
„Die Stadt der Zukunft wird nicht vom Kleingewerbe leben können.“ Elke Florian denkt über künftige Szenarien für eine lebenswerte Stadt nach.
© Wolfgang Spekner
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„Weniger sudern, mehr mitmachen“
Seit Juni leitet Elke Florian die Geschicke der Stadt Judenburg. Die 48-jährige Bürgermeisterin mit illustrem Lebenslauf erklärt im KOMMUNAL-Interview ihre Prioritäten und Vorhaben und warum die Judenburger Mountainbiker mögen.
Judenburg liegt am südwestlichen Rand des Aichfelds, jener beckenförmigen Weitung des Murtals, in der sich auch Österreichs größter Fliegerhorst (in Zeltweg) und die bekannteste Rennstrecke des Landes (in Spielberg) befinden. Es ist Sitz der Bezirkshauptmannschaft Murtal.
Die Verwaltung des Bezirks teilt es sich mit der zweiten größeren Stadt des Aichfelds, Knittelfeld. Judenburg hat zahlreiche ganz unterschiedliche Persönlichkeiten hervorgebracht – von Renate Götschl über Alf Poier bis Jack Unterweger.

Kaum jemand aber passt so gut zur Stadt wie die neue Bürgermeisterin Elke Florian. Die neue Ortschefin der Industrie- und Stahlstadt hat ihre berufliche Karriere nämlich nicht nur als Industriekauffrau bei der VOEST-Alpine Bergtechnik begonnen. So bunt wie die zahlreichen Fähnchen, die das historische Zentrum Judenburgs schmücken, ist auch ihr Lebenslauf.
Aus der Stahlindustrie wechselte Florian bald in die Touristik und war als Reiseleiterin zehn Jahre lang für Touropa Austria weltweit im Einsatz, davon fünf Jahre allein in Sizilien. Mitte der 2000er-Jahre holte sie die Abendmatura nach und studierte anschließend an der Universität in Klagenfurt Englisch und Italienisch sowie Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Nach erfolgreichem Abschluss begann die frischgebackene Magistra als Lehrerin für Englisch und Italienisch an der HLW im Nachbarort Fohnsdorf zu unterrichten.

Zur Politik schließlich kam Elke Florian zwar auch über ihr gewerkschaftliches Engagement, grundsätzlich aber, weil sie schon immer politisch interessiert war: „Ich habe mich immer gefragt, wie das in einer Gemeinde so läuft. Warum dauern manche Dinge so lange? Warum funktionieren manche Sachen gar nicht, andere aber schon? Und wer bestimmt eigentlich was? Deswegen wollte ich mir von innen anschauen, wie Politik wirklich funktioniert. ,Weniger sudern und mehr mitmachen‘, hab ich mir gedacht. Der einzige Weg, wie man das alles wirklich erfahren kann, ist, sich auf Gemeindeebene zu engagieren. Und das habe ich dann auch getan.“
2015 zog sie in den Gemeinderat ein, wurde Kulturreferentin und Vizebürgermeisterin. Im Juni dieses Jahres übernahm Florian schließlich nach einstimmiger Wahl durch den Stadtparteivorstand den Chefsessel ihres scheidenden Vorgängers Hannes Dolleschall.
Budgetkonsolidierung hat Priorität
Ihre Prioritäten setzt die Bürgermeisterin unmissverständlich: „Das Wichtigste ist momentan, dass wir unser Budget konsolidieren. Daran führt kein Weg vorbei. Nicht aufgrund dessen, dass vorher besonders schlecht gewirtschaftet worden wäre, sondern weil wir die gleichen Probleme wie viele andere Gemeinden auch haben, etwa die finanziellen Herausforderungen in Bezug auf die Energiepreise, die Baukostenpreise und vielleicht auch noch Lohnrunden. Es ist wirklich das Wichtigste und Vordringlichste, das Budget auf solide Beine zu stellen – nämlich so, dass uns auch für Investitionen noch Geld übrig bleibt. Wenn das hoffentlich gelungen ist, dann geht es weiter zu allem, was Sicherheit, Infrastruktur und Umwelt betrifft.“
Augenmerk auf Katastrophen- und Zivilschutz ...
Florian räumt ein, dass es kein besonders sexy Thema sei, dennoch werde sie ihr Augenmerk verstärkt auf den Katastrophen- und Zivilschutz legen: „Es ist ja nicht die Frage, ob uns etwas trifft – egal ob Waldbrand, Überschwemmung oder sonst etwas –, sondern eigentlich nur wann.“
Auch ein mögliches Blackout sei ein Thema, allerdings stehe man derzeit noch am Anfang und arbeite am Fundament. In einem ersten Schritt baut die Gemeinde mit der Feuerwehr einen Krisenstab auf, im zweiten Schritt werden andere große Einsatzorganisationen wie Rettung, Polizei und Bundesheer dazugeholt und wenn die Strukturen ausgearbeitet sind, sollen in einem dritten Schritt Übungen abgehalten werden – auch mit Blackout-Szenarien.
... Umwelt
Neben der Sicherheit ist die Umwelt ein weiterer Schwerpunkt auf Florians Agenda: „Dabei geht es um die Beschattung der Stadt, um Energieeffizienz, um den Ausbau des Rad- und Fußverkehrs, Urban Gardening und noch einiges mehr.“ Aktuell erstellt die Stadt beispielsweise Pläne dafür, wo Baumpflanzungen sinnvoll wären.
... und Infrastruktur
Vervollständigt wird Florians Prioritätenliste mit dem Thema Infrastruktur. Damit meint sie aber nicht nur Straßen, sondern auch Kinderbetreuung und leistbares Wohnen, denn „die Stadt der Zukunft wird nicht vom Kleingewerbe leben können und ich glaube nicht, dass in absehbarer Zeit der Handel in die Städte zurückziehen wird. Es wäre wohl auch wahnsinnig schwierig, dem Internethandel den Rang abzulaufen.“
Schwierige Aufgabe Innenstadtbelebung
Die Innenstadtbelebung ist in Judenburg übrigens seit Jahrzehnten eine der schwierigsten Aufgaben. Als um die Jahrtausendwende in der Nachbargemeinde Fohnsdorf ein Einkaufszentrum mit über hundert Geschäften auf die grüne Wiese gebaut wurde, gab das der Judenburger Innenstadt und insbesondere dem dortigen Handel, wenn nicht gerade den Todesstoß, so doch immerhin einen Schlag, der bleibende Schäden verursachte.
Doch wie erhält und forciert man die „lebenswerte Stadt“? Elke Florian kennt die Antwort: „Über den Zuzug von Frauen mit Familien. Genau dafür müssen wir die passende Infrastruktur bieten.“ Auch aus diesem Grund eröffne die Stadt gerade eine Kinderkrippe für 25 Kinder. Es folgt, mit Unterstützung des Landes, ein Kindergarten mit ebenfalls zwei Gruppen.

