Das Dilemma der regionalen Wasserversorger und in weiterer Folge der Bürgermeister liegt darin, dass fast alle Poolbesitzer zur gleichen Zeit das Schwimmbecken befüllen.
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Wassermanagement
Wenn der Swimmingpool zum Problembären wird
Jeden Frühling wiederholt sich das gleiche Szenario: Kaum steigen die Temperaturen, greift man in tausenden Haushalten gleichzeitig zum Gartenschlauch, um den privaten Pool auf dem eigenen Grundstück zu befüllen. Ein durchschnittliches privates Schwimmbecken von 8 × 4 Metern verschlingt dabei bis zu 80.000 Liter Trinkwasser – das ist fast so viel, wie ein Vier-Personen-Haushalt in einem ganzen Jahr verbraucht. Was früher eine harmlose Sommerroutine war, wird für viele österreichische Gemeinden immer häufiger zur Bewährungsprobe.
Österreich gilt traditionell als wasserreiches Land. Durch den Klimawandel ändert sich jedoch einiges - und zwar mit einer Doppeldynamik, die Wasserversorger und Gemeinden gleichermaßen fordert. Einerseits nehmen Extremniederschläge und Hochwasser zu: Das Hochwasser in Niederösterreich im September 2024 entsprach an manchen Messstellen einem statistischen 1000-Jahresereignis, über 16 Prozent aller Flussmessstellen im Land überschritten dabei den HQ100-Pegel. Andererseits – und das ist für die Trinkwasserversorgung die langfristig drängendere Frage – nehmen Trockenheit und Hitzeperioden massiv zu.
Die stille Krise unter der Oberfläche
Die Mechanismen dahinter sind laut Roman Neunteufel vom Institut für Siedlungswasserbau der BOKU Wien gut verstanden: Wärmere Temperaturen bedeuten mehr Sonnenschein und vor allem höhere Verdunstung – diese hat in Österreich in den vergangenen 30 Jahren um rund 75 Millimeter, also 16 Prozent, zugenommen. Hinzu kommen sogenannte Omega-Wetterlagen: besonders stabile Hochdruckgebiete, die sich über Mitteleuropa fixieren und langanhaltende Hitzewellen verursachen. Die Folge ist weniger Schneespeicherung, mehr oberflächlicher Abfluss statt Grundwasserneubildung und eine generell ungleichmäßigere Ressourcenverfügbarkeit.
Besonders eindringlich ist eine Zahl aus der Studienreihe „Wasserversorgung und Versorgungssicherheit“ (ÖVGW/BOKU, Neunteufel 2025): Extreme Dürre trat im Zeitraum 1981 bis 2010 im Durchschnitt alle 15 Jahre auf. Für den Zeitraum 2071 bis 2100 prognostizieren Klimamodelle, dass solche Extremereignisse im Schnitt alle fünf Jahre eintreten werden – also dreimal so häufig wie bisher.
Trockenperioden wie in den Jahren 2003, 2015 und 2018 und Extremwetterereignisse nehmen zu. Der Anstieg der Lufttemperatur und die damit verbundenen Änderungen bei Niederschlägen und Trockenperioden wirken sich unmittelbar auf die Wasserressourcen und deren Verfügbarkeit aus. Die Konsequenz ist besorgniserregend: Laut der Studie „Wasserschatz Österreichs“ (Umweltbundesamt/BOKU Wien/Ingenieurbüro DI Holler, im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, 2021) könnten die verfügbaren Grundwasserressourcen in Österreich im ungünstigsten Klimaszenario bis 2050 um bis zu 23 Prozent – von derzeit 5,1 auf 3,9 Milliarden Kubikmeter – abnehmen.
Eine aktualisierte Nachfolgestudie, an der TU Wien, GeoSphere Austria, BOKU Wien und weitere Partner arbeiten, wird im Oktober 2026 neue Erkenntnisse liefern. Erste Zwischenergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf den österreichischen Wasserhaushalt stärker ausfallen könnten als bislang angenommen.
Weniger Niederschlag und schwindender Schneespeicher
Gleichzeitig steigt der Bedarf: Der aktuelle Wasserbedarf im Sektor der öffentlichen Wasserversorgung – also für Trinkwasser und Haushalte – liegt bei 753 Millionen Kubikmeter pro Jahr und wird sich laut der Studie „Wasserschatz Österreichs“ (BMLRT/UBA/BOKU, 2021) bis 2050 um elf bis 15 Prozent auf 830 bis 850 Millionen Kubikmeter erhöhen.
In einzelnen Gemeinden mit starkem Bevölkerungswachstum kann der Bedarf sogar um bis zu 50 Prozent steigen. Besonders alarmierend: Zum zweiten Mal in Folge war auch der heurige Winter 2025/2026 in Österreich zu trocken und schneearm.
