© KOMMUNAL/ Jürg Christandl

Kommunalwirtschaftsforum 2026

Hangwasser: Die am stärksten unterschätzte Naturgefahr in Österreich

Wie Gemeinden mit wenigen Schritten herausfinden, ob sie durch die Gefahr des Hangwassers bei Starkregen bedroht sind, erklärt ein Experte, der selbst Bürgermeister ist.

Nach einem großen Hochwasser denken viele: Jetzt ist lange nichts mehr. Genau diese Annahme ist aus Sicht von Dr. Michael Stur einer der Hauptgründe, warum Gemeinden bei Naturgefahren zu wenig vorsorgen. „Jetzt habe ich hundert Jahre Ruhe", diesen Satz hört der Bürgermeister von Weyregg in seinem Beruf als Bereichsleiter Naturgefahrenprävention beim Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung häufig. Statistisch ist er falsch. Ein sogenanntes hundertjährliches Ereignis hat in jedem einzelnen Jahr eine Eintrittswahrscheinlichkeit von einem Prozent. Es kann also auch zweimal hintereinander stattfinden.

Dazu kommt die Vergessenskurve. Historische Ereignisse sind nach zwei, drei Generationen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Gebaut wird dann an Orten, an denen früher niemand gebaut hätte. Stur nennt das Beispiel Falli Hölli in der Schweiz: Auf einem Hang, dessen Name schon eine Warnung war, entstanden vierzig Chalets. Dann rutschte der Hang ab und nahm die Siedlung mit. „Falli Hölli ist wirklich gefallen", sagte er trocken.

Die Adresse als erster Hinweis

Für Stur beginnt ein seriöses Naturgefahrenscreening deshalb mit einem ungewöhnlichen Schritt: dem genauen Lesen der Adresse. Flurnamen sind über Jahrhunderte gewachsen und enthalten oft präzise Hinweise darauf, was an diesem Ort passieren kann. „Au" verweist auf das Überschwemmungsgebiet eines Flusses. „Am Moos", „Ried" oder „Gmös" stehen historisch für sumpfige Wiesen. Ein Mühlweg oder eine Mühlau deutet auf frühere Wasserkraft hin und damit auf Gewässernähe. Ein Wasserbergweg spricht für sich selbst. In Salzburg gibt es einen Inselweg, dessen Siedlung bei einem Hochwasser tatsächlich für drei Tage zur Insel wurde.

„Das ist keine Raketenwissenschaft", so Stur. Jeder, der ein Grundstück prüfe oder eine Versicherung abschließe, könne diese Überlegung anstellen. Ergänzt wird der Blick auf den Namen durch die historische Recherche: Luftbilder, alte Chroniken, Gespräche mit älteren Einwohnern. Was war früher an diesem Ort? Wo gab es Überschwemmungen, Rutschungen, Muren?

HORA – das kostenlose Werkzeug für alle

Den nächsten Schritt bietet die Plattform HORA, die der Bund gratis zur Verfügung stellt. Die Abkürzung steht für Natural Hazard Overview and Risk Assessment Austria. Jede und jeder kann dort eine Adresse eingeben und sieht für den konkreten Standort unterschiedliche Gefahrenebenen: Hochwasser, Erdbeben, Rutschungen, Blitzdichte, Hagelhäufigkeit, Schneelasten, Sturm. Auch das sogenannte Restrisiko wird dargestellt, also jenes Szenario, das eintritt, wenn ein Schutzbauwerk überlastet ist. Ein dreihundertjährliches Hochwasser macht beispielsweise sichtbar, was passiert, wenn ein Damm versagt.

Stur hob hervor, dass die Plattform nicht nur für die Verwaltung, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger ein wertvolles Instrument sei. Wer sein Dach gegen Hagel rüsten wolle, könne über das integrierte Hagelregister vergleichen, welche Produkte welcher Widerstandsklasse entsprechen. Und das oft zu denselben Kosten wie weniger widerstandsfähige Varianten.

Wo die Gefahrenzonenpläne aufhören

Die klassischen Gefahrenzonenpläne der Wildbach- und Lawinenverbauung sowie der Bundeswasserbauverwaltung bilden ein Fundament, haben aber eine Lücke. Sie erfassen Gewässer und ihre Überschwemmungsbereiche, sie erfassen aber nicht das Wasser, das bei einem Starkregen über den Hang herunterläuft, ohne jemals einen Bach zu erreichen. Genau dieses sogenannte pluviale Hochwasser, auch Hangwasser genannt, ist nach Einschätzung Sturs die am stärksten unterschätzte Naturgefahr in Österreich.

Der Hintergrund ist ein klimatischer. Global hat sich die Durchschnittstemperatur seit dem vorindustriellen Zeitalter um rund ein Grad erhöht, in Österreich liegt die Erwärmung bei etwa drei Grad. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Die Folge: Die Jahresniederschlagsmenge bleibt in etwa gleich, aber sie verteilt sich anders. Weniger Regentage, dafür mehr Starkereignisse. Im Referenzzeitraum stiegen die extrem starken Niederschläge laut den von Stur gezeigten Daten um bis zu siebzehn Prozent.

