Stromspeicher
Öffentliche Trafos auf Ortsebene werden mit Speicher ergänzt. Sie können damit den Überschuss-Strom dort halten, wo er erzeugt wurde und einspeisen, wenn er gebraucht wird.

Der Schwarm – so wird jede Gemeinde zum Stromspeicher

Der Energiemanagement-Experte Christian Kirchweger berichtet im Interview, wie ein neues Speicher-Konzept Stromnetze entlasten und Mehrwert vor Ort schaffen soll.

Gemeinden werden zunehmend mit dem Thema Stromspeicher konfrontiert. Warum sind Speicher wichtig?

Christian Kirchweger: Die Ausbaugeschwindigkeiten zwischen Erneuerbaren, Stromnetzen und Batteriespeichern passen derzeit nicht zusammen. Die Netze und die Speicher konnten in den letzten Jahren die Geschwindigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren nicht mithalten. 

Erst, wenn wir eine Balance zwischen dem Ausbau der Erneuerbaren, dem Netzausbau und der verfügbaren Speicherkapazität schaffen, wird die Energiewende ein Erfolg – und jeder Einzelne kann von geringen Strom- und Systemkosten profitieren.

Christian Kirchweger, Head of Business Development bei electrify smart energy GmbH: „Aktiv gemananagte Speicher schaffen stabilere Preise und stabilere Netze.“

Wie groß ist in Österreich der Rückstand beim Speicherausbau?

Studien zeigen, dass wir im Jahr 2040 rund neun Gigawatt an Batterie-Speicherleistung benötigen. Nur zum Vergleich: das ist in etwa so viel, wie alle bestehenden Pumpspeicherkraftwerke in Österreich zusammen. Diese Wasserspeicher in den Alpen wurden in den vergangenen 100 Jahren gebaut und sind extrem wichtig für unser Energiesystem. 

In den nächsten 10 bis 15 Jahren müssen wir einen ähnlich großen Speicher schaffen, dieses Mal überwiegend im Osten des Landes. Hier sind Batteriespeicher gefragt, denn die Zeit drängt. Abgesehen von den fehlenden Bergen in Ostösterreich sind Batteriespeicher von der Umsetzungsgeschwindigkeit, den Errichtungskosten und der Akzeptanz vor Ort die beste Wahl.

Es braucht also einen Turbo für den Batteriespeicher-Ausbau?

Ja, einen Anreiz für Speicher, die das System entlasten. Das sind Speicher, die aktiv gemanagt werden und sowohl die Preisspitzen als auch die Negativpreise an der Strombörse reduzieren. Diese Speicher schaffen stabilere Preise und stabilere Netze. Sie tragen dazu bei, dass die bestehende Netzinfrastruktur effizienter ausgenutzt wird und auch der Ausbau der Erneuerbaren weiter funktioniert. Das bestehende Stromnetz hat noch enormes Potenzial.

Das notwendige Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) für den Speicherausbau wurde im Dezember 2025 beschlossen. Die Regulierungsbehörde e-Control muss nun per Verordnung noch die Rahmenbedingungen schaffen. Wenn das gelingt, startet mit 2027 der Speicherausbau auch in Österreich richtig.

Was ist das Besondere am neuen ElWG im Hinblick auf Batteriespeicher?

Zum Beispiel, dass Batterie- und Verteilnetzbetreiber in der Bewirtschaftung der Speicher besser zusammenarbeiten können. Der Netzbetreiber kann „flexible Netzzugänge“ vergeben. Das bedeutet, wenn das Netz belastet ist, gibt der Netzbetreiber „Hüllkurven“ vor, in deren Rahmen die Speicher betrieben werden. Das ist eine Win-Win-Win-Situation: Der Netzbetreiber bekommt mehr Planungssicherheit und mehr Kapazität im bestehenden Netz. Batteriebetreiber sollen rascher Netzzugang erhalten. Und für die Allgemeinheit sinken die Systemkosten, weil die Effizienz steigt. 

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Netz Niederösterreich beweisen wir, dass auch auf Ortsnetzebene viele verteilte Batterien – also sogenannte „Schwarmspeicher“ – systemdienlich sind und gewaltiges Potenzial haben.

Wie kann man sich einen „Schwarmspeicher“ in der Gemeinde vorstellen?

Direkt an öffentlichen Trafostationen installieren wir Batteriespeicher mit 200 bis 400 kW Leistung und verknüpfen hunderte Standorte zu einem virtuellen Großspeicher, der gebündelt an der Strombörse vermarktet wird. 

Der Schwarmspeicher nimmt überschüssigen PV-Strom von Haushalten und Gewerbe direkt dort auf, wo er erzeugt wird. Das entlastet das Stromnetz und erhöht die Effizienz, weil der Strom nicht in höhere Netzebenen transferiert werden muss. Anstatt z. B. vom Weinviertel nach Tirol in den Pumpspeicher zu wandern (und wieder retour) bleibt die Energie vor Ort. Der Strom wird wieder ins Netz eingespeist, wenn er benötigt wird und dementsprechend auch etwas wert ist. Wir sind also überzeugt: Ein Schwarmspeicher ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile!

Was hat nun die Gemeinde von „Schwarmspeichern“ auf Ortsebene? 

Indem wir Orts-Trafos mit Batteriespeicher ergänzen, erwarten wir positive Effekte auf die Netz-Sicherheit und gleichzeitig frei werdende Einspeisekapazitäten, weil die Mittagsspitzen weggespeichert werden. Das hilft beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren, weil dadurch mehr Photovoltaik im Netz untergebracht werden kann. 
Weiters kann die Gemeinde Zusatzerlöse aus der bestehenden Infrastruktur schaffen, indem sie sich an Speicherprojekten beteiligt oder die Flächen für Batteriespeicher in Trafo-Nähe verpachtet.  

Wie geht es nun konkret weiter?

Unsere Vision ist es, möglichst viele Trafos, verteilt über das ganze Land einzubinden. Alleine in Niederösterreich stehen über 15.000 öffentliche Trafos, und jedes Jahr werden 1.000 Stationen neu errichtet.
Unser erster Schwarm auf Gemeinde-Ebene wird über den Sommer in Wr. Neudorf und Wolkersdorf errichtet und hat rund 5 MWh Kapazität. Wir haben mit der Netz Niederösterreich einen sehr innovativen und verlässlichen Partner gefunden. Die e-Control wird im Herbst die Weichen stellen, wie umfangreich und wie schnell Schwarmspeicher entstehen können.

Der Beitrag erschien in der NÖ Gemeinde 6/2026.

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