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2050 wird in 1.785 Gemeinden weniger als ein Fünftel der Einwohner jünger als 20 sein, in 676 Gemeinden nicht einmal ein Sechstel.
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Überalterung

Wenn die Kinder ausbleiben, schließt zuerst die Schule

2025 starben in sieben von neun Bundesländern mehr Menschen, als geboren wurden. Was in der Bundesstatistik als Durchschnitt erscheint, zerfällt auf Gemeindeebene in zwei Österreichs: eines, das wächst, und eines, das altert. Für das zweite reichen die bisherigen Rezepte nicht.

Der Durchschnitt ist der natürliche Feind der Kommunalpolitik. 20,7 Prozent der Menschen in Österreich sind älter als 64 Jahre. In Eisenerz sind es 42 Prozent, in Mitterndorf an der Fischa 12,8 Prozent („profil“, 3.10.2026, S. 22). Beide Gemeinden haben gut 3.000 Einwohner. Mit dem österreichischen Durchschnitt hat keine von beiden etwas zu tun und doch werden beide nach denselben Regeln finanziert.

Sieben von neun

Die Geburtenbilanz 2025 zeichnet die Spaltung bereits auf Länderebene. Am stärksten überwogen die Sterbefälle in Niederösterreich mit minus 5.469, in der Steiermark mit minus 3.824 und in Kärnten mit minus 2.270. Es folgen das Burgenland (minus 1.694), Oberösterreich (minus 1.148), Tirol (minus 184) und, knapp, Salzburg (minus 8).

Weniger Kinder

Mehr Geburten als Sterbefälle verzeichneten nur Wien (plus 2.563) und Vorarlberg (plus 199) (Statistik Austria, Geburtenbilanz 2025, 22.5.2026). Dass die Einwohnerzahl trotzdem fast überall leicht stieg, liegt an der Zuwanderung. Kärnten und das Burgenland hatten Ende 2025 dennoch weniger Einwohner als ein Jahr zuvor (Statistik Austria, 29.6.2026).

Die Landkarte der Überalterung

Wie sich das auf Gemeindeebene fortsetzt, zeigt ­erstmals die Datenauswertung von „profil“ und APA. Im Jahr 2050 wird demnach in 1.877 der rund 2.100 österreichischen Gemeinden mehr als ein Viertel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. 

In 536 Gemeinden wird es mehr als ein Drittel sein. In 19 Gemeinden werden die Menschen im Pensionsalter zur größten Altersgruppe, in Schandorf im Südburgenland bereits 2029, in Eisenerz 2033, in Mallnitz 2037 und in Raabs an der Thaya 2044 („profil“, 3.10.2026, S. 21 und 23).

Das Gegenstück ist die schrumpfende ­Jugend. 2050 wird in 1.785 Gemeinden weniger als ein Fünftel der Einwohner jünger als 20 sein, in 676 Gemeinden nicht einmal ein Sechstel. In Namlos in Tirol oder Mitterbach am Erlaufsee werden es laut Prognose weniger als zehn Prozent sein („profil“, 3.10.2026, S. 22 und 27). Damit ist die Überschrift dieses Beitrags keine Metapher mehr. Eine Volksschule braucht Kinder und zwar jedes Jahr wieder.

Eine methodische Einschränkung gehört dazu: Für die Gemeindewerte 2050 wurde angenommen, dass sich jede Gemeinde proportional zur Prognose ihres Bezirks entwickelt („profil“, 3.10.2026, Quellenvermerk zur Infografik S. 22 und 24). Es handelt sich also um eine Modellrechnung, nicht um eine Prognose für jede einzelne Gemeinde.

Das Muster ist dennoch eindeutig. Es betrifft den Gürtel entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs vom Waldviertel über das Weinviertel bis ins Burgenland und die „innere Peripherie“ im Alpenraum („profil“, 3.10.2026, S. 21).
Warum gerade dort? 

Stephan Marik-Lebeck, Leiter der Bereiche Demografie und Gesundheit bei Statistik Austria, nennt einen erstaunlich banalen Faktor: „Die Verkehrsanbindung ist letztlich ausschlaggebend. Gut angebundene Gebiete altern weniger.“ Jünger bleiben die Westachse Wien–Salzburg, der touristisch starke Westen und die Achse Wien–Graz. Und: „Abwanderung und Überalterung hängen stark zusammen“, denn „junge Leute ziehen für die Ausbildung in die Zentren und bekommen auch ihre Kinder nicht mehr am Land“ („profil“, 3.10.2026, S. 21 f.). Demografie ist am Land also auch eine Frage des Fahrplans.

