Schülerinnen mit Tablets
Lernplattformen und Lern-Apps gehören heute ebenso zum Alltag wie das Bearbeiten und Abgeben von Aufgaben über das Internet.
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Zwischen Laptop und Tiktok

Der digitale Schul-Alltag

Digitale Geräte und Lernmittel ­prägen den Unterricht und eröffnen neue Chancen. Zugleich rücken die Schattenseiten des digitalen Inhalts­konsums in den Fokus. Wo Gemeinden ansetzen können.

Die Generation Z und die ihr folgende Generation Alpha gelten als „Digital Natives“. Gemeint sind die ersten Generationen, die von klein auf mit dem Internet, dem Smartphone und sozialen Netzwerken vertraut sind und eine Welt ohne ständige Erreichbarkeit gar nicht mehr kennen. 

Seit zwei Jahrzehnten wachsen Kinder auf diese Weise heran. In den Schulen vollzieht sich zeitgleich ein tiefgreifender Wandel, der bis heute andauert. Der analoge Overheadprojektor ist nach und nach dem multifunktionalen Beamer gewichen, statt der klassischen Kreidetafel, die vielerorts noch in Verwendung ist, hängt immer öfter ein digitales Whiteboard, und wo für die Generationen zuvor der Taschenrechner noch das Nonplusultra an Digitalisierung in der Schule war, gehören heute Laptops und Tablets zur Standard-Ausstattung.

Die Pandemie als Beschleuniger

Die Corona-Pandemie hat den digitalen Wandel zusätzlich beschleunigt. Das Distance-Learning, also der Unterricht auf Distanz, entstand binnen weniger Wochen, weil es plötzlich keine Alternative gab. Sich mit Lehrkräften und Mitschülern über Videokonferenzdienste wie Microsoft Teams auszutauschen, wurde zur Selbstverständlichkeit und ist es vielerorts geblieben. 

Lernplattformen und Lern-Apps gehören heute ebenso zum Alltag wie das Bearbeiten und Abgeben von Aufgaben über das Internet. Die Digitalisierung bringt dabei viele Vorteile und ist nicht zuletzt eine Notwendigkeit, um junge Menschen auf eine Lebenswelt vorzubereiten, die ihrerseits digital geprägt ist.

Chancen für Kinder mit Beeinträchtigung

Digitale Hilfsmittel können zudem inklusiv wirken. Moderne Tablets verfügen über Bedienungshilfen, die Kindern mit Beeinträchtigungen den Zugang zum Lernstoff überhaupt erst eröffnen. Texte werden vorgelesen, fremdsprachige Vorlagen automatisch übersetzt, Antworten lassen sich diktieren statt tippen, und Darstellung wie Bedienung passen sich an Seh- oder Bewegungseinschränkungen an. Was früher teure Spezialgeräte erforderte, steckt heute vielfach schon im Tablet. So bekommen Kinder, die sich bislang kaum mitteilen konnten, im wahrsten Sinne eine Stimme.

Wenn Netzwerkmedien süchtig machen

So hilfreich die Digitalisierung ist, sie hat auch ihre Schattenseiten. Sobald ein Kind Zugang zum Internet hat, ist es dem dortigen Angebot ausgesetzt – dem guten wie dem schlechten. Studien zeigen, dass Kinder deutlich mehr Zeit am Handy verbringen, als ihre Eltern vermuten und als es ihnen guttut. 

Besonders heikel sind die sozialen Medien, wie TikTok, Instagram, YouTube und Co. Nennen wir sie besser ­Netzwerkmedien, denn sozial ist an ihnen kaum etwas. Sie sind darauf ausgelegt, ihre Nutzer möglichst lange zu binden, und können mit endlosem Doomscrolling, dem rastlosen Weiterwischen durch immer neue Reize, und mit Beiträgen, die das Belohnungshormon Dopamin freisetzen, regelrecht süchtig machen. Falschmeldungen und gezielte Desinformation sind dabei für Kinder kaum zu erkennen – was im Übrigen leider auch für viele Erwachsene gilt.

Fehlende Kontrolle, fehlende Konsequenzen

All das trifft Kinder, lange bevor sie die nötige Medienkompetenz entwickeln konnten. Die ordnende Hand seriöser Redaktionen, die ihre Beiträge prüfen und die für ihre Inhalte auch geradestehen, fehlt in diesen Kanälen. Wer hier manipuliert, hat kaum Konsequenzen zu fürchten, weder die Plattformbetreiber noch die einzelnen Urheber. 