Laut dem offiziellen Wasserhaushalts-Bericht des Bundesministeriums BMLUK und GeoSphere Austria fiel österreichweit etwa 22 Prozent weniger Niederschlag als im langjährigen Durchschnitt – besonders betroffen waren Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich mit Defiziten von bis zu 40 Prozent. Damit fehlte in zwei aufeinanderfolgenden Jahren der saisonale Schneespeicher, der für die Grundwasserneubildung im Frühjahr entscheidend ist. Im Vorwinter 2024/2025 betrug das Niederschlagsdefizit sogar rund 44 Prozent.
Neunteufel verweist in diesem Zusammenhang auf einen weiteren, wenig beachteten Klimawandeleffekt: Durch geringere Verdünnungseffekte bei niedrigen Grundwasserständen und die Ausschwemmung akkumulierter Stoffe nimmt nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des verfügbaren Grundwassers Schaden – was zusätzliche Aufbereitungsanlagen nötig machen kann.
Rund eine halbe Million Pools: die Dimension des Problems
Das Problem wird durch folgende Zahl greifbar: Laut einer Masterarbeit der BOKU Wien gibt es in Österreich rund 250.000 Einbaupools sowie rund 200.000 Aufstell- und Kleinpools. Dazu kommen etwa 30.000 private Schwimmteiche und Naturpools. Insgesamt also rund 480.000 Becken – und ihre Zahl wächst stetig. Rund ein Fünftel aller Gärten in Österreich verfügt mittlerweile über einen Pool.
Für die Gemeinden entsteht daraus ein konkretes Verwaltungsproblem, denn besonders kritisch ist dabei der Zeitraum rund um den 1. Mai, der sich historisch als inoffizieller Start der Badesaison etabliert hat. Genau dann kann das Wasser in der jeweiligen Gemeinde knapp werden.
Das Dilemma der Bürgermeister
Das wirkliche Dilemma der regionalen Wasserversorger und in weiterer Folge der Bürgermeister liegt darin, dass fast alle Poolbesitzer zur gleichen Zeit das Schwimmbecken befüllen. Hier besteht die Gefahr, dass die Wasserversorgung der Gemeinden im schlimmsten Falle zusammenbrechen kann.
Ein oft übersehenes Zusatzrisiko: Viele private Pools werden nicht regelmäßig gewartet und können eine Brutstätte für Keime und Bakterien darstellen. Wenn das Poolwasser dann abgelassen wird, gelangt es unmittelbar in das Grundwasser und somit in den Wasserkreislauf, was langfristig zu einer Verschlechterung der Wasserqualität führen kann.
Verbot oder Koordination? Die politische Gretchenfrage
Auf Landesebene ist die Frage nach einem generellen Befüllverbot politisch heiß diskutiert – und wird mehrheitlich abgelehnt. In Kärnten dürfen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister künftig das Befüllen von Pools und das Gießen von Gartenpflanzen präventiv verbieten. Bisher war das nur im Akutfall erlaubt.
Nach der Änderung des Gemeindewasserversorgungsgesetzes soll es möglich sein, bereits präventiv aktiv zu werden, um Wasserknappheit zu verhindern. Untersagt eine Gemeinde das Poolbefüllen und hält sich jemand nicht daran, drohen bis zu 2.180 Euro Strafe.
Auch der Österreichische Schwimmbadverband sieht das so: Es gehe nicht darum, Pools grundsätzlich zu verbieten oder einzuschränken, vielmehr sei das Ziel, die Befüllung zeitlich zu entzerren, um Spitzenlasten für die kommunale Wasserversorgung zu vermeiden.
Best Practices: Was österreichische Gemeinden bereits tun
Mehrere Gemeinden haben das Problem längst pragmatisch gelöst – und ihre Modelle können als Blaupause für andere dienen, hier ein paar Beispiele.
Lockenhaus: Der digitale Pool-Füll-Kalender
Der Wasser- und Abwasserverband Lockenhaus und Umgebung (WAVL) im Burgenland führte kurzerhand den „Pool-Füll-Kalender" ein, der seither für ungetrübten Badespaß und genügend Wasser sorgt. Bei rund 800 von insgesamt 4.800 Haushalten im Zuständigkeitsgebiet befindet sich ein Swimming Pool im Garten, von eingebauten Pools bis hin zu Aufstell-Varianten. Letztere sind vor allem in der COVID-Zeit „wie die Schwammerl aus dem Boden geschossen", so Christian Böhm, der seit 2017 als Geschäftsführer des Verbands tätig ist.
Heute melden die Poolbesitzer ihre Befüllung online oder telefonisch an – pro Tag werden maximal zehn Befüllungen mit einer Obergrenze von 400 m³ freigegeben. Der Verband setzt dabei konsequent auf freiwillige Kooperation und Informationsarbeit: „Wir haben nie ein Verbot ausgesprochen, sondern immer an die Vernunft appelliert", betont WAVL-Obmann Ernst Dorner. Mit Erfolg: Aktuell nutzen rund 60 Prozent der Poolbesitzer das System regelmäßig – und kritische Verbrauchsspitzen konnten seither wirksam vermieden werden.