Das Dreifachproblem

Was alternde Gemeinden trifft, ist ein Problem in drei Dimensionen, und alle drei wirken gleichzeitig. 

  • Erstens sinken die Einnahmen. Die Ertragsanteile der Gemeinden werden nach dem Finanzausgleichsgesetz 2024 überwiegend nach dem abgestuften Bevölkerungsschlüssel verteilt. Weniger Einwohner bedeuten weniger Geld aus den gemeinschaftlichen Bundesabgaben. Wie alt diese Einwohner sind und was sie an Leistungen brauchen, spielt dabei keine Rolle.
     
  • Zweitens sinken die Kosten nicht im selben Tempo. Kanal, Wasserleitung, Straßen, Amtsgebäude und Kindergarten sind für eine bestimmte Bevölkerung gebaut und sie kosten weiter, auch wenn sie weniger genutzt werden. 
    Karoline Mitterer, Expertin für Föderalismus und öffentliche Finanzen beim KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung, bringt es auf den Punkt: „Wenn ich als Gemeinde wachse, muss ich zusätzliche Infrastruktur zur Verfügung stellen“, sagt sie, „und wenn ich schrumpfe, muss ich die bestehende Infrastruktur auf immer weniger Köpfe aufteilen“ („profil“, 3.10.2026, S. 26). Dazu kommen steigende Beiträge zu Pflege und Sozialhilfe, die die Gemeinden über Umlagen an Länder und Sozialhilfeverbände mitfinanzieren.
     
  • Drittens schrumpft das Personal. Für Kärnten und das Burgenland prognostiziert das AMS bei der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter die stärksten Rückgänge aller Bundesländer: minus 17,3 beziehungsweise minus 15,1 Prozent (AMS, Spezialthema 03/2026 „Demografischer Wandel in der österreichischen (Erwerbs-)Bevölkerung“, April 2026). 

Laut profil ist Wien das einzige Bundesland, in dem die Zahl der Erwerbspersonen bis 2050 steigt, den übrigen acht fehlen bis dahin rund 287.000 Arbeitskräfte („profil“, 3.10.2026, S. 23). Gemeindeamt, Bauhof, Kindergarten und Freiwillige Feuerwehr konkurrieren um dieselben, immer weniger werdenden Menschen. Der Eisenerzer Bürgermeister Thomas Rauninger (ÖVP) formuliert es so: „Es gibt fast keine Sparte mehr, in der wir nicht händeringend nach Personal suchen“ („profil“, 3.10.2026, S. 22).

Was den Gemeinden fehlt, sagen sie selbst

Wo die Lücken konkret liegen, hat der Österreichische Gemeindebund Anfang 2026 erhoben. Von 249 Gemeinden, die geantwortet haben, nannten mehr als zwei Drittel fehlende Kurzzeit- oder Übergangspflege. Mehr als die Hälfte vermisst alternative Wohnformen, etwa für ältere Menschen, die allein in abgelegenen Einfamilienhäusern leben (Österreichischer Gemeindebund, Umfrage 2026, zit. n. „profil“, 3.10.2026, S. 21).

Wo diese Angebote fehlen, entsteht eine zweite Wanderung, die in keiner Bevölkerungsprognose als eigene Kategorie aufscheint: Ältere ziehen in die Bezirkshauptstädte, wo Pflegeeinrichtungen und Ärzte konzentriert sind („profil“, 3.10.2026, S. 24). Die Jungen gehen zur Ausbildung, die Alten zur Pflege. Übrig bleibt das Einfamilienhaus.

Wenn der Greißler zusperrt

Sichtbar wird der Wandel zuerst an den Orten, an denen sich ein Dorf trifft. Bereits jede fünfte Gemeinde hat keinen Lebensmittelnahversorger mehr. Rund 420.000 Menschen leben in Gemeinden ohne Lebensmittelgeschäft (KMU Forschung Austria, zit. n. „profil“, 3.10.2026, S. 21). 

Statt 16.000 Gastwirten vor 40 Jahren gibt es heute noch rund 6.500 („profil“, 3.10.2026, S. 21). Mit dem Wirtshaus und dem Greißler verschwinden, wie „profil“ es nennt, die „dritten Orte“, an denen Menschen einander außerhalb von Arbeit und Wohnung begegnen („profil“, 3.10.2026, S. 21). Für eine alternde Bevölkerung, die weniger mobil ist, sind sie keine Nostalgie. Sie sind Daseinsvorsorge.