In der Zusammenschau zahlreicher Studien zeigt sich rasch, dass das eigentliche Problem bei den Netzwerkmedien liegt. Australien hat deshalb Ende 2025 als erstes Land der Welt den Zugang zu vielen dieser Plattformen für Jugendliche unter 16 Jahren untersagt. Eine im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Maßnahme kaum greift. Mehr als 85 Prozent der befragten Jugendlichen sind drei Monate später noch immer auf zumindest einer gesperrten Plattform aktiv, etwa über falsche Altersangaben.

Folgen für die psychische Gesundheit

Dass dieser Konsum Folgen hat, legen mehrere Untersuchungen nahe. Der US-Sozialpsychologe Jonathan Haidt führt die Zunahme von Angststörungen und Depressionen bei Jugendlichen auf die intensive Nutzung der Netzwerkmedien zurück, wobei Mädchen besonders betroffen seien. 

Andere Fachleute halten das für zu einseitig und verweisen auf schwächere Belege und weitere Ursachen wie die Pandemie. Unbestritten ist jedoch, dass intensive Nutzung viele Kinder unkonzentrierter und unsicherer macht. 

Wie groß der Effekt sein kann, zeigte zuletzt ein großangelegtes Experiment im deutschsprachigen Raum. Beim DOK1-Handyexperiment verzichteten mehr als 72.000 Jugendliche aus Österreich, Deutschland, Italien, der Schweiz und Liechtenstein drei Wochen lang freiwillig auf ihr Smartphone. Bei den rund 46.000 wissenschaftlich begleiteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, betreut vom Anton-Proksch-Institut und der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, gingen Schlafstörungen um mehr als 20 Prozent zurück, das psychische Wohlbefinden stieg um etwa 18 Prozent.

Handyverbote als Gegentrend

Welche Lehren lassen sich daraus ziehen, und braucht es deshalb weniger Digitalisierung? Tatsächlich gibt es einen Gegentrend. An vielen Schulen müssen Handys abgegeben oder abgeschaltet werden, in Österreich gilt seit Mai 2025 ein weitgehendes Verbot für die ersten acht Schulstufen. 

Die Antwort fällt dennoch differenziert aus. Die Digitalisierung ist im Kern etwas Gutes und der technologischen Entwicklung kann und soll man sich nicht entziehen. Es wäre verfehlt, sie zu negieren. Zugleich darf man sie nicht pauschal und unkritisch betrachten. Gerade in Zeiten der aufkommenden künstlichen Intelligenz gilt es zu unterscheiden, welche Schritte sinnvoll und welche problematisch sind, und sich dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen. Denn nicht die Geräte und Lernprogramme sind das Problem, sondern das, was über sie verbreitet wird und wie es Kinder aufnehmen.

Maßnahmen auf europäischer Ebene

Wirksame Maßnahmen gegen die negativen Effekte zu finden, gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Vieles davon wird auf nationaler, mehr noch auf supranationaler Ebene entschieden und lässt sich von einer ­einzelnen Gemeinde praktisch nicht beeinflussen. 

Das Europäische Parlament hat zuletzt mit großer Mehrheit einen Bericht über Online-Gefahren für Kinder angenommen und darin ein ­europaweites Mindestalter von 16 Jahren für den Zugang zu sozialen Medien, Videoplattformen und KI-Begleitern empfohlen, ab 13 Jahren mit Zustimmung der Eltern. Zugleich fordern die Abgeordneten ein Verbot besonders manipulativer Gestaltung, etwa von suchtförderndem Design oder bewusst irreführenden Benutzerführungen.

Sinkendes Vertrauen in die Demokratie

Wie sehr die Netzwerkmedien den Alltag prägen, zeigt sich auch daran, woher junge Menschen ihre Nachrichten beziehen. Laut dem aktuellen Reuters Digital News Report sind soziale Medien auch schon für die 18- bis 24-Jährigen in Österreich inzwischen die wichtigste Nachrichtenquelle, mit immensem Abstand vor dem Fernsehen. 

Das Interesse an Politik ist bei Jugendlichen zuletzt gestiegen, doch zugleich ist ihre Zufriedenheit mit der Demokratie deutlich gesunken. Waren 2020 noch rund 70 Prozent der jungen Menschen mit ihr zufrieden, sind es zuletzt nur noch etwa vier von zehn gewesen. Und eine Mehrheit hat das Gefühl, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird und sie kaum mitbestimmen können. 