In der Praxis punktet der Pool-Füll-Kalender mit seiner Benutzerfreundlichkeit: In nur vier bis fünf Klicks kann die Befüllung unkompliziert angemeldet werden. Auch weniger technikaffine Bürgerinnen und Bürger können ihre Poolbefüllung telefonisch anmelden und der Verband trägt den Termin für sie im digitalen Kalender ein.
Griffen: Koordination über die Gemeindezeitung
In Griffen (Kärnten) werden die Bewohnerinnen und Bewohner seit Jahren über die Gemeindezeitung ersucht, sich am Bauamt zu melden, wenn sie ihren Pool befüllen möchten. „Wir können in Griffen etwa zehn Pools pro Tag befüllen, aber nur während der Nachtstunden, wo der grundsätzliche Trinkwasserbedarf am niedrigsten ist. Erfreulich ist, dass das Bewusstsein in unserer Gemeinde hoch ist und sich mehr als 50 Prozent der Poolbesitzerinnen und Poolbesitzer bei uns melden. Dadurch hatten wir erfreulicherweise bis jetzt keinen Engpass", erklärt Christian Kostenko, der in Griffen für Wasserangelegenheiten zuständig ist.
Sieben Handlungsempfehlungen für Gemeinden
Aus den beschriebenen Erfahrungen lassen sich klare Leitlinien für die kommunale Praxis ableiten:
1. Anmeldesystem einführen. Ob analog (Gemeindezeitung), digital (Pool-Füll-Kalender wie in Lockenhaus) oder per SMS-Service: Wer Befüllungen zentral koordiniert und zeitlich staffelt, schützt das Versorgungsnetz ohne Verbote.
2. Befüllzeiten in Nacht- und Randstunden legen. Befüllungen in den Nachtstunden oder an Wochenenden, wenn der allgemeine Verbrauch sein Minimum erreicht, entlasten das Netz erheblich – und sind für Poolbesitzer meist problemlos umsetzbar.
3. Anreize statt Verbote schaffen. Beispielsweise Kanalgebührenbefreiung als Gegenleistung für die Anmeldung und die Verrieselung (Verrieselung bedeutet, dass das Poolwasser am Ende der Badesaison nicht in die Kanalisation abgeleitet, sondern kontrolliert auf dem eigenen Grundstück versickert wird) des Poolwassers auf eigenem Grund eine kann Compliance von 80 bis 90 Prozent erzielen – weit mehr als Strafandrohungen allein.
4. Satzungsrecht nutzen. Gemeinden haben die rechtliche Handhabe, Befüllungszeiten oder Anmeldepflichten in der Wasserversorgungssatzung zu verankern. In Kärnten ermöglicht die Gesetzesnovelle darüber hinaus das präventive Verbot noch bevor ein Engpass eintritt.
5. Kostendeckung prüfen. Wo der Pool-Boom Infrastrukturausbau erzwingt, können Sonderabgaben helfen, die Kosten gerecht zu verteilen – sofern das jeweilige Landesrecht dies erlaubt.
6. Nachhaltige Alternativen bewerben. Schwimmteiche benötigen weder Filter noch Chemie, das Wasser wird einmal eingelassen und durch Pflanzen gereinigt. Naturpools werden über Jahre durch einen Bio-Filter gereinigt und sparen so nicht nur Wasser, sondern auch Chemie. Gemeinden können diese Alternativen in der Bürgerinformation aktiv empfehlen und in Bebauungsplänen bevorzugen.
7. In Infrastruktur und Vernetzung investieren. Wasserversorgungsunternehmen müssen sich stärker vernetzen, um Spitzenverbräuche auszugleichen. Jede Gemeinde sollte ihre Kennzahlen kennen, etwa die Behälterkapazitäten, die Ressourcenkapazitäten oder die Ausfallskapazitäten, also ob es redundante Versorgungsmöglichkeiten gibt, die im Notfall Wasser liefern können, empfiehlt BOKU-Experte Roman Neunteufel.
Koordination schlägt Konfrontation
Die Frage der Poolbefüllung ist weit mehr als ein sommerliches Ärgernis. Sie ist ein Frühindikator dafür, wie gut Gemeinden für die wasserwirtschaftlichen Herausforderungen des Klimawandels gerüstet sind. Erfahrungen aus den Gemeinden zeigen: Gute Information und Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern sind der Schlüssel. Ob digitaler Buchungskalender, Anmeldeformular oder Gemeindezeitung – die Werkzeuge sind vorhanden. Was fehlt, ist vielerorts nur der erste Schritt: die Entscheidung, das Thema aktiv anzugehen, bevor der erste Engpass eintritt.