Gemeindebund Präsident Johannes Pressl mit Andreas Kollross, dem neuen Vizepräsidenten des Gemeindebundes.
Gemeindebund Präsident Johannes Pressl mit Andreas Kollross, dem neuen Vizepräsidenten des Gemeindebundes.
© Gemeindebund/Marschik

Portrait

Vom Trumauer Rathaus ins Präsidium des Gemeindebundes

Andreas Kollross, SPÖ-Bürgermeister von Trumau, ist neuer Vizepräsident des Österreichischen Gemeindebundes. Ein Porträt über einen Sozialdemokraten, der immer ein Ohr bei den Menschen und ein Gespür für literarische Schätze hat.

Es ist der 30. September 2026. Der Bundesvorstand des Österreichischen Gemeindebundes hat Andreas Kollross, Bürgermeister von Trumau im Bezirk Baden in Niederösterreich, gerade zum Vizepräsidenten gewählt. 92 Prozent stimmen für ihn.

Erich Trummer, SPÖ Bürgermeister der Gemeinde Neutal im Bezirk Oberpullendorf übergibt an diesem Tag an seinen Parteikollegen. Er hatte das Amt seit 2024 inne. Mit Kollross kehrt die Vizepräsidentschaft nach Niederösterreich zurück, ins gemeindereichste Bundesland.

Der 55-Jährige wählt für diesen Moment keine großen Worte über Macht. Er spricht von Freude. „Kommunalpolitik ist für mich die schönste Aufgabe aller politischen Bereiche“, sagt er. Es sei „eine ganz besondere Ehre“, die Städte und Gemeinden in ganz Österreich vertreten zu dürfen.

Wer ist der Mann, der jetzt an der Spitze der wichtigsten kommunalen Interessenvertretung mitredet? Und was will er dort erreichen?

Vom Lehrling zum Abgeordneten

Der im Jahr 1971 geborene Politiker absolvierte eine Elektroinstallateurs-Lehre, und startete sich früh seine politische Karriere. Mit 18 Jahren führt er bereits die Sozialistische Jugend in Trumau. 1993 übernimmt er die SJ Niederösterreich, von 2000 bis 2004 ist er Bundesvorsitzender der Sozialistischen Jugend Österreich. Parallel findet er eine zweite Heimat: die Kinderfreunde. Seit 1995 leitet er die Ortsgruppe Trumau, seit 2004 ist er Landesvorsitzender in Niederösterreich. Von 1994 bis 2017 arbeitet er für die SPÖ Niederösterreich, zehn Jahre davon als Bezirksgeschäftsführer in Baden.

Trumau als Basis

Der Gemeinderat ist sein erstes Mandat. 1995 zieht er in Trumau ein, ab 1998 als geschäftsführender Gemeinderat. 2003 scheidet er aus. Zehn Jahre später kommt er zurück, diesmal an die Spitze. Im Juni 2013 folgt er Otto Pendl als Bürgermeister nach. Die Wahl im Gemeinderat am 6. Juni 2013 fällt einstimmig aus.

Trumau liegt im Bezirk Baden an der Triesting, rund 18,6 Quadratkilometer groß. Die Marktgemeinde zählt etwa 3.700 Einwohnerinnen und Einwohner.  Die Trumauer danken ihm seine Arbeit mit Rekordwerten. Bei der Gemeinderatswahl am 26. Jänner 2025 holt das „Team Kollross“ 79,68 Prozent und 20 von 23 Mandaten. Die ÖVP fliegt aus dem Gemeinderat. Kollross reagiert mit Selbstironie. Er könne „jetzt eigentlich nur mehr zurücktreten“, scherzt er. Ein besseres Ergebnis werde er wohl nicht mehr erreichen. Er sei „wirklich schwer beeindruckt“.

Sieben Jahre Nationalrat

2016 wird Kollross Bezirksparteivorsitzender der SPÖ Baden und Spitzenkandidat. Am 9. November 2017 zieht er für den Regionalwahlkreis Thermenregion in den Nationalrat ein. Er bleibt zwei Gesetzgebungsperioden, bis 23. Oktober 2024. Im SPÖ-Klub ist er Bereichssprecher für kommunale Angelegenheiten sowie für Petitionen und Bürgerinitiativen. 

Der Abschied aus Wien fällt mit einem Aufstieg in der Gemeindepolitik zusammen. Schon im November 2021 übernimmt er den Vorsitz des Sozialdemokratischen GemeindevertreterInnenverbands Österreich. Am 26. Juni 2024 wählen ihn die Delegierten in St. Pölten mit 94,28 Prozent zum Präsidenten des NÖ GVV. Beide Male folgt er Rupert Dworak nach.

Zuhören als Format

Seit 2025 hat Kollross einen eigenen Kanal: den Podcast „Kollross Kommunal“ mit dem Slogan „Gemeinde. Leben.“. In den bisherigen Folgen spricht er mit Gästen über Gemeindefinanzen, Kinderarmut, Arbeitsmarkt und Gemeindebibliotheken. Zu Gast waren etwa Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl, Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger und sein Vorgänger Rupert Dworak.

Die Gästeliste zeigt, was ihm im neuen Amt wichtig sein dürfte: der Draht über Parteigrenzen hinweg. Die „überparteiliche Zusammenarbeit“ sei ihm „besonders wichtig“, sagt er nach seiner Wahl.

Ecken und Kanten

Kollross ist kein Politiker der leisen Töne. Und doch auch ein feinsinniger Literaturliebhaber, der seinen Followern auf Facebook gerne erlesene Buchtipps gibt. Und gerade dieses offene Auftreten in den sozialen Medien hat ihm auch Ärger eingebracht. Ende Dezember 2023 stellt er in einem Facebook-Posting die Frage, ob sich per Gemeinderatsbeschluss ein „Ius primae noctis“ für den Bürgermeister einführen ließe – eine Anspielung auf den Film „Braveheart“. Die Kritik ist heftig, der Vorwurf lautet: Verharmlosung sexualisierter Gewalt.

Kollross löscht den Beitrag und entschuldigt sich. „Mir ist klar, dass das Posting nicht in Ordnung war“, sagt er laut ORF. Er wolle „künftig entsprechend handeln“. Für seinen Parteifreund Rupert Dworak ist die Sache damit erledigt. Die ÖVP-Frauensprecherin im Landtag, Silke Dammerer, hält die Entschuldigung dagegen für unzureichend: „Dieses frauenverachtende Weltbild hat in unserer Gesellschaft keinen Platz.“

Die Episode gehört zum Bild. Sie zeigt einen Politiker, der zuspitzt – manchmal über das Ziel hinaus. Seine Wahl mit 92 Prozent im überparteilichen Bundesvorstand des Gemeindebundes lässt den Schluss zu, dass ihm verdientermaßen über die eigene Partei hinaus Vertrauen entgegengebracht wird.

Die neue Rolle: Vize im Gemeindebund

Im Präsidium des Gemeindebundes sitzt Kollross nun neben Präsident Johannes Pressl.

Die Kommunen seien vor allem durch eine „nicht selbst verschuldete, finanzielle Anspannung“ geprägt, sagt Kollross nach seiner Wahl. Lösen lasse sich das nur gemeinsam.  In Trumau bleibt er Bürgermeister. Die Gemeinde baut derzeit eine neue E-Ladestation hinter dem Volksheim. Finanziert wird sie aus den Einsparungen durch die Umstellung der Straßenbeleuchtung. Pragmatisch, ausdauernd und konsensorientiert, so zeigt sich Andreas Kollross. Dieser Zugang hat ihn nun an die Spitze des Gemeindebundes gebracht.

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