Tweng
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Kommentar

Die bonitätsstärkste Gemeinde Österreichs?

Das KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung hat die 250 bonitätsstärksten Gemeinden Österreichs gekürt, an der Spitze steht erstmals das Lungauer Tweng. Wer genauer hinsieht, erkennt: Das Ranking misst weniger die Kunst der Haushaltsführung als Höhenlage, Tourismus und Landespolitik. Es ist damit vor allem ein Zeugnis für den Finanzausgleich.

Österreich hat eine neue Musterschülerin. Sie heißt Tweng, liegt im Lungau, zählt 242 Einwohnerinnen und Einwohner und belegt im Bonitätsranking 2026 des KDZ erstmals Platz eins unter 2.092 Gemeinden. Herzliche Gratulation. Bleibt nur die Frage, was Tweng da eigentlich gewonnen hat.

Die Antwort liegt am Radstädter Tauernpass. Der Skiort Obertauern teilt sich auf zwei Gemeinden auf, und mehr als die Hälfte der Twengerinnen und Twenger lebt im Twenger Teil. Die Statistik des Landes Salzburg weist für Tweng 3.564 Gästebetten im Winter aus, also fast 15 Betten je Einwohner. Im Tourismusjahr 2024/25 kamen 413.981 Nächtigungen zusammen, rund 1.680 pro Kopf. 168 Menschen pendeln zur Arbeit in die Gemeinde ein, nur 36 pendeln aus. Wer die Wirtschaftskraft eines Wintersportorts durch 242 Köpfe dividiert, erhält Kennzahlen, von denen manche Bezirkshauptstadt nur träumen kann.

Das ist kein Vorwurf an Tweng. Die Gemeinde hat ihre Lage gut genutzt, und das verdient Respekt. Es ist aber ein Hinweis darauf, was ein Bonitätsranking misst. Und vor allem, was nicht.

Der Nenner entscheidet

Pro-Kopf-Kennzahlen sind ein faires Instrument, solange der Nenner halbwegs zur Wirklichkeit passt. In Tourismusgemeinden tut er das nicht. Die Infrastruktur ist für Tausende Gäste gebaut, die Wirtschaftskraft kommt von Tausenden Gästen, gezählt werden aber nur die Hauptwohnsitze.

Bei Kleinstgemeinden kommt ein zweiter Effekt dazu. Ein einziger Betrieb, ein Grundstücksverkauf, eine verschobene Investition, und die Gemeinde springt um Hunderte Plätze. Die KDZ-Daten zeigen das deutlich: Von den Gemeinden bis 500 Einwohner landen 14 Prozent im besten Zehntel des Rankings, aber 23 Prozent im schlechtesten. Zu erwarten wären jeweils zehn. Wer an beiden Enden einer Rangliste überrepräsentiert ist, dem bescheinigt die Statistik vor allem eines: Schwankung. Über die Qualität der Arbeit im Gemeindeamt sagt das wenig.

Die Postleitzahl als Bonitätsfaktor

Noch aufschlussreicher ist die Landkarte. 46 Prozent der Salzburger Gemeinden landen im obersten Fünftel des Rankings, in Vorarlberg sind es gerade acht Prozent. Dort liegt rund ein Drittel der Gemeinden im untersten Fünftel, in der Steiermark sind es 30 Prozent. Haben Salzburgs Bürgermeisterinnen und Bürgermeister also ein besonderes Talent für Budgets? Wohl kaum.

Das KDZ nennt die Ursachen selbst: Wirtschaftskraft, Ertragsanteile, Bevölkerungsentwicklung und die Transferpolitik der Länder. Allein bei Krankenanstalten-, Landes- und Sozialhilfeumlage liegen die Länder weit auseinander. Wo das KDZ Zahlen nennt, reicht die Spanne von 474 Euro je Einwohner in der Steiermark bis 841 Euro in Oberösterreich. Vorarlbergs Gemeinden finanzieren zudem deutlich mehr öffentliche Aufgaben mit, vom öffentlichen Verkehr abwärts. Wer im Bregenzerwald ein Gemeindebudget erstellt, startet mit einem anderen Rucksack als die Kollegin im Pongau.

Natürlich zählt auch gutes Management, das KDZ führt es ausdrücklich als Faktor an. Nur lässt es sich in einer Rangliste nicht vom Rest trennen. Das Ranking addiert Höhenmeter, Landesgrenzen und Haushaltsdisziplin zu einer einzigen Note. Und die öffentliche Debatte liest daraus dann eine Leistungsbeurteilung.

Wenn die ganze Klasse schlechter wird

Genau darin liegt das Problem solcher Hitparaden. Die Lokalzeitung fragt nicht, warum Tweng vorne liegt. Sie fragt den Bürgermeister auf Platz 1.800, warum er so weit hinten liegt. Die Opposition im Gemeinderat hat ein neues Argument, der Nachbarort ein neues Thema für den Stammtisch. Erklärt ist damit nichts, aufgeregt sind viele.

Dabei steckt die eigentliche Nachricht des Rankings in einer unscheinbaren Zahl. 2024 reichte für die Top 250 noch eine Bonitätsnote von 1,89. 2025 waren es 2,00, heuer genügt eine 2,29. Im Schulnotensystem heißt das: Die Klasse wird schlechter, und mit ihr werden es auch die Klassenbesten. Das KDZ nennt als Gründe die Inflation und die steigenden Transferzahlungen an die Länder. Die Spitzengruppe ist also nicht besser geworden, sie ist nur langsamer abgestiegen.

Dass Erste Bank und Wiener Städtische das Ranking mittragen, ist legitim. Kreditgeber wollen wissen, wer seine Raten zahlen kann. Für die kommunalpolitische Debatte zählt aber eine andere Frage: Warum hängt die finanzielle Handlungsfähigkeit einer Gemeinde so stark davon ab, in welchem Bundesland und auf welcher Seehöhe sie liegt?

Ein Zeugnis für das System

Liest man das Bonitätsranking als Rangliste, belohnt es Skilifte und bestraft Landesgrenzen. Liest man es als Befund, wird es interessant. Dann zeigt es einen Finanzausgleich, der zentralörtliche Aufgaben nur unzureichend abgilt, Umlagesysteme, die von Land zu Land völlig anders zugreifen, und Kleinstgemeinden, deren Kennzahlen eher vom Zufall als von der Arbeit im Amt bestimmt werden.

Das Bonitätsranking ist deshalb kein Zeugnis für Gemeinden. Es ist eines für das System, in dem sie wirtschaften müssen. Und dieses Zeugnis fällt Jahr für Jahr schlechter aus. Ein System, in dem die Postleitzahl mehr über die Finanzkraft verrät als die Haushaltsführung, braucht keine weitere Rangliste. Es braucht eine Reform.

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