Ernst Schöpf
„Wenn keine Wahl mehr ist, ist, wenn man’s zu Ende denkt, wohl auch keine Demokratie mehr.“ Ernst Schöpf nach den Tiroler Gemeinderatswahlen 2016, als in mehr als 100 Tiroler Gemeinden nur mehr ein Kandidat antrat.

Ernst Schöpf: Abschied nach vierzig Jahren Bohren harter Bretter

Am 1. April 1986 wurde Ernst Schöpf mit 25 Jahren Bürgermeister von Sölden, am 1. September 2026 hat er das Amt übergeben. Dazwischen liegen vierzig Jahre, in denen aus einem Ötztaler Bergdorf eine Weltmarke des alpinen Tourismus wurde, und eine Karriere, die zeigt, was Gemeindepolitik leisten kann, wenn man sie ernst nimmt. Eine Würdigung ohne Weichzeichner.

Österreich diskutiert gern über Amtszeitbegrenzungen. Frische Köpfe, neue Ideen, keine Erbhöfe. Das klingt vernünftig, bis man nach Sölden schaut. Dort hat ein Mann vier Jahrzehnte lang dieselbe Gemeinde geführt und am Ende war die Gemeinde nicht müde, sondern stärker als je zuvor. Ernst Schöpf ist, bei allem Respekt vor dem demokratischen Wechsel, das beste Argument dafür, dass Erfahrung in der Kommunalpolitik kein Makel ist, sondern Kapital.

Als der junge Betriebswirt am 1. April 1986 zum Bürgermeister gewählt wurde, war er 25 Jahre alt und damit der jüngste Bürgermeister Österreichs. Kommunalpolitische Erfahrung brachte er keine mit. Das Datum hätte zu Scherzen eingeladen. Vierzig Jahre später ist daraus eine der längsten Amtszeiten der Republik geworden.

Infrastruktur für eine Kleinstadt, Budget für ein Dorf

Um zu verstehen, was dieses Amt bedeutet, muss man sich die Dimensionen vor Augen führen. Sölden ist mit 467 Quadratkilometern die flächengrößte Gemeinde Österreichs, größer als Wien. Rund 3.100 Menschen leben hier. Dazu kommen etwa 17.500 Gästebetten, rund 2,5 Millionen Nächtigungen im Jahr und etwa 3.000 Saisonarbeitskräfte. An Spitzentagen sind bis zu 16.000 Gäste am Berg.

Wasserversorgung, Abwasser, Straßen, Verkehr: All das muss für ein Vielfaches der Wohnbevölkerung funktionieren. Der Finanzausgleich aber zählt Hauptwohnsitze, nicht Gäste. Wer eine Tourismusgemeinde dieser Größenordnung führt, betreibt Infrastruktur für eine Kleinstadt mit den strukturellen Voraussetzungen eines Dorfes. Dass Sölden diesen Spagat schafft, ist kein Naturereignis, sondern Ergebnis politischer Steuerung.

Steuern statt wachsen lassen

Gerade hier liegt Schöpfs eigentliche Leistung. Sölden hätte den bequemen Weg gehen können: mehr Betten, mehr Beton, mehr Umsatz. Stattdessen setzte die Gemeinde früh auf eine Bettenobergrenze und auf Qualität statt Masse. Die Bergbahnen errichten Wohnraum für ihre Mitarbeitenden, seit 2024 regelt ein Parkraumkonzept den Verkehr, Busse fahren im Halbstundentakt durch das Tal, die Ötztal Card macht den Umstieg attraktiv. Zur Besucherlenkung führte die Gemeinde eine alkoholfreie Zone im öffentlichen Raum ein, abgestimmt mit Gastronomie und Bevölkerung.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Während anderswo über Overtourism geklagt wird, spricht Schöpf von drei, vier Spitzentagen im Jahr, an denen Sölden tatsächlich an seine Grenzen stößt. Den Rest des Jahres funktioniert das System. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Resultat jahrzehntelanger Detailarbeit.

Dabei hat Schöpf nie vergessen, dass eine Tourismusdestination auch ein Dorf bleiben muss. „Wir haben ein sehr ausgeprägtes Dorf- und Vereinsleben, von der Blasmusik bis zum Theaterverein“, sagte er zuletzt im Podcast des Gemeindebundes. Der Ötztaler Dialekt ist als immaterielles österreichisches Kulturerbe anerkannt. 

Und die offenen Baustellen benennt er ohne Beschönigung: Nur rund ein Prozent der Gemeindefläche ist überhaupt bebaubar, leistbarer Wohnraum für Einheimische bleibt knapp, Betriebsnachfolgen sind schwierig. Die Antwort auf die nächste Frage, die Energie, ist bereits skizziert: Das Gletscherskigebiet soll bis 2035 energieautonom werden, Photovoltaik wie die Helioplant-Anlage am Tiefenbachgletscher zeigt die Richtung.

Zur Wahrheit über vierzig Jahre gehören auch die schwersten Stunden. 2005 stürzte ein Betonkübel von einem Hubschrauber auf eine Gondel, neun Menschen starben. Ein Bürgermeister trägt solche Tage mit, lange nachdem die Kameras abgezogen sind.

