Menschen vor stilisierten Uhren
Die demografische Debatte in Österreich kreist um die Geburtenrate wie um einen Patienten, dessen Fieber man täglich misst und den man trotzdem nicht behandelt. Dabei ist die wichtigere Kurve eine andere.
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Demographie

Österreich altert schneller, als es schrumpft

Die Geburtenrate ist 2025 auf den historischen Tiefstand von 1,30 gefallen. Die Statistik Austria hält den Einbruch inzwischen für dauerhaft. Dass Österreich trotzdem noch wächst, verdankt es allein der Zuwanderung. Das eigentliche Problem ist nicht die Zahl der Köpfe. Es ist ihr Alter.

„Österreich schrumpft.“ Der Satz hat sich in diesem Jahr in Kommentaren, Podiumsdiskussionen und Sonntagsreden festgesetzt. Er ist griffig, er ist alarmierend und er ist falsch. Am 1. Jänner 2026 lebten 9.215.956 Menschen in Österreich, um 18.743 mehr als ein Jahr zuvor (Statistik Austria, Pressemitteilung „­Demographie“ vom 29.6.2026). Das Land schrumpft nicht. Es altert. Bei Licht betrachtet ist das die unangenehmere Nachricht, denn gegen Schrumpfen hilft Zuwanderung. Gegen Altern hilft nichts außer Zeit und die arbeitet in die falsche Richtung.

Ein Tiefstand mit Ansage

76.067 Kinder kamen 2025 in Österreich zur Welt. Weniger waren es zuletzt 2001, und damals lebten im Land mehr als eine Million Menschen weniger als heute. Im selben Jahr starben 87.902 Menschen. Das Geburtendefizit beträgt damit 11.835 Personen, und es ist das sechste in Folge: Seit 2020 sterben in Österreich jedes Jahr mehr Menschen, als geboren werden (Statistik Austria, endgültige Geburtenbilanz 2025, Pressemitteilung vom 22.5.2026).

Die Gesamtfertilitätsrate lag 2025 bei 1,30 Kindern pro Frau, nach 1,31 im Jahr davor. Das ist der niedrigste je gemessene Wert (Statistik Austria, 29.6.2026). Wer im Februar die Zahl 1,29 gelesen hat, irrt nicht, er hat nur zu früh gelesen: Es war der vorläufige Wert. Für die Bestandserhaltung einer Bevölkerung ohne Zuwanderung ­bräuchte es rund 2,1. Österreich liegt seit Jahrzehnten darunter. Neu ist nicht die Lücke. Neu ist, wie die Statistik sie bewertet.

Was Statistik Austria jetzt anders sieht

Bis vor Kurzem rechnete Statistik Austria damit, dass sich die Geburtenrate nach dem Knick der Krisenjahre wieder auf ihren alten Pfad zurückbewegt. Pandemie, Energiekrise, Inflation: Das galt als Delle. Mit der Bevölkerungsprognose vom November 2025 hat die Behörde diese Annahme aufgegeben. 

Bevölkerungsentwicklung

Der Einbruch wird nun als dauerhaft eingeschätzt (Fiskalrat, FISK-Büro-Info „Bevölkerungsprognose Statistik Austria“ vom 11.2.2026). Die Folgen sind beträchtlich. Die Vorgängerprognose sah Österreich im Jahr 2070 bei zehn Millionen Einwohnern. Die neue Prognose erwartet einen Höchststand von rund 9,4 Millionen Mitte der 2040er-Jahre und danach einen Rückgang auf rund 9,15 Millionen im Jahr 2070 (Statistik Austria, Bevölkerungsprognose 2025, Pressemitteilung vom 12.11.2025). Selbst dieses Szenario unterstellt, dass die Fertilität bis 2080 wieder leicht auf 1,35 steigt.

Die Statistik hat damit getan, was der Politik bekanntlich am schwersten fällt: Sie hat sich von einer lieb gewonnenen Annahme verabschiedet. Österreich wird schrumpfen. Aber erst in zwanzig Jahren, und bis dahin passiert etwas anderes.

Die zweite Kurve

Diese andere Entwicklung zeigt eine Auswertung, die „profil“ gemeinsam mit der Austria Presse Agentur auf Gemeindeebene durchgeführt hat. Der Anteil der Menschen über 64 Jahren steigt demnach österreichweit von 20,7 Prozent im Jahr 2026 auf 27,3 Prozent im Jahr 2050 („profil“, 3.10.2026, S. 22 und 24; Basis: Statistik Austria und ÖROK-Bezirksprognose). Der Anteil der unter 20-Jährigen sinkt im selben Zeitraum von 19 auf knapp 17 Prozent („profil“, 3.10.2026, S. 27). 

Österreich verliert also nicht Menschen. Es verliert Jugend.

Der Fiskalrat hat die neue Prognose in Budgetzahlen übersetzt. Für das Jahr 2030 rechnet er mit rund 10.000 Geburten weniger und rund 10.000 Sterbefällen mehr als in der Vorgängerprognose. Das reale BIP wächst zwischen 2023 und 2070 im Schnitt um 0,14 Prozentpunkte pro Jahr schwächer, weil die Beschäftigung stärker zurückgeht (Fiskalrat, 11.2.2026). 

Die demografieabhängigen Staatsausgaben für Pensionen, Gesundheit, Pflege und Bildung steigen bis 2070 um 5,7 Prozent des BIP. Das ist bemerkenswerterweise weniger als bisher angenommen, denn zuvor lag der Wert bei 6,7 Prozent. Rund die Hälfte der Differenz erklären geringere Bildungsausgaben (ebd.). Für Kinder, die nicht geboren werden, braucht man keine Schulen. Es ist eine Ersparnis, auf die niemand stolz sein sollte.

Auch die zeitliche Abfolge ist absehbar. Bis 2032 steigen die Kosten der gesetzlichen Pensionsversicherung deutlich, weil die Babyboomer in Pension gehen. Danach stagnieren sie auf hohem Niveau und die Pflegekosten übernehmen die Rolle des Kostentreibers („profil“, 3.10.2026, S. 23 f.). Die fiskalische Grundformel lautet damit: weniger Beschäftigte, schwächeres Wachstum und ein Ausgabenblock, der sich von der Pension in die Pflege verschiebt. Die Pflege aber findet nicht im Budget des Bundes statt, sondern vor Ort.

Wollen, aber nicht können? Oder nicht mehr wollen? 

Warum bekommen Menschen weniger Kinder? Die bequemste Antwort lautet: Sie würden ja gern, aber die Umstände lassen es nicht zu. Für diese These gibt es gute Belege. Europaweit liegt die als ideal genannte Kinderzahl seit Jahrzehnten bei rund zwei und darüber, in Frankreich bei etwa 2,5, und damit deutlich über der tatsächlichen Fertilität (Sobotka/Beaujouan, Population and Development Review, 2014). Wohnkosten, fehlende Kinderbetreuung, späte Partnerschaften und unsichere Erwerbsbiografien schieben den Kinderwunsch auf, bis er sich biologisch erledigt.

Für Österreich ist das aber nur die halbe Wahrheit. Das Geburtenbarometer des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeigt einen Trend, der in der Debatte gern übersehen wird: 2021 plante fast jede fünfte Frau zwischen 20 und 40 Jahren, kinderlos zu bleiben. Mitte der 1980er-Jahre waren es rund sieben Prozent. Von den 1980 geborenen Frauen waren 2024 knapp 20 Prozent kinderlos, für die nach 1990 Geborenen erwarten die Forschenden mehr als 25 Prozent. Das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt liegt bei 30 Jahren, sechs Jahre höher als 1984 (ÖAW-Geburtenbarometer, zit. n. APA/„Tiroler Tageszeitung“ vom 18.5.2026).

Beides gilt also gleichzeitig: strukturelle Hürden, die gewünschte Kinder verhindern, und ein Wertewandel, der den Wunsch selbst seltener macht. Wer nur das eine sieht, verordnet die falsche Therapie. Gegen Hürden helfen Wohnraum, Betreuung und Vereinbarkeit. Gegen einen Wertewandel hilft keine Prämie.

Was daraus folgt

Die demografische Debatte in Österreich kreist um die Geburtenrate wie um einen Patienten, dessen Fieber man täglich misst und den man trotzdem nicht behandelt. Dabei ist die wichtigere Kurve eine andere. Selbst wenn die Fertilität morgen auf 2,1 spränge, würde das am Altersaufbau des Jahres 2050 wenig ändern: Die Erwerbstätigen, die dann Pensionen und Pflege finanzieren sollen, sind heute bereits geboren. Oder eben nicht.

Für die nächsten 25 Jahre ist die entscheidende Frage deshalb nicht, wie man mehr Geburten erzeugt. Sie lautet, wie ein Land funktioniert, in dem mehr als jeder Vierte über 64 ist. Diese Frage beantwortet nicht der Bund im Durchschnitt. Sie beantworten die Gemeinden im Einzelfall. 

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