Häuser mit PV-Anlagen
Energiegemeinschaften ermöglichen Organisation, Kooperation und langfristige Entwicklung in der Region.
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Energiegemeinschaft oder P2P?

Wenn Gemeinden zu Energiegestaltern

Bernhard Karnthaler, Geschäftsführer der Energie Zukunft Niederösterreich GmbH, erläutert, welche Rolle Gemeinden bei der lokalen Energiewende spielen, wie sich Energiegemeinschaften vom Peer-to-Peer-Modell unterscheiden und was Gemeinden jetzt in Angriff nehmen sollten.

Energiegemeinschaften haben sich vom Nischenmodell zur regionalen Realität entwickelt. Wie weit ist Niederösterreich auf diesem Weg, und welche Rolle übernehmen die Gemeinden dabei?

Bernhard Karnthaler: Niederösterreich ist österreichweit eines der dynamischsten Bundesländer beim Ausbau und Betrieb von Energiegemeinschaften. Heute sind bereits rund 100.000 Menschen in Energiegemeinschaften organisiert – mit steigender Tendenz. Viele Gemeinden haben erkannt: Die Energiewende wird nicht nur auf Bundesebene entschieden, sondern vor allem lokal umgesetzt. Gemeinden spielen dabei eine Schlüsselrolle – sie bringen Bürger, Betriebe und öffentliche Einrichtungen zusammen, schaffen Vertrauen und stellen Infrastruktur bereit. Gerade im ländlichen Raum entsteht so ein wesentlicher Mehrwert: Energie wird vor Ort erzeugt und genutzt, und ein großer Teil der Wertschöpfung bleibt in der Region.

 

Bernhard Karnthaler, Geschäftsführer der Energie Zukunft NÖ: „Die Energiewende wird nicht nur auf Bundesebene entschieden, sondern vor allem lokal umgesetzt.“

Welchen konkreten Nutzen ziehen Gemeinden aus einer Energiegemeinschaft, wirtschaftlich wie gesellschaftlich?

Der größte Mehrwert liegt im Gestaltungsspielraum und in der aktiven Einbindung der Bevölkerung. Gemeinden entwickeln sich von reinen Energieverbrauchern zu aktiven Gestaltern. Konkret bedeutet das:

  • stabilere und besser planbare Energiekosten – auch für kommunale Gebäude
  • direkte Vorteile für Bürger und Betriebe durch regional erzeugten Strom
  • höhere regionale Wertschöpfung, weil Investitionen vor Ort bleiben

Zusätzlich entstehen finanzielle Vorteile, da durch die lokale Nutzung von Strom Netzkosten reduziert werden können, weil weniger Netzebenen beansprucht werden. Darüber hinaus entstehen neue Kooperationen zwischen Gemeinden, Unternehmen und Bürgern. Energie wird damit auch zu einem Standortfaktor. Energiegemeinschaften bringen Energie, Wertschöpfung und Gestaltungsspielraum zurück in die Region.

Wie unterscheidet sich das Modell der Energiegemeinschaft vom Peer-to-Peer-Stromhandel, und was macht beide Ansätze jeweils attraktiv?

Eine Energiegemeinschaft ist eine organisierte, langfristige Struktur mit klaren Regeln, gemeinsamer Abrechnung und vielen Teilnehmern – meist auf Gemeinde- oder regionaler Ebene. Voraussetzung ist dabei eine gewisse räumliche Nähe, etwa im selben Netzbereich.

Der Vorteil: Viele Teilnehmer mit unterschiedlichem Verbrauchs- und Erzeugungsverhalten können gemeinsam regional erzeugten Strom optimal nutzen. Energiegemeinschaften sind zudem nicht gewinnorientiert. Peer-to-Peer (P2P) ist einfacher aufgebaut: Einzelne Teilnehmer können direkt Strom miteinander austauschen, ohne eine eigene Organisation gründen zu müssen. Der Austausch ist dabei auch überregional möglich und kann – im Gegensatz zur Energiegemeinschaft – auch gewinnorientiert erfolgen. P2P ist die flexible Direktlösung, während die Energiegemeinschaft ein strukturiertes regionales Modell darstellt.