Die Stimme der Tiroler Gemeinden

Schöpfs Wirkung reichte weit über das Ötztal hinaus. Von 1994 bis 2003 saß er im Tiroler Landtag und leitete dort den Tourismus- und den Finanzausschuss. 2004 wurde er Vizepräsident des Tiroler Gemeindeverbandes, im Juni 2009 übernahm er die Präsidentschaft von Hubert Rauch. Im Österreichischen Gemeindebund war er Vorsitzender des Finanzausschusses und damit einer jener Köpfe, die bei Finanzausgleichsverhandlungen über Zahlen reden konnten, nicht bloß über Befindlichkeiten.

Die Bilanz dieser Jahre kann sich sehen lassen: das Modell „Kinderbetreuung neu“ ab 2010, der 58. Österreichische Gemeindetag 2011 in Kitzbühel, die Klärung des jahrzehntelangen Streits um die Substanzerträge der Gemeindegutsagrargemeinschaften, bei dem die Gemeinden vor dem Verfassungsgerichtshof recht bekamen. Schöpf forderte, dass Gemeinden beim Grunderwerb für sozialen Wohnbau den Landwirten gleichgestellt werden, er verlangte beim Sozialbudget einen Aufteilungsschlüssel von 70:30 zwischen Land und Gemeinden und er plädierte in KOMMUNAL für klare Spielregeln bei Airbnb und Co.

Seine Sprache war dabei stets die eines Praktikers. „Schnellschüsse sind in diesem Bereich nicht hilfreich“, mahnte er 2018 beim Bürgermeistertag in Innsbruck. Und nach den Tiroler Gemeinderatswahlen 2016, als es in über hundert Gemeinden nur einen einzigen Bürgermeisterkandidaten gab, formulierte er einen Satz, der bis heute gilt: „Wenn keine Wahl mehr ist, ist, wenn man’s zu Ende denkt, wohl auch keine Demokratie mehr.“

Die GemNova und der Preis der Verantwortung

Eine ehrliche Würdigung verschweigt nicht, was schiefging. Die 2010 unter Schöpfs Präsidentschaft gegründete GemNova sollte Gemeinden Dienstleistungen aus einer Hand bieten. Die Idee war richtig: Kleine Gemeinden können nicht jede Fachkompetenz selbst vorhalten, Bündelung ist die logische Antwort. Die Umsetzung aber scheiterte. 2023 schlitterte die Gesellschaft in die Insolvenz.

Schöpf trat im September 2023 als Verbandspräsident zurück. Das ist in Österreich seltener, als es sein sollte. Sein Nachfolger Karl-Josef Schubert fand bei der Amtsübergabe den richtigen Ton: „Ich verneige mich vor dem politischen Lebenswerk von Ernst Schöpf“, abseits der GemNova. 

Die Monate nach dem September 2023 waren bitter. Der Verband brachte 2024 eine Schadenersatzklage ein, Schöpf trat im August 2024 enttäuscht aus der ÖVP aus, sie sei „nicht mehr meine Gesinnungsgemeinschaft“. Nach einem Vergleich mit dem Masseverwalter im September 2025 wurde die Zivilklage zurückgezogen.

Die Sölderinnen und Sölder haben ihr eigenes Urteil gefällt: Ihr Bürgermeister blieb im Amt, getragen von einem Vertrauen, das über Jahrzehnte gewachsen war und eine Krise überstand.

Abgang mit Stil

Wie man geht, sagt viel darüber, wie man regiert hat. Schöpf kündigte seinen Rückzug Ende April beim Frühjahrskonzert der Musikkapelle an, nicht in einer Pressekonferenz. „Mein Entschluss stand schon länger fest“, sagte er und meinte mit dem ihm eigenen trockenen Humor: „Die biologische Uhr tickt auch bei mir.“ Den Rechnungsabschluss 2025 brachte er noch selbst über die Bühne. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: So konnte der Gemeinderat einen Nachfolger bestimmen, ohne dass es vor der regulären Wahl im März 2028 einer Neuwahl bedurfte.

Am 17. September 2026 wurden der 28-jährige Maximilian Riml als Bürgermeister und Bernhard Gamper als Vizebürgermeister von Bezirkshauptfrau Eva Loidhold angelobt. Ein Bürgermeister, der mit 25 begonnen hat, übergibt an einen, der kaum älter ist: Darin liegt eine gewisse Poesie und vielleicht auch eine Botschaft.

Was bleibt. Max Weber hat Politik als „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ beschrieben. Selten passt dieser Satz so genau wie auf Ernst Schöpf. Vierzig Jahre Sölden bedeuten vierzig Budgets, unzählige Gemeinderatssitzungen, Verhandlungen mit Land und Bund, Bergbahnen und Grundbesitzern und die tägliche Verantwortung für eine Gemeinde, die im Winter zur Großstadt wird.

Man kann über einzelne Entscheidungen streiten, auch über die GemNova. Über das Gesamtwerk nicht. Ernst Schöpf hat bewiesen, dass eine Gemeinde nicht bloß verwaltet, sondern gestaltet werden kann und dass die Kommunalpolitik in Österreich Persönlichkeiten braucht, die länger denken als bis zur nächsten Wahl. Sölden verliert mit Schöpf einen Bürgermeister, Österreichs Gemeinden eine ihrer profiliertesten Stimmen. 

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