Die Hangwasserhinweiskarte und ihre Grenzen

Oberösterreich hat darauf reagiert und eine Hangwasserhinweiskarte erstellt, die bei Widmungs- und Bauverfahren herangezogen werden muss. Sie basiert auf einer zweidimensionalen Abflusssimulation, die für das gesamte Bundesland berechnet wurde. In das Modell fließen Niederschlag, Einzugsgebiet, Oberflächenrauigkeit, Versickerungsverluste und das digitale Geländemodell ein. Das Ergebnis zeigt, wo sich Wasser sammelt und wie tief es stehen kann. Eine überarbeitete und präzisere Version soll laut Stur am 20. Mai veröffentlicht werden. Sie berücksichtigt zusätzlich Durchlässe und geologische Feinheiten.

Wichtig war dem Experten die Einordnung: Es handelt sich um eine Hinweiskarte, nicht um einen Gefahrenzonenplan. Sie macht sichtbar, wo ein Problem entstehen könnte. Die genaue Antwort, ob ein konkretes Gebäude betroffen ist und welche Maßnahmen nötig sind, liefert erst die Detailanalyse.

Der Blick auf das einzelne Haus

Für diesen Detailschritt hat das IBS ein Online-Werkzeug entwickelt, das bundesweit funktioniert. Auf Basis eines Bemessungsniederschlags, standardmäßig ein hundertjährliches Ereignis in dreißig Minuten Dauer, werden für jede Adresse mehrere Ebenen berechnet. Fließpfade zeigen, welchen Weg das Wasser über das Grundstück nehmen würde. Abflusstiefen geben an, wie hoch es am jeweiligen Punkt stehen kann. Fließgeschwindigkeiten machen sichtbar, wo das Wasser zusätzlich Material mitreißt. Eine eigene Risikoeinschätzung verortet die Gefahr auf der Gebäudekante und zeigt, an welcher Stelle Wasser ins Haus eintreten würde.

Ein Werkzeug im Werkzeug ist die Durchflussmessung. Nutzer ziehen auf der Karte eine Linie über ein Grundstück oder eine Straße, und das System berechnet, welche Wassermenge dort bei einem Starkregenereignis in dreißig Minuten ankommt. Bei einem Beispiel aus dem Workshop waren es 4,75 Kubikmeter pro Sekunde, also rund 4.700 Liter pro Sekunde auf einer Breite von knapp zwei Metern. Zahlen, die in einer Diskussion mit einem Bauwerber mehr Überzeugungskraft haben als ein allgemeiner Warnhinweis. „Wir visualisieren die Risiken, die wir einschätzen können", sagte Stur.

Bei Projekten, die besondere Detailgenauigkeit erfordern, setzt das Büro Laserscans ein, die eine Auflösung bis 25 Zentimeter ermöglichen. Damit lassen sich selbst feine Geländeunterschiede im Garten oder an der Hausseite bewerten.

Einfache Maßnahmen, große Wirkung

Ist die Gefährdung einmal erkannt, sind die Gegenmittel oft unspektakulär. Liegt die simulierte Abflusstiefe bei 23 Zentimetern, reicht es häufig, das Eingangsniveau oder die Fundamentplatte um 20 Zentimeter anzuheben. Kellerfensterschächte können höher gezogen, einzelne Kellerfenster durch Belüftungssysteme ersetzt werden. Für Türen und Fenster in stark gefährdeten Bereichen gibt es drucksichere Ausführungen, die einem vorgegebenen Wasserstau standhalten. Ein Rückstauschutz im Kanal verhindert, dass überlastete Leitungen das Abwasser zurück ins Gebäude drücken.

„Wenn im Keller Kinder spielen und es kommen siebzig Liter in zwanzig Minuten, habe ich ein Problem", formulierte Stur das Worst-Case-Szenario. Gerade für die Arbeit in Baubehörden und für das Gespräch mit Bauwerbern sei das Werkzeug hilfreich. Es verschiebt die Diskussion weg von einem „da war doch noch nie etwas" hin zu einer überprüfbaren Sachgrundlage.

Präsentiert in Krems

Dr. Michael Stur leitete den Workshop „Standortbezogenes Naturgefahrenscreening und Starkregenanalysen" beim Kommunalwirtschaftsforum 2026, das von 21. bis 23. April im Hotel Steigenberger in Krems stattfand. Die dreitägige Veranstaltung des Kommunalverlags brachte rund 200 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Amtsleitungen und Entscheidungsträger aus ganz Österreich zusammen. Stur verbindet die fachliche Perspektive mit eigener kommunaler Erfahrung. Er ist neben seiner Tätigkeit beim IBS auch Bürgermeister von Weyregg am Attersee.

Schlagwörter