Wer geht, kommt selten zurück. Außer in Pension

Es gibt allerdings auch eine Gegenbewegung, und sie wird unterschätzt. Zwischen 60 und 75 Jahren ziehen Menschen vermehrt aufs Land, in die Häuser ihrer Kindheit oder in ihre Zweitwohnsitze. „Frisch pensionierte Personen haben oft relativ viel Geld und interessieren sich für Freizeitangebote, Wellness und Dienstleistungen“, sagt Marik-Lebeck. „Pensionierte können eine Region auch beleben“ („profil“, 3.10.2026, S. 23). 

Eine Gemeinde, die sich als guter Ort zum Altwerden positioniert, gewinnt Kaufkraft und schafft Arbeitsplätze in Pflege und Dienstleistung.

Und noch ein Standortvorteil wird selten genannt: In Gemeinden mit einem hohen Anteil Älterer sind die Immobilienpreise in der Regel niedrig („profil“, 3.10.2026, S. 27). Wer das nutzt, um gezielt leistbaren Wohnraum für junge Einheimische zu schaffen, betreibt Demografiepolitik mit kommunalen Mitteln. In Mitterndorf an der Fischa, einer der jüngsten Gemeinden des Landes, nennt Bürgermeister Thomas Jechne (SPÖ) das schlicht „aktive Bodenpolitik“ („profil“, 3.10.2026, S. 27).

Zuwanderung kommt woanders an

Bleibt die Zuwanderung, die Österreichs Bevölkerung insgesamt noch wachsen lässt. Für die alternden Gemeinden ist sie nur ein schwacher Trost. Zugewandert wird fast nur in die großen Städte, in die überalterten Regionen ziehen die allerwenigsten („profil“, 3.10.2026, S. 23). Der gesamtösterreichische Wanderungssaldo verdeckt damit, dass er kaum dort ankommt, wo das Geburtendefizit am größten ist. Und wo Zuzug stattfindet, ist er noch keine Integration in den Ort: Wer zuzieht, ist noch lange kein Teil von Vereinsleben, Feuerwehr und Gemeinderat.

Was Gemeinden tun können

Auf der lokalen Ebene heißt die Aufgabe, Infrastruktur aktiv anzupassen, statt sie passiv verfallen zu lassen. Das bedeutet, Schul- und Kindergartenstandorte vorausschauend zu planen, Nahversorgung und Treffpunkte als kommunale Aufgabe zu begreifen, Kurzzeitpflege und betreute Wohnformen im Ort zu ermöglichen und Wohnraum für junge Familien zu schaffen, nicht nur für Pensionisten.

Auf der regionalen Ebene ist freiwillige interkommunale Zusammenarbeit kein Imageverlust, sondern Voraussetzung. Eine gemeinsam betriebene Kurzzeitpflege, ein gemeinsamer Bauhof oder ein abgestimmtes Schulangebot halten die Qualität, ohne dass eine Gemeinde ihre Eigenständigkeit aufgeben muss.

Auf der bundesstaatlichen Ebene schließlich müssen die Gemeinden einfordern, dass der Finanzausgleich die demografische Realität abbildet. Mitterer stellt die Frage, der die Politik bisher ausweicht: „Die Frage ist, wie man die knappen finanziellen Mittel zwischen ländlichen und städtischen Regionen aufteilen soll, wenn die Bevölkerung zunehmend in die Städte zieht“ („profil“, 3.10.2026, S. 21). 

Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass es Antworten gibt. Dort erhalten laut „profil“ sowohl wachsende als auch schrumpfende Gemeinden mehr Geld („profil“, 3.10.2026, S. 26). Der Finanzausgleich zwischen Bund und Kantonen kennt zudem einen eigenen soziodemografischen Lastenausgleich (Eidgenössische Finanzverwaltung, Neugestaltung des Finanzausgleichs NFA). Das geltende Finanzausgleichsgesetz läuft bis Ende 2028. Die Verhandlungen über den nächsten Finanzausgleich sind die Gelegenheit, Lasten mitzuzählen und nicht nur Köpfe.

Der demografische Wandel ist keine Welle, die gleichmäßig über das Land rollt. Er trifft einige hundert Gemeinden mit voller Wucht, andere kaum. Ein Finanzausgleich, der nur Einwohner zählt, bestraft genau jene, die die größte Last tragen. Das zu ändern, ist keine Frage der Fairness allein. Es ist die Voraussetzung dafür, dass der Staat am Land weiter funktioniert. 

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