Schon bisher war Judenburg bei der Kinderbetreuung sehr gut aufgestellt und Ganztagesbetreuung bis zumindest 16 Uhr selbstverständlich. Dennoch möchte man im Herbst noch eine zusätzliche Vormittagsbetreuung für Kinder, die keinen Kindergartenplatz haben, beschließen. Die Überlegung dahinter fasst die Bürgermeisterin knapp zusammen: „Wenn Frauen finden, dass Judenburg ein Ort ist, an dem man leben kann, weil es eine umfassende Kinderbetreuung gibt, weil es gute Fußwege gibt, weil es ein ansprechendes Freizeitangebot gibt – dann kommen auch ganze Familien. Denn wir wissen: Dort, wo die Frauen hinziehen, sind auch bald die Männer und in weiterer Konsequenz die Familien.“
Legale Mountainbike-Strecken
Apropos Freizeitangebot – Judenburg hat etwas geschafft, womit viele Gemeinden noch hadern. Die Stadt hat legale Mountainbike-Strecken im Gemeindewald angelegt. Das erscheint auch notwendig, immerhin ist laut Umfragen Mountainbiken nach Wandern der zweitbeliebteste Sommersport der Österreicher in den Bergen. Mit der Etablierung der Mountainbike Region Murtal setzen sich nun alle beteiligten Gemeinden für mehr legale Strecken ein.
„Unser Sender-Trail [benannt nach dem dortigen Sendemast am Reiflingeck Anm.] besteht aus drei Strecken mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und einer richtigen Jumpline. Aktuell planen wir das Angebot noch um eine eigene Kids Area zu erweitern.“
Entworfen und gebaut wurden die Strecken von zwei darauf spezialisierten MTB-Profis, mit denen auch ein Wartungsvertrag besteht. Die Haftungsfrage ist über den ASKÖ geregelt, inklusive der notwendigen Versicherungen. Auch mit den Jägern ist man in gutem Einvernehmen und regelmäßigem Kontakt.
„Unser Stadtwald ist ein Nutzwald, da kann man sich als Mountainbiker legal austoben. Die Strecken sind auch gratis und werden es auf absehbare Zeit auch bleiben. Nachdem sie mit öffentlichen Geldern finanziert sind, sollten sie der Bevölkerung auch offenstehen. Wir sind froh, dass wir den Berg und ein wenig finanzielle Mittel zur Verfügung stellen können. Und schließlich unterstützt das auch den Tourismus, den wir wollen – sanften Radtourismus. Aber die ,wilden‘ Mountainbiker mögen wir auch“, fügt die Ortschefin augenzwinkernd hinzu.

Bislang hat Elke Florian noch keine Entscheidung bereut: „Ich stimme mich ja mit den Kollegen, den anderen Fraktionen und der Verwaltung ab, hole mir so viel Informationen und Meinungen wie notwendig, und im Gemeinderat entscheiden wir dann gemeinsam. Ich bin ja kein Diktator.“ Hinsichtlich ihrer Karriere hat die 48-Jährige keine konkreten Zukunftspläne: „Ich mach das jetzt, so lange es mir Freude macht und ich wiedergewählt werde. Das Amt wird mich die nächsten Jahre ausfüllen. Mit 65 oder 70 Jahren möchte ich in Pension gehen und dann vielleicht nochmals Sprachwissenschaft oder Ethik studieren“, erzählt Florian. Bis dahin gibt es allerdings für die überzeugte Sozialdemokratin in Judenburg noch genug zu tun.
Zur Person
Elke Florian
Alter: 48
Gemeinde: Judenburg
Einwohnerzahl: 9.557 (2021)
Bürgermeisterin seit: Juni 2022
Partei: SPÖ