Gemeindeinnovationspreis 2015 in der Kategorie "Baukultur" eingereicht.





Der Neubau des Gemeindezentrums katapultierte die städtebauliche und baukulturelle Entwicklung der Gemeinde schlagartig ins Licht einer nationalen und internationalen Fachöffentlichkeit. Für ihr Engagement erhielt die Gemeinde den Landluft Baukulturgemeindepreis 2009.

„... seit dem Anfang des Wettbewerbes 1996 ist ein richtiges Dorfensemble entstanden. Die Lage direkt im Ortszentrum schafft eine neue Mitte, ein soziales und kommunikatives Zentrum. Interessant war für mich, dass die anfängliche Skepsis einer großen Zustimmung gewichen ist“. So wird Bürgermeister Unterweger in einer Broschüre des Architektenduos zitiert.

Glocknerhaus - Keiner kann sich ihm entziehen



Die örtliche Infrastruktur findet hier ihr daheim: Neben der Raiffeisen Bankstelle und dem TVB-Büro gibt es noch einen Informationsschalter des Nationalparks Hohe Tauern. Im Keller des Hauses befindet sich die Glocknerausstellung, zuletzt erweitert und erneuert im Sommer 2013. Das Highlight dieser Ausstellung sind nun Mineralien aus der Glocknerwand, die neben Impressionen von Land und Leuten auch dem "Herunten Gebliebenen" aufzeigt: Hier sind wir im Glocknerdorf!

Früher oder später hat jeder, der nach Kals kommt, in diesem kommunalen Bau eine Erledigung zu tätigen. Die großzügige Bauweise mit vielen Glasflächen vermittelt Transparenz und Offenheit.

Gemeindezentrum Haus "de calce" - Präzision im Detail



In seinem Text, "Regeln für den, der in den Bergen baut“ schrieb Adolf Loos: “Baue nicht malerisch, überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen, der Sonne (...) Baue so gut, als du kannst. Nicht besser. Überhebe dich nicht. Und nicht schlechter.“ Dieser Text liest sich wie ein Kommentar zu dem neuen Gemeindezentrum in Kals am Großglockner meinte Arnot Ritter bei der Jurybegründung zum BTV Bauherrenpreis.

Wie beim Glocknerhaus nimmt die Architektur des multifunktionellen Gemeindezentrums den Dialog mit den topografischen Gegebenheiten und dem von der Pfarrkirche und dem spätgotischen Widum geprägten Ortsteil Ködnitz auf. Größe, Höhe und Gestaltung von Glocknerhaus und Mehrzweckgebäude korrespondieren miteinander und orientieren sich ganz an Widum und Pfarrkirche, diese werden nicht überragt und sind nach wie vor die dominanten Gebäude. Die Kirche bleibt sozusagen im Dorf.

Das viergeschoßige Gemeindezentrum begrenzt den neu formierten Vorplatz im Nordwesten und richtet sich nach der Friedhofsmauer aus. In den beiden Untergeschoßen finden Feuerwehr, Bergrettung und Bergwacht ihr neues Zuhause. Das Erdgeschoß gehört der Gemeindeverwaltung, ein Stockwerk darüber sind Sitzungszimmer und Gemeindearchiv untergebracht. Die zweigeschossige Fahrzeughalle der Einsatzdienste liegt zur Gänze unter dem gepflasterten Vorplatz.

Die Architektur des Zentrums setzt nach außen hin auf ein selbstbewusstes, klares Erscheinungsbild. Sie folgt damit dem Gestaltungsprinzip des benachbarten spätgotischen Widums, das gerade durch seine schlichte, aber im Detail präzise Bauweise besticht.

Detailgenauigkeit und handwerkliche Präzision zeichnen auch das funktionale Raumprogramm aus. So sorgen die Fenster nicht nur für optimalen Lichtfluss im Inneren, sondern inszenieren gleichsam als Bilderrahmen den Blick Tal auswärts.

Widum Kals – Renovierung eines spätgotischen Baujuwels



Das um 1480 von den Görzer Grafen errichtete Widum prägt als solitärer Baukörper von schnörkelloser Funktionalität den Kalser Ortskern. Die behutsame, unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Auflagen erfolgte Restaurierung legt vor allem den spätgotischen Gebäudekern frei. Sie schafft im Erdgeschoss einen Ausstellungs- und Repräsentationsraum, in den Obergeschossen Platz für Pfarrverwaltung und Pfarrerwohnung.

Kulturhaus mit Johann Stüdl-Saal



Um ihrem regen Vereins- und Kulturleben Raum zu geben, entschloss sich die Gemeinde Kals am Großglockner zum Neubau eines Veranstaltungszentrums, das durch eine Verbindung mit dem Gasthaus Ködnitzhof auch touristische Impulse setzen soll. Der von einer Kehre der Kalser Landesstraße dreiseitig gesäumte Bauplatz entstand durch den Abriss des alten Gemeindeamtsgebäudes sowie durch den Abbruch eines Speisesaals. Die markante Engstelle zwischen Kulturhaus und Widum wird durch den Neubau etwas geweitet, die Torsituation am Ortseingang von Ködnitz bleibt aber bestehen. Das neue Kulturhaus ist um ein Stockwerk niedriger als der Vorgängerbau, wodurch der benachbarte Bestand besser zur Geltung kommt:



Das spätgotische Widum und der Ködnitzhof, ein Beispiel solider alpiner Tourismusarchitektur der 1930er Jahre. Das steile Satteldach des Neubaus sowie dessen präzise gesetzte Tür- und Fensteröffnungen nehmen Bezug auf das Widum, ohne sich ihm anzubiedern. Das Foyer des Kulturhauses liegt unter der Zugangsterrasse, darüber befinden sich der von der Straße aus barrierefrei begehbare Johann Stüdl Saal, die Praxisräume des Sprengelarztes sowie ein Tagesheimbereich (für Senioren und Pflegende). Der Veranstaltungssaal ist für über 300 Besucher ausgelegt, verfügt über einen erweiterbaren Bühnenbereich und kann durch eine mobile Trennwand unterteilt werden. Der Zugang zur Gaststube und den Zimmern des Ködnitzhofes erfolgt ebenfalls über die Terrasse. Im Dachraum verspricht ein neuer Wellnessbereich den Gästen des Ködnitzhofes Entspannung pur.

Neugestaltung Friedhof Kals mit Glocknergedenkstätte



„Dieser Platz ist eine Schnittstelle zwischen Berg und Tal, Religion und Alpinismus, Leben und Tod, zwischen meist selbstgewähltem Abenteuer und unfreiwilligem Ende. Ein Ort der Trauer und der Mystik, ein Ort der Erinnerung und Bilder.“ Dieses Zitat stammt vom beliebten Altbischof Reinhold Stecher, er hat ihn für die Glocknergedächtnisstätte 2009 geschrieben. Diese Gedächtnisstätte wurde mit Unterstützung und Hilfe des ÖAV gestaltet.

Im Zuge der notwendigen Errichtung von Urnengräbern und Neubau der Aufbahrungskapelle wurde auch diese Gedächtnisstätte von 2008-2009 neu und in einer zeitgemäßen Form gestaltet. Der liebevoll und überaus gut gepflegte Friedhof mit seinen Einrichtungen wird von vielen Kals-Besuchern besichtigt.