Für wen eignet sich P2P, und ab wann ist die Energiegemeinschaft das bessere Modell?

P2P eignet sich vor allem für einfache Anwendungen: etwa innerhalb von Familien, zwischen Nachbarn oder für Unternehmen, die gezielt Strom austauschen möchten – auch über größere Distanzen hinweg. Sobald jedoch Gemeinden, öffentliche Gebäude oder eine größere Zahl an Teilnehmern eingebunden werden und Regionalität sowie Zusammenarbeit im Vordergrund stehen, bieten Energiegemeinschaften klare Vorteile. Sie ermöglichen Struktur, Skalierung, Versorgungssicherheit und die Integration kommunaler Infrastruktur.

Hat P2P das Potenzial, über einen niederschwelligen Einstieg hinauszuwachsen, oder bleibt es ein vereinfachtes Einzelmodell?

P2P wird vor allem einen niederschwelligen Einstieg ermöglichen. Es senkt die Hürden für erste Anwendungen und schafft zusätzliche Flexibilität.

Der zentrale Hebel für die Energiewende vor Ort bleibt jedoch die Energiegemeinschaft: Nur dort lassen sich größere regionale Strukturen aufbauen und die Energieversorgung langfristig organisieren.

Können P2P und Energiegemeinschaft langfristig nebeneinander bestehen, oder wird das eine Modell das andere ersetzen?

P2P wird eine sinnvolle Ergänzung sein, aber kein Ersatz. Energiegemeinschaften erfüllen eine strukturelle Rolle: Sie ermöglichen Organisation, Kooperation und langfristige Entwicklung in der Region. P2P bringt zusätzliche Flexibilität im Kleinen. Beide Modelle ergänzen sich – ersetzen einander aber nicht.

Welche Rolle spielen Vertrauen und Kommunikation für den Erfolg von Energiegemeinschaften in der Praxis?

Das ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren. Technisch funktionieren die Modelle – die Herausforderung liegt bei den Menschen. Dort, wo Gemeinden aktiv informieren, verständlich erklären und die Modelle greifbar machen, steigt die Beteiligung deutlich. Gemeinden genießen dabei großes Vertrauen und können als Vermittler auftreten. Energiewende funktioniert nur mit den Menschen – nicht über ihre Köpfe hinweg.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Gemeinden auf dem Weg zur eigenen Energiegemeinschaft?

Die größte Hürde ist aktuell die Komplexität. Gemeinden sehen sich mit mehreren Themen gleichzeitig konfrontiert – von der rechtlichen Struktur über die technische Umsetzung bis hin zu Datenmanagement, Verrechnung und der Abstimmung mit Netzbetreibern. Viele Gemeinden möchten starten, fühlen sich angesichts dieser Vielzahl an Anforderungen jedoch noch unsicher. Deshalb braucht es vor allem: einfachere Modelle, standardisierte Prozesse und verlässliche Umsetzungspartner.
Das Interesse ist da – entscheidend ist, dass der Einstieg in die Umsetzung einfacher wird.

Wie wird sich die Energieversorgung auf Gemeindeebene in den nächsten drei Jahren entwickeln, und was sollten Gemeinden jetzt in Angriff nehmen?

Die Systeme werden sich in den nächsten Jahren deutlich weiterentwickeln und stärker integrieren. Energiegemeinschaften bleiben die zentrale Struktur, werden aber zunehmend mit Speicherlösungen, intelligentem Lastmanagement und neuen Modellen wie P2P kombiniert. Zielbild sind lokale, intelligente Energiesysteme, die Erzeugung, Verbrauch und Speicherung optimal verbinden. 

Besonders profitieren werden jene Gemeinden, die früh beginnen, Energie strategisch mitzudenken – nicht nur als Infrastruktur, sondern als Teil ihrer Standort- und Zukunftsentwicklung. Das Ergebnis: mehr Unabhängigkeit, höhere regionale Wertschöpfung und eine stabilere Energieversorgung. 

Der Beitrag erschien in der NÖ Gemeinde 6/2026.

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