Heikel ist das vor allem deshalb, weil bei einer Information, die in erster Linie über Netzwerkmedien läuft, auch im Politischen die Gefahr der Desinformation groß ist. Deren Algorithmen bevorzugen zugespitzte, aufwühlende und radikale Darstellungen, weil sie mehr Reaktionen auslösen, während die sachliche Einordnung untergeht. Politische Bildung wieder stärker offline und im echten Leben zu verankern, erfordert daher bewusste Anstrengung. Genau hier kommen Schule und Gemeinde ins Spiel.

Die Rolle von Schule und Gemeinde

Was also kann die örtliche Schule im Kleinen bewirken? Sie kann Medienkompetenz vermitteln und Kinder befähigen, Meldungen einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Sie kann die Wirkung der unmittelbaren Begegnung nutzen, also das, was entsteht, wenn Wissen von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Sie kann deutlich machen, wie verlässlich gut recherchierte, redaktionell geprüfte Quellen im Vergleich zum Rauschen der Netzwerkmedien sind. Und sie kann über Praxisbeispiele und Formate zum Mitmachen den Lernstoff erlebbar und anwendbar machen. Es ist daher keineswegs altmodisch, Kindern Wissen über Bücher, im Gespräch und in der Gemeinschaft sowie durch eigenes Tun zu vermitteln. Im Gegenteil: Gerade was Kinder selbst erleben und begreifen, bleibt ihnen lange in Erinnerung.

Ein Kinderbürgermeister für Alland

Ein gutes Beispiel dafür ist die Aktionswoche Kommunale Bildung des Österreichischen Gemeindebundes, die kürzlich in der Volksschule Alland in Niederösterreich vorgestellt wurde. Sie wird seit 2021 mit Unterstützung des Bildungsministeriums angeboten und macht demokratische Abläufe für Volksschulkinder begreifbar, vom eigens gestalteten Kinderbuch bis zur Wahl einer Kinderbürgermeisterin oder eines Kinderbürgermeisters. 

Die Resonanz ist groß: Allein heuer wurden bereits mehr als 17.700 Exemplare des Buches an Gemeinden und Schulen versandt, insgesamt sind es über 200.000. Für Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl liegt der Wert auf der Hand, ist die Gemeinde doch jener Ort, „an dem Kinder am unmittelbarsten erleben können, wie Politik funktioniert“. Sie sei, so Pressl, „das erste Klassenzimmer der Demokratie“. 

Gemeindebundpräsident Johannes Pressl, Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die niederösterreichische Bildungslandesrätin Christiane Tesch-Hofmeister
Gemeindebundpräsident Johannes Pressl, Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die niederösterreichische Bildungslandesrätin Christiane Tesch-Hofmeister besuchten in der Aktionswoche Kommunale Bildung die Volksschule in Alland.

Dass dieser frühe Zugang an Bedeutung gewinnt, zeigt auch der Plan, die Demokratiebildung ab dem Schuljahr 2027/28 über alle Schulstufen hinweg zu verankern. Bildungsminister Christoph Wiederkehr betont, Demokratiebildung beginne „nicht erst im Unterricht über politische Systeme, sondern dort, wo Kinder ihr unmittelbares Lebensumfeld verstehen und mitgestalten können“.

Ein gesunder Mix ist gefragt

Am Ende steht die Erkenntnis, dass es einen gesunden Mix braucht, der auf die Kinder und ihre altersgerechte Entwicklung Rücksicht nimmt. Die Digitalisierung der Schule ist grundsätzlich zu begrüßen. Die negativen Folgen eines unkontrollierten Medienkonsums hingegen müssen weit ernster genommen und so rasch wie möglich zurückgedrängt werden. 

An den großen Stellschrauben kann eine einzelne Gemeinde wenig drehen, im Kleinen aber kann sie viel bewirken, indem sie Kindern echte Erfahrungen jenseits des Bildschirms ermöglicht. Sie kann ihnen zeigen, dass Mitgestaltung möglich ist und dass hinter Entscheidungen Menschen stehen, die man kennt. Denn, wie es Niederösterreichs Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister formuliert: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss gelernt, erlebt und gelebt werden.